Gesellschaft | 16.02.2009

Briefwechsel: Mitzu und die Ameisenfabel

Text von Mitzu | Bilder von Michael Baumann
Wie fühlt man sich zur kalten Jahreszeit, wenn man den ganzen Sommer nichts getan hat, auf das man stolz sein könnte? Manchmal trifft einem der Winter hart.
Der eine in London, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

Solothurn, 16. Februar 2009

Hey Baba,

ich weiss. Ich bin einen Tag zu spät mit unserem Wechsel, obwohl wir es uns heilig versprochen haben. Es tut mir leid.  Aber so wie deine erste Stunde am Tag in London sieht leider meine ganze Woche aus. Aber es ist geil. Ich bin gefordert und nur das macht Spass und man fordert sich selber heraus und schaut, was man alles noch in so einen Tag reindrücken kann und weidet sich genüsslich am Blick über die Schulter, wenn man an den anderen vorbeidüst.

Du weisst in etwa, wie ich mein letztes Jahr verbracht habe. Nun noch für die ganze Welt (umpff), ich habe eigentlich und im Wesentlichen GAR nichts getan. Ich habe mich fast nur auf meinen Geist konzentriert und probierte herauszufinden, ob ich in dieser Gesellschaft, in diesem Leben überhaupt mitmachen will, oder inwiefern ich bereit wäre, aufs gesellschaftliche zu verzichten und mich irgendwohin zu verziehen und da weiterhin Studien im Tempo des Opiumrausches zu tun.

Fazit: Im Sommer geht das alles wunderbar. Im Winter nicht. (Wo wir bei Lafontaine wären mit seiner Ameisenfabel, das wahrscheinlich meistzitierte Kurzstück aus der Literaturgeschichte.)

Für alle, die in dieser Französich-Lektion gerade zum Fenster raus geschaut haben, es handelt sich dabei um die lebensfrohe Grille, die im Sommer musiziert und sich an der Herrlichkeit der Welt erfreut, um dann im Winter zu merken, dass die Ameisen, die im Sommer geschuftet haben, sie nicht reinlassen und sie füttern und wärmen. Im Gegenteil, die Grille bekommt noch die Moralkeule an das Musikerköpfchen geschlagen.

Und mein Fazit ist dasselbe: Komplizierend, dass ich mich in einer Person als Ameise und Grille fühle. Weil, obwohl im Winter an dem Herdes Feuer und mit vollem Ranzen, fühlt man sich doch leer und hat nichts geschaffen im Sommer auf das man im Winter bauen könnte und man ist im Winter, vor allem in Solothurn, das Nebelloch im Mitteland, der Herrlichkeit der Welt nicht gleich ansichtig.

Und was auch noch dabei rausgesprungen ist, in meinem Jahr, ist, dass es nur sekundär darum geht, in der Gesellschaft, die ja ach so schlecht ist und bevölkert von Nazikapitalisten und besoffenen Neomarxisten (definitiv im Trend in der Schweiz), mitzumachen, sondern das es wirklich und wahrhaftig eigentlich darum geht, bei sich selbst mitzumachen. Und mit Freude Projekte, wie dieses hier verfolgt, mit denen man es in emotionalen Frostphasen schafft, sich warm zu halten.

Und das man gute Freunde hat.

Auch wenn diese selbst zugeben, dass sie sich der niedersten Form des Narzissmus schuldig bekennen. Sie haben Spass an Facebook und machen bei diesen Spielen da mit……….tssss.

Merci für deinen schriftlichen Farbtupfer, die Erzählung Deines morgendlichen Weges. Sei dir dessen bewusst, dass das ein absolutes Privileg darstellt. Vor allem für einen Solothurner, der bis anhin im Nebelloch gewohnt hat.

Die Schweiz als Solothurn von Europa.

So.

Bin hundsmüde.

Heb Sorg und bis bald. Mitzu

Die Fortsetzung des Briefwechsels folgt nächste Woche.