Gesellschaft | 26.01.2009

Unabhängigkeit auch im Alter

Text von Tian Hartmann
Nichts kann Beat Egli bei seiner Arbeit aufhalten: Respektlose Jugendliche, das kalte Wetter oder ein Gehirntumor - beharrlich verkauft der 60-jährige seine Surprise-Hefte.
Beat Egli ist auch in den kalten Tagen an seinen Verkaufsstandorten anzutreffen: "Ich bin warm eingepackt." Fotos: Tian Hartmann Hat eine 6-Tagewoche. Nur am Samstag nimmt er sich frei. Blöde Kommentare von Passanten perlen an Beat Egli ab: Er weiss, was er tagtäglich leistet.

Es ist ein nasskalter Januarabend. Der Regen tropft unablässig auf die Menschen. Ich stehe beim Gleis 18, am äussersten Rand des Zürcher Hauptbahnhofs. Meine Augen eilen suchend von Gesicht zu Gesicht. Es dauert eine Weile bis ich Beat Egli, den Surpriseverkäufer, finde. Er steht in der hintersten Ecke des Perrons. Oberhalb einer Treppe, über die sich die Pendlerströme vom Gewerbeschulequartier in die Tiefe des Hauptbahnhofes flüchten, hat er sich eingerichtet. Der Wind peitscht Regenschwaden unters Vordach. Beat Eglis Standort ist nur bedingt geschützt. Weiter hinuntersteigen darf er aber nicht, denn er muss stets auf öffentlichem  Grund bleiben. Es ist ein ungemütlicher Arbeitsplatz. Doch die Regenspritzer und die Kälte stören Beat nicht: „Ich bin warm eingepackt“, lächelt er, „die Kälte kann mir nichts anhaben“. Trotzdem wünscht er sich manchmal einen Platz, der etwas besser geschützt ist. Neben ihm steht sein Wägelchen, darauf liegt die aktuelle Ausgabe des Strassenmagazins. „Heute ist kein guter Tag“, gibt er mir gleich zu Beginn zu Wissen. Das nasse Wetter treibt die Leute eilends hinunter in den Untergrund und minimiert so Beats Verkaufschancen.

Wetterfest

Beat Egli ist 60 Jahre alt. Aufgewachsen ist er im Luzernischen, wo er die Primarschule besuchte. Danach hat er keine Ausbildung absolviert, arbeitete zeitlebens als Magaziner und nahm Gelegenheitsjobs an. „Ich habe mich immer durchschlagen können“, verrät er mir nicht ohne Stolz. Zuletzt verteilte er Zeitschriften und Werbungen, als ihn sein Arbeitskollege Ruedi Kälin überredete, auch als Strassenmagazin-Verkäufer anzufangen. Seit vier Jahren verkauft er nun Surprise. Diese Arbeit mochte er von Beginn weg. Er geniesst den Kontakt mit Menschen, die Selbständigkeit und die Arbeit im Freien. Doch nach einem Jahr kam der Schicksalsschlag: Eine Tumorerkrankung wurde bei ihm diagnostiziert. Operationen im Unispital und eine langwierige Genesung folgten. Es war eine schwierige Zeit für Beat Egli, der keine Familie hat. Doch ganz seinem Naturell entsprechend, liess er sich nicht unterkriegen und verkauft seit nunmehr zwei Jahren wieder an seinen Plätzen das Strassenmagazin. Neben dem Sihlquai ist er bei besserem Wetter auch am Rennweg und in anderen Schweizer Städten anzutreffen.

Unabhängig dank Surprise

Beat Egli bezieht Sozialhilfe. Die spärlichen Zuwendungen kann er mit seiner Arbeit aufbessern. Stolz erzählt er mir: „Ich bin jetzt in der Lage, alle meine Rechnungen selbst zu bezahlen.“ Seine Arbeit verleiht ihm Unabhängigkeit und Würde. Die Schattenseiten seiner Tätigkeit erlebe ich direkt vor Ort: Während wir uns unterhalten, ziehen vier Jugendliche mit Gelfrisuren und glänzenden Daunenjacken vorbei. Respektlos machen sie sich über den Surprise-Verkäufer lustig. Ich koche innerlich, während er ruhig bleibt: „Sowas kommt schon mal vor, doch ich ignoriere die Sprüche“. Er erzählt mir ein Erlebnis aus seinem Alltag: Letzhin sei eine Frau nahe an ihm vorbeigegangen und habe ihrem Kind zugeflüstert: „Schau, ein Bettler“. Diese unbedarft gewählten Worte perlen an Beat Egli ab. Er selbst weiss, was er tagtäglich leistet. Jeden Morgen steht er in aller Frühe an seinem Posten und verkauft bei Wind und Wetter das Strassenmagazin. Sechs Tage die Woche, nur am Samstag gönnt er sich eine Pause. „Das ist harte Arbeit, keine Bettlerei“. Solange es noch geht, will er den Job ausüben. „Die Arbeit gefällt mir. Zudem weiss ich nicht, ob ich in meinem Alter noch eine andere Beschäftigung finden würde“.

Freundschaft statt Konkurrenzdruck

Kurz nach halb Sieben finden nur noch vereinzelt Leute den Weg an uns vorbei. Beat packt die Magazine feinsäuberlich in seinen Rollkoffer. Es war kein guter Tag. Dennoch freut er sich jetzt auf das Feierabendbier im Restaurant. Dort trifft er seine Arbeitskollegen, die er an der Ausgabestelle der Magazine kennengelernt hat. „Das Verhältnis untereinander ist super“, erzählt er mir, als wir nebeneinander durch die Bahnhofshalle gehen. Konkurrenzdruck und Platzneid gäbe es nicht. Seine Kollegen seien stets mit einer helfenden Hand zur Stelle, wenn er mal ein Problem habe. Er ist glücklich, dazuzugehören und Freunde gefunden zu haben. Den Feierabend haben sich die Zürcher Surprise-Verkäufer nach diesem regnerischen Tag redlich verdient. Morgen früh stehen Beat Egli und seine Kollegen wieder auf ihren Posten – wie immer. Und wir eilen an ihnen vorbei in den Tag – wie immer.

Surprise


"Surprise" versteht sich als Integrationsprojekt für sozial benachteiligte Menschen. Ungefähr 70 Prozent der rund regelmässigen 300 Verkäufer beziehen Sozialhilfe. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkäufer. Das Heft erscheint in der Deutschschweiz mit einer Auflage von 30’000 Exemplaren und erreicht 123’000 Leser. Tink.ch portraitiert von nun an regelmässig Surprise-Verkäufer/innen.

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