05.01.2009

Lieblingsplätze VII: Reise in die Vergangenheit

Unsere Redaktorin Melanie Pfändler schlendert gerne durch die engen Gassen der Zürcher Altstadt - vorzugsweise Nachts. Eine geschichtsträchtige Exkursion zum selber ausprobieren.
Fotos: Melanie Pfändler Die Kirche St. Peter ist schon von Weitem sichtbar. Der Weg führt an einem Restaurant vorbei, wo einst auch Goethe gastierte. Auch steile und enge Treppen führen zum Ziel. Man biegt in die Thermengasse ein. Hier gönnten sich die Römer ein entspanntes Bad. Diverse Informationstafeln klären über die geschichtsträchtigkeit dieses Ortes auf. Der finale Blick über die Limmat - wieder hinein ins belebte Zürich.

Der Ort, dem diese Rubrik in dieser Woche gewidmet ist, wird dem Ehrentitel „Lieblingsplatz“ streng genommen nicht ganz gerecht: Er ist nämlich kein Platz. Eigentlich auch kein Ort. Bei diesem urbanen locus praeecipuus handelt es sich vielmehr um eine Aneinanderreihung von Plätzchen, eine etwa vierhundert Meter oder 533.33 Schritte lange Strecke oder – noch etwas verlockender – eine Reise in die Vergangenheit.

Der Einfachheit halber hier eine Anleitung:

Der/die Gewillte bringe sich an der Kreuzung Rennweg/Bahnhofstrasse in Position (beim Eingang des Dekadanceschuppens St.Germain) vorzugsweise während der betriebsamen Zeit kurz nach Feierabend, wenn die Dunkelheit die Stadt und die Menschen die Strassen füllen, und beginne, gemächlich den Rennweg hochzuschlendern. Die Boutiquen säumen zwar nach wie vor den Weg, doch die Bahnhofstrasse, dieses Mekka der Fashionistas, rückt mit jedem Schritt weiter fort. An seinem oberen Ende mündet der Rennweg in die Glockengasse. Das enge Weglein katapultiert den aufmerksamen Besucher sogleich in vergangene Zeiten. Die Fassade der „Weinstube zur Reblaube“ zieren kunstvoll gemalte Verse. Kleiner Tipp an die Herren der Schöpfung: Befinden Sie sich in Begleitung einer Dame, wäre es an dieser Stelle keineswegs unangebracht, etwas Hübsches zu rezitieren. Denn wenn man der Aufschrift über dem Eingang der Schenke glauben schenken darf, ist sogar der grosse Goethe hier eingekehrt.

Der nächste Literat lässt nicht lange auf sich warten: Vorbei an einem Schild mit der Aufschrift: „Robert-Walser- Gasse“ gelangt man in die St. Peterhofstatt: Plötzlich tun sich die engen Gässchen auf und man steht auf einem der schönsten Plätze Zürichs. Die Aussicht wird von der St.Peterkirche dominiert, auf deren Turm die grösste Kirchturmuhr Europas prangt. Doch der eigenliche Blickfang ist jener Baum, der inmitten des Kopfsteinpflasters thront und dessen kahle Krone ihn selbst im Winter ehrwürdig erscheinen lässt. Wird der Platz nun diagonal überquert, gelangt man in die Schlüsselgasse, wo das eigentliche Schmuckstück des Spaziergangs wartet: Nach wenigen Metern zweigt links die Thermengasse ab. Unterhalb der steilen Treppe wartet das schlummernde Herz der Stadt: Die Ruine des römischen Bades.

Römische Antwort auf Yoga

In der Antike galten die Bäder als Dreh- und Angelpunkte des gesellschaftlichen Lebens. In den dampfenden Säälen wurden so manche philosophische Diskurse geführt, Liebeleien, Morde und gar Kriege geplant – die römische Siedlung Turicum bildete da wohl keine Aunahme. Ein Besuch dieser übergehbaren Reliquien hat etwa den Entspannungsfaktor einer Yogalektion (und sogar ohne anschliessenen Muskelkater). Die Stille ist bezaubernd. Mit genügend Fantasie und Ignoranz bezüglich der zahlreichen Zigarettenstummel kann man beinahe das Plätschern des Wassers hören. Dies liegt jedoch nicht an der nahen Limmat, sondern an Seneca. Die Worte des römischen Schriftstellers, die auf einer Tafel an der Wand hängen, sprechen für sich. Mit dem Verlassen des Thermengässchens trifft man auf die Gegenwart. Erst folgt der Weinplatz, dann die Gemüsebrücke und damit der  Ausblick auf den glitzernden Fluss und das Grossmünster, das sich von seiner schönsten Seite zeigt. Meine Herren: Falls Sie an dieser Stelle Ihre Begleitung noch nicht geküsst haben, kann ich Ihnen auch nicht helfen.

Tink.chs „De-gschnäller-isch-de-gschwinder“-Spiel:


Wer Lust bekommen hat, die Route nachzuspazieren, hat die Möglichkeit, dies mit dem passenden, von Tink.ch exklusiv zusammengestellten Soundtrack zu tun: Eine unikate CD mit drei Liedern wartet in der St.Peterhofstatt auf ihren Finder. Sie befindet sich unter der mittleren der drei Topfpflanzen, nahe des Baumes. Was da genau dahintersteckt? Ein bisschen Pathos, viel schwarzer Soul und eine betörende Melodie – mehr sei nicht verraten.

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