19.01.2009

Ein Film wie ein Tagtraum

Her Morning Elegance. 3 Minuten und 36 Sekunden voller Zufriedenheit, Zuversicht und der Gewissheit, dass das Leben ein schönes ist. Sind es nicht immer wieder die Oden an Alltäglichkeiten, die uns rühren? Die Blicke auf das Kleine und Unbedeutende, das sich hinter den Fenstern abspielt, hinter die wir niemals blicken können, weil sie zu anderen Leben gehören als den unseren? Es ist, als wollte man Lieder schreiben und sich einen Stöpsel ins Ohr stöpseln mit einem Soundtrack zum Leben, denn manchmal ist es doch so: Die Musik passt. Sie passt zu den Schritten, die unsere Füsse auf dem Asphalt hinterlassen, zu den Haaren, die uns im Nacken kitzeln, zur Umhängetasche, die im Takt auf und ab wippt und man denkt: Schade, dass es keinen Film über diesen Moment gibt. Keine Musik.

Sun been down for days
A pretty flower in a vase
A slipper by the fireplace
A cello lying in its case

Und dann findet man ihn. Den Film. Den Song. Der einzige, der passt, zu solchen Momenten, in denen man mehr schwebt denn geht und mehr träumt denn denkt. Gemacht für und über das Leben. „Her Morning Elegance“, allein der Name schon ein Kunstwerk für sich, zusammengebastelt von einem Künstler auf Tel-Aviv, einem „Songwriter, Regisseur und Schriftsteller von lustigen Büchern für traurige Kinder“, wie er über sich selber schreibt. Und da steht noch mehr, und das macht ihn noch viel sympathischer, man möchte sich verlieben in einen solchen Menschen oder ihm zumindest über den Kopf streicheln und ihn vor dem Einschlafen zudecken: „Oren Lavie ist ein Songwriter mit lockigem braunem Haar, einer flüsternden Stimme, grünen Augen und verdächtig kalten Füssen und bekannt dafür, immerzu Tagträumen nachzuhängen. Er wurde 1976 geboren, zwei Minuten zu spät, und versucht seither, seinen Rückstand aufzuholen.“

Soon she’s down the stairs
Her morning elegance she wears
The sound of water makes her dream
Awoken by a cloud of steam
She pours a daydream in a cup
A spoon of sugar sweetens up

Reime, die sich über die Zeilen hinwegtragen und so leicht über ihre Umbrüche fliessen, als wären sie Wolken aus Kissen, oder Fische aus Socken, die in den Mundwinkeln kitzeln. Schwebend läuft die Schauspielerin Shir Shomron über ihre Matratze und dem Wind entgegen. Weiss in weiss, hoch und runter und immer mit einem Lachen auf den Lippen, so dass man sich am liebsten kurz ihr Leben ausleihen möchte, das auf so wunderbar unspektakuläre Weise lebenswert erscheint. „Oren suchte eigentlich nach einer kleinen, schlanken schwarzhaarigen Schauspielerin, die einen guten Gegensatz zu seinem grossen Bett und dem weissen Bettzeug bilden würde. Shir allerdings war sehr grossgewachsen und rothaarig. Sie wurde sofort engagiert.“

And She fights for her life
As she puts on her coat
And she fights for her life on the train
She looks at the rain
As it pours
And she fights for her life
As she goes in a store
With a thought she has caught
By a thread
She pays for the bread
And She goes…
Nobody knows

Wie die Reime, die niemals anders sein können als einzelne Zeilen, ist das bewegte Bild eigentlich eine Zusammensetzung von 3225 Fotos. Auch hier der sanfte Humor des Autors als Erklärung für diese Form: „Oren liebt Animation, aber er könnte nie im Leben einen geraden Strich zeichnen.“ Und so hängte er eine Kamera an die Zimmerdecke, legte eine Matraze auf den Boden und machte zwei Tage lang Fotos. Irgendwie passt das, nicht wahr? Oren hat die Leintücher und Kissen gleich selbst mitgebracht, aus seinem eigenen Schlafzimmer. „Nun betrachtet man sie als Sammlerstücke, die einfach im Moment noch nicht soviel Wert sind, weswegen ich sie weiterhin zum Schlafen brauche.“ So ist es. Alltäglichkeiten, die vorbeigehen und irgendwie immer wieder dahin zurückkehren, wo sie begonnen haben. Auch diese Aufnahmen. Genauso wie die Schritte auf dem Asphalt und diese kleinen Dinge, die uns hier gezeigt werden, als hätten sie Kinderaugen dorthin gezeichnet. Doch ihr Weg ist es, der zählt. Vor allem mit einem solchen Soundtrack.

Sun been down for days
A winter melody she plays
The thunder makes her contemplate
She hears a noise behind the gate
Perhaps a letter with a dove
Perhaps a stranger she could love.