Gesellschaft | 05.01.2009

„Der Abschied von Afrika war nicht leicht“

Text von Andrea Immler
Heinrich Müller ist ein Gesicht, das das Schweizer Fernsehen prägte. Tink.ch unterhielt sich mit ihm in Zürich und liess sich in die Welt der afrikanischen Kultur versetzen.
Der ehemalige Tagesschausprecher Heinrich Müller hat mittlerweile eine zweite Karriere als Musiker gestartet. Ein Jugendtraum, wie er sagt. Fotos: www.heinrichmueller.ch Heinrich Müller als Gitarrist auf der Bühne. "Von der Zukunft lasse ich mich gerne überraschen."

Heinrich Müller brachte als Tagesschausprecher vom Schweizer Fernsehen den Fernsehzuschauern täglich gute wie schlechte Nachrichten in die Wohnstube. Nach seinem Abschied vom Schweizer Fernsehen verschwand er jedoch keineswegs in der Versenkung: Heute geniesst er sein Leben als Musiker und Abenteurer. Tink.ch hat den ehemaligen News-Mann interviewt.

Erinnerst du dich noch an deine Tagesschauzeit?

Es war ein sehr spannendes Kapitel in meinem Leben. Ich bezeichne mich als kommunikativen Menschen und ich arbeite sehr gerne mit anderen Menschen zusammen. Somit war ich jeden Tag motiviert hinter und vor dem Bildschirm zu arbeiten. Beim Moderieren hat man ein Publikum vor sich, das man zwar nicht sieht, aber man weiss, dass es einen mag und dies begeisterte mich am Moderieren. Auch gefiel es mir, mich immer wieder in neue Themen einzudenken. Ich bin auch ein Mensch, der sehr gerne unter Druck arbeitet. Doch ursprünglich wollte ich nicht Moderator, sondern Weltreporter werden. Ich lebte für 10 Jahre in Westafrika und habe erst danach die Stelle beim Schweizer Fernsehen angenommen. Ich hatte immer sehr Freude an Sprachen und bin ein abenteuerlustiger Mensch. Im Süden von Afrika schrieb ich die schönsten Reportagen. Lange Zeit herrschte im Süden von Afrika ein System der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung: Die Apartheid, die mich auch zum Berichten anregte.

Was war das Spannende daran, in Afrika zu berichten?

Die gesamte Herausforderung an sich war spannend: Man muss draussen leben und sich immer wieder neu organisieren um das Ganze durch Reportagen der Schweiz näher zu bringen. Ich bevorzugte Reportagen zu machen, das Moderieren kam bei mir immer erst an zweiter Stelle.

Du hast deine Frau auch in Afrika kennen gelernt?

Meine Frau lernte ich 1972 in Afrika kennen. Doch wir kannten uns nur fünf Monate, als ich wieder in die Schweiz zurückkehrte und sie nach Amerika ging. So sahen wir uns erst nach 20 Jahren wieder.

Was fasziniert dich an Afrika?

Ich bin in einem reformierten Pfarrhaus aufgewachsen. Wir hatten Kontakt zu schwarzen Missionaren aus Ghana. Ich war wohl eines der ersten Kinder in der Schweiz, das mit schwarzen Menschen draussen Fussball gespielt hatte. In der Pfarrhaus-Bibliothek hatte es sehr viele Bücher über Reisen und Abenteuergeschichten, die mich sehr faszinierten. Ich lese noch heute sehr gerne. So habe ich die Möglichkeit in andere Welten einzutauchen. Zudem hatte ich auch das Gefühl, dass man sich in Afrika auch sozial einsetzen könnte, was mich sehr reizte. Da ich mich auf diesen Kontinent einlassen wollte, verliess ich mit 26 Jahren die Schweiz und reiste für 2 Monate mit dem Schiff nach Afrika. Es war ein verrücktes Abenteuer. Eines Tages werde ich sicher auch noch ein Buch über diese Afrikareise schreiben.

Du scheinst eine sehr innige Verbindung zu diesem Land behalten zu haben.

Ich war zehn Jahre an der Universität in Nigeria. Danach spielte ich mit dem Gedanken, wieder zurück in die Schweiz zu kommen. Einen Moment lang habe ich mir auch überlegt, die Nigerianische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ich hatte nichts mehr mit weissen Leuten zu tun. Ich nahm mich gar nicht mehr als Weisser wahr, da ich mich so intensiv mit der schwarzen Kultur befasst hatte. Doch schlussendlich entschied ich mich doch für die Rückkehr. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht zurückgekehrt wäre, wäre ich wahrscheinlich für immer in Afrika geblieben. Der Abschied von Afrika fiel mir nicht leicht.

Aus welchem Grund hast du deine Fernsehzeit beendet?

Ich höre immer wieder meine Zeituhr schlagen. Somit merkte ich, dass es Zeit war, als Moderator aufzuhören. Ich wollte zudem noch einen anderen Jugendtraum wahr werden lassen.

Das war der Anfang deiner Musikkarriere?

So war es. Als 20jähriger hatte ich mit meinem Bruder zusammen eine Rockband, in welcher ich als Sänger auftrat. Ich mag neue Kulturen und probiere immer wieder gerne Neues aus. Schon als kleiner Junge habe ich viel gesungen. Meine Geschwister schämten sich meist für mich, wenn ich auf der Strasse sang.

Wieso hast du deinen Musiktraum nicht in deinen Jugendjahren wahr werden lassen?

Ich wollte nie Berufsmusiker werden. Ich bin in einem seriösen Milieu aufgewachsen. Das Musikimage drehte sich damals um Sex, Drugs, Rock`n`Roll und Frauen. Ich war ein Pfarrersohn und diese Welt war mir fremd. Auch wollte ich nicht wie ein Rockstar leben. Ich sah die Musik immer als meine „Begleitung“. Ich hatte immer meine Gitarre dabei. Auch nach Afrika hatte ich sie mitgenommen und wenn ich traurig war oder Sehnsüchte hatte, spielte ich darauf meine Melodien. Ich überlegte mir lange Zeit, ob es nicht lächerlich ist als älterer Mann noch aufzutreten. Doch schlussendlich dachte ich mir: „Ich mach es einfach“. Ich hatte viele Auftritte innerhalb der Familie. Es ist wieder eine neue Karriere, die auch eines Tages wieder beendet wird.

Was willst du mit deiner Musik dem Publikum vermitteln?

Ich möchte, dass die Menschen merken, dass eine gewisse Schönheit in der Musik vorhanden ist. Der Konzertabend soll eine besondere Stimmung vermitteln: Freundschaftlichkeit und ein Familiengefühl. Nach jedem Konzert gebe ich meinen Zuschauern die Hand, was mir ein grosses Anliegen ist. Ich möchte nicht mehr zurück in den Moderatorenberuf. Während den Konzerten kann ich mein Publikum sehen, was als Moderator leider nie der Fall war.

Was sind deine Inspirationen für die Songs?

Vieles schwirrt mir im Kopf herum. Bei der nächsten CD geht es vor allem um Beziehungen. Auf den letzen CDs habe ich mich oft mit Menschen und der Natur beschäftigt. Für mich sind die Textinhalte sehr wichtig, doch die Melodie muss genau dazu stimmen. Ich hatte ein sehr spannendes Leben und dies verarbeite ich in meiner Musik. Ein Song zu kreieren, ist sehr anstrengend. Das Schwierige ist eine passende Melodie zum Text zu finden. Doch als Musiker kann ich von Herzen arbeiten.

Was ist für dich ein schlechter Song?

Ein schlechter Song ist für mich Musik, die mich kalt lässt. Die Musik wird jedoch von jedem Menschen individuell unterschiedlich aufgenommen.

Was magst du für Musik?

Ich höre selber gerne Klassisch, jedoch auch Rock und Jazz. Die Band Chicago mag ich besonders. Die afrikanische Musik erinnert mich an meine Abenteuerreise. Aus diesem Grund singe ich auf meiner dritten CD mit einem afrikanischen Chor zusammen.

Wie würdest du deine CDs beschreiben?

Die Erste war zuwenig technisch ausgereift. Die Zweite gefiel mir sehr, da ich sie mit meiner Band aufgenommen hatte. Da mir bereits einige Leute gesagt haben, dass sie zuwenig von meinen Englischtexten verstehen, habe ich auch versucht Mundart zu singen. Ich probiere gerne Neues aus. Somit arbeite ich viel mit Musik am Computer, aber auch mit Bands, oder mit einem Chor, wie zum Beispiel dem afrikanischen Chor.

Hast du noch einen weiteren Traum?

Ich würde mich auch gerne mehr auf meine Grosskinder konzentrieren und mit ihnen etwas unternehmen. Sie sind stolz auf mich, wenn sie sehen, was ich alles mache. Von der Zukunft lasse ich mich auch gerne überraschen.

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