Gesellschaft | 20.01.2009

Das Stadtoriginal aus dem Bündnerland

Seine Heimat sind die Berge. Doch auch in den Strassen von Zürich fühlt sich der Suprise-Verkäufer Ruedi Kälin wohl. Ein Portrait über einen Lebenskünstler.
Ohen Bart und Haare geht nichts - Surprise-Verkäufer Ruedi Kälin. Fotos: Martin Sturzenegger Ausser in Zürich verkauft Ruedi die Magazine auch an Standorten in Chur, Landquart, Sargans und Zug.

Standorte: Helvetiaplatz und Sihlpost in Zürich / Davos / Chur / Landquart und Zug

Bei Surprise seit: 10 Jahren

Zwei Uhr Nachmittags in einem Shopville-Restaurant im Zürcher Hauptbahnhof: Ruedi Kälin sitzt mit seinem Kollegen Beat an einem Tisch und gönnt sich ein Mittagessen. Zu diesem Zeitpunkt hat der 50-Jährige schon einige Arbeitsstunden hinter sich: Um fünf Uhr morgens ist Ruedi aufgestanden, um sieben Uhr befand er sich in der Zentrale seines Arbeitgebers und danach stand er den ganzen Morgen auf der Strasse im Einsatz. Ruedi ist Verkäufer – Verkäufer des Strassenmagazins „Surprise.“

Würde sich Ruedi um einen anderen Verkaufsjob bewerben, dann wäre er aufgrund seines Äusseren vermutlich chancenlos: Die grauen Haare und der Bart sind lang und filzig. Die leicht schief sitzende Wollmütze gehört ebenso zu seinem Inventar, wie die forschen Augen, die listig darunter hervorblicken. Ruedi ist eine einmalige Erscheinung und eines der wenigen Stadtoriginale, das Zürich noch kennt. Für das Surprise-Magazin dürfte er inzwischen zur personifizierten Institution geworden sein. Jedenfalls gehört Ruedi, wie er selber sagt, schon seit längerem zu den Top-10-Verkäufern des Strassenmagazins. „Einmal habe ich mir Haare und Bart abgeschnitten – in der Folge gingen die Verkäufe stark zurück.“ – Ruedi weiss ganz genau worauf sein Erfolg beruht. Doch es sind nicht nur Äusserlichkeiten, die in seinem Geschäft entscheidend sind: „Du darfst beim Verkauf keinen „Stein machen“ und solltest auch ab und zu einen lockeren Spruch fallen lassen.“ Wer Ruedi bei seinen Verkäufen beobachtet, sieht ihn bestätigt: Er hält den Besuchenden der Shilpost aufmerksam die Türe auf, begrüsst etliche Leute mit dem Vornamen und flirtet auch gerne mal mit weiblichen Passantinnen: „Nächstens bin ich bei einer Kundin zum Abendessen eingeladen.“  

Ein einstiges Goalietalent

Schon immer war Ruedi ein positiv denkender Mensch, der jeweils das Beste aus nicht immer einfachen Situationen gemacht hat. In seiner Jugendzeit war er noch ein hoffnungsvolles Goalie-Talent beim HC Davos. Doch ein Familienschicksal verwehrte ihm damals eine Zukunft auf dem Eis. Weil sein Vater Suizid beging, musste er mit 18 Jahren eine bezahlte Arbeit suchen, um seine Mutter, seine kleine Schwester und sich selbst zu finanzieren. Meistens ging er Gelegenheitsjobs wie Fensterputzen oder Zeitungen verteilen nach – eine klassische Berufsausbildung hat Ruedi nie gemacht. Er nehme immer alles wie es kommt, das sei seine grosse Stärke, aber auch gleichzeitig seine Schwäche. Der Job bei Surprise gibt Ruedi Halt und eine Lebensstruktur, die ihm gut tut. „Es gab auch Zeiten, da lebte ich einfach in den Tag hinein“, blickt Ruedi zurück. Bei Surprise ist er sein eigener Chef und er trägt Verantwortung: „Wenn ich am Abend nicht 25 Hefte verkauft habe, dann war das ein schlechter Tag.“ Mit dem Geld, das er durch den Hefteverkauf einnimmt, kann Ruedi leben – mal gut, mal weniger gut und Sozialhilfe bezieht er keine, denn er möchte niemandem zur Last fallen, wie er selber sagt.

Für immer bei Surprise?

In seiner Freizeit schlägt Ruedis Herz vorallem fürs Eishockey. Regelmässige Matchbesuche „seines“ HC Davos gehören für ihn zum Pflichtprogramm und im letzten Jahr durfte er für Surprise gar den Trainer – Arno Del Curto – interviewen. „Das war eines meiner persönlichen Highlights,“ sagt Ruedi rückblickend. Schaut er voraus, so sieht er sich auch in fünf oder 10 Jahren noch bei Surprise – „wenn die Gesundheit mitspielt“. Und ein Fernziel wäre für ihn eine Reise nach Kanada – ins Mutterland des Eishockeys. Doch bevor er beginnt zu sparen, möchte er noch ein paar mal auf den Putz hauen. Etwa dann, wenn der HC Davos den Meisterpokal holt, oder wenn er gemeinsam mit seinem Freund Beat und nach einem Fondueessen einen Schneehang in Davos runterschlittelt: „Das sind Atmosphären, die ich mag,“ sagt Ruedi Kälin. Die listigen Augen beginnen zu strahlen.

Surprise


"Surprise" versteht sich als Integrationsprojekt für sozial benachteiligte Menschen. Ungefähr 70 Prozent der rund regelmässigen 300 Verkäufer beziehen Sozialhilfe. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkäufer. Das Heft erscheint in der Deutschschweiz mit einer Auflage von 30’000 Exemplaren und erreicht 123’000 Leser. Tink.ch portraitiert von nun an regelmässig Surprise-Verkäufer/innen.

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