Gesellschaft | 05.01.2009

Bitte nicht pseudotaktvoll

Text von Ruzica Lazic | Bilder von Nathalie Kornoski
Das letzte Mal listete unsere Korrespondetin Ruzica Lazic Dinge auf, die bei ihr ein Gefühl von Respekt auslösen. In der Fortsetzung nun: Wann verflüchtigt sich dieser Respekt wieder?
Bild: Nathalie Kornoski

–          Beim Gedanken, dass es nun nicht mehr trendy ist laut Knigge, einem Niesenden Gesundheit zu wünschen. Viel mehr muss er sich gegen eine schweigende Front entschuldigen. Was kommt als nächstes? Eine alte Oma, die auf dem Glatteis ausgerutscht ist und nun zum Krankenwagen transportiert wird, während sie schreit: „Es tut mir ja so leid! Es tut mir wirklich leid, dass ich nicht arbeitsfähig, gesund und kräftig bin und somit eine Belastung für die Gesellschaft“? Ich persönlich denke mal, dass dies dezent auf eine nötige Entschleunigung unserer Gesellschaft und unseres Denkens hinweist.

–          Wenn in einem Streit die zweite Person aus strategischen Gründen die Opferrolle einnimmt und anfängt zu heulen, um das Mitleid anderer auf sich zu ziehen und den verblüfften Angeschrienen plötzlich wie einen Massenmörder inklusive bluttropfender Axt dastehen lässt.

–          Beim Anblick von TokioHotelFans, sehr „true-en“ Metalheads, Emos und weiteren nicht eindeutig klassifizierbaren Personengruppen. Es wird manchmal sogar durch ein vages „Jööh“ Gefühl ersetzt.

–          Wenn jemand pseudotaktvoll auf meinen kulturellen Hintergrund zu reagieren versucht. Das aussergewöhnlichste Beispiel? Bittesehr: „Oh…du bist also aus Serbien? Ja, also ich habe nichts gegen Serben, wirklich nicht. Also, du redest auch serbisch zuhause? Und du bist schon seit sechzehn Jahren in der Schweiz? Du kannst aber gut Schweizerdeutsch, so richtig ohne Akzent. Als ob es deine Muttersprache wäre! Ja, mein Vater war früher extrem ausländerfeindlich. Aber jetzt isst er auch Kebab.“

Respekt kann also je nachdem auch Distanz bedeuten. Dies sollte man allerdings nicht als Gleichgültigkeit missverstehen: Bei respektvollem Verhalten ist eine gewisse Wärme vorhanden, eine Akzeptanz des Prozesses, der Sache oder der Person an sich. Schlussendlich ist Respekt gegenüber sich und seinen Mitmenschen eine der essentiellen humanen Eigenschaften und Voraussetzungen einer vielfältigen Gesellschaft, denn wer sich und andere würdigt, der kommt gut durchs Leben. Wär doch schön wenns so wär. Ich glaub daran.

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