Gesellschaft | 22.12.2008

Wo Kleinanbieter Grossverteilern den Rang ablaufen

Text von Tian Hartmann
Gesundes aus der Region und der ganzen Schweiz gibt es auf den Wochenmärkten in Zürich. Heile Welt und Dorfidyll inmitten der Stadt. Ein Augenschein mit überraschenden Erkenntnissen.
Fotos: Martin Sturzenegger Das Sortiment der Zürcher Märkte ist breit: Früchte... ...Gemüse... ...Fleisch... ...Fisch und vieles mehr. Aus dem ganzen Land werden Produkte angeboten. Eine Übersicht gibt es auf www.zuercher-maerkte.ch Herr Wettstein bietet sein Gemüse schon mehr als 30 Jahre an den Märkten an. Dorfstimmung in der Stadt gibt es beispielsweise jeden Freitagmorgen vor dem Volkshaus.

Ein Dienstagmorgen im Dezember. 06:30. Eisiger Wind weht durch die noch dunkeln Strassen Zürichs. Schlaftrunkene Gestalten eilen an mir vorbei zum einfahrenden Bus, die aufkommende Hektik des Tages bricht mit der Stille der Nacht. Im Tram drängen sich die Menschen: Links eben mir ein Schüler mit Kopfhörer und Gratisblatt, auf der anderen Seite eine frisch geduschte Businessfrau im edlen Zweiteiler. Die Stadt erwacht und wird schon bald ihre Betriebstemperatur erreicht haben. Müde lehne ich mich an die Wagentür. Ich bin es mir nicht gewohnt, zu so früher Stunde unterwegs zu sein. Doch bevor mich der Alltagsstress aus dem Schlaf zu reisst, tauche ich in eine ungewohnte Welt ein. Inmitten der Stadt, am Ende der pulsierenden Lichterschlange der Bahnhofstrasse, herrscht Ruhe. Schwaches Kerzenlicht flackert – es herrscht idyllischer Dorfcharakter auf dem Bürkliplatz. Zahllose Stände mit Gemüseauslagen, Obst, frischem Brot, Blumen und Käsespezialitäten reihen sich zu einer Konsumkette. Dahinter trinken warm gekleidete Händler dampfenden Kaffee aus Thermosflaschen und warten geduldig auf erste Kundschaft. Es ist Wochenmarkt in Zürich.

Nachhaltigkeit, Umweltschutz und gesunde Ernährung sind die Schlagwörter der letzten Jahre. In den Zeiten schmelzender Gletscher, dioxinverseuchter Schweinshaxen und weltweit schwindender Ressourcen besinnen sich immer mehr Menschen auf gesunde und regionale Lebensmittel. Der Bioboom hat uns längst erreicht. Die Grossverteiler buhlen auf doppelseitigen Anzeigen mit jungen Gemüsebauern aus dem Zürcher Unterland und bodenständig Käsern aus der Innerschweiz um die Gunst der Käufer: „Für ein Stück Heimat“, „Schweizer Qualität“ und „Engagiert Nachhaltig“ sind Schlachtrufe, die sich in unseren Köpfen festgesetzt haben. Längst ist der Handel mit nachhaltig produzierten Gütern zu einem florierenden Geschäft geworden und in den Regalen der Läden stapeln sich Produkte mit allerlei Gütesiegeln und saftigen Preisen. Als Student mit beschränktem Budget bin ich auf preiswerte Lebensmittel angewiesen. Dennoch möchte ich nicht auf gesunde Produkte verzichten. Da drängt sich ein Besuch auf dem Wochenmarkt geradezu auf.

Anbieter aus dem ganzen Land

Inmitten der mehrheitlich älteren Verkäuferinnen und Verkäufer in grünen Schürzen fällt mir ein junger Mann auf. Fabian ist 28 Jahre alt und gerade dabei seinen Marktstand einzurichten, als ich ihn anspreche. Er sieht nicht aus wie ein typischer Händler, trägt keine Schürze und gleicht mit seiner Wintermütze und der sportlichen Funktionsjacke eher einem Snowboarder. Auf seiner Auslage liegen Alpkäse, Brote und Engadiner Nusstorten, darüber hängen pralle Salsizwürste. Fabian verkauft seit 2 Jahren Spezialitäten aus dem Bündnerland. Tag für Tag baut er seinen Stand an einem der diversen Wochenmärkte oder an Messen auf. „Man muss für diesen Job schon ein Frühaufsteher sein“, lacht er. Es ist jetzt kurz nach halb sieben, sein Marktstand ist fertig eingerichtet und bereit für die ersten Kunden. Am besten laufe das Geschäft im Herbst und in der Vorweihnachtszeit. Ich frage ihn, ob er etwas vom gesteigerten Bewusstsein der Bevölkerung für gesunde Lebensmittel bemerkt habe. Lange denkt er nach und verneint schlussendlich. Er habe in den letzten Jahren keine steigende Nachfrage bemerkt. Die Kundschaft sei in etwa dieselbe geblieben: Bankerinnen und Versicherungsbroker auf dem Weg zur Arbeit, pensionierte Zürcherinnen und Zürcher mit Zeit. Nur selten verirren sich Jugendliche auf den Markt. Wohl aber spürt Fabian die geschürte Angst vor einer drohenden Wirtschaftskrise. Aktuell blieben viele Kundinnen und Kunden aus, es werde nun halt gespart.

Gutes Preis- Leistungsverhältnis

Womöglich am falschen Ort. Ich bin überrascht über die tiefen Preise. An einem Marktstand mit Obst- und Gemüseauslage kaufe ich sechs grosse, rote Äpfel. Sie stammen von einem Obstbauer aus dem Zürcher Unterland. Das Kilo kostet 3.60. Migros verlangt für Äpfel der selben Klasse 4.30, siebzig Rappen mehr. Bis anhin glaubte ich, die Preise am Wochenmarkt stünden für Qualität und lägen deutlich über denjenigen der Grossverteiler. Weil die Bauern auf dem Markt ihre Waren aber selbst oder im Kollektiv verkaufen, bleiben die Preise so niedrig. Evi Gujer bestätigt meine Annahme. Ihre Familie betreibt seit Generationen ein grosses Bauerngut in Rümlang und pflanzt Obst und Beeren an. Neben den Ersparnissen durch Direktverkauf fallen auch Kosten für grosse Verwaltungsapparate, Marketingmassnahmen und Verkaufsgebäude weg. So kann das Produkt zu tiefen Preisen angeboten werden, die vollumfänglich an die Quelle zurückfliessen. Eine gute Sache und auch die Qualität stimmt. Die Äpfel sind knackig und frisch – ich bin begeistert.

Die beissende Kälte mahnt mich nachdringlich zum Aufbruch. Überrascht vom vielfältigen Angebot und den freundlichen Preisen, die fairerweise direkt an die Anbieter zurückfliessen, mache ich mich auf den Weg in die Vorlesung. Mit den Äpfeln in der Tasche bin ich gerüstet für den Tag. Man wird mich nun öfters auf dem Wochenmarkt antreffen. Mit Garantie auch am Valentinstag: Wunderschöne Rosen gibt es nämlich am Bürkliplatz für einen Franken das Stück.

Info


Die Wochenmärkte in Zürich, jeweils 06:00 – 11:00

Dienstag und Freitag: Bürkliplatz, Helvetiaplatz, Milchbuck

Mittwoch: Lindenplatz und Marktplatz Oerlikon

Samstag: Lindenplatz, Marktplatz Oerlikon und Rathausbrücke

 

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