Politik | 22.12.2008

Wenn alle Stricke reissen

Was passiert, wenn es Regeln gibt, die nur nach Lust und Laune befolgt werden? Meistens endet es früher oder später in Ungerechtigkeiten. Ausländer erleben das in Zürich Tag für Tag. Einer davon ist Mar Cissé.
Mar Cissé aus Uster stösst bei den Behörden auf Widerstand.
Bild: Stefanie Pfändler

Der Fall ist klar – zumindest für die Zürcher Behörden. Dass der Senegalese Mar Cissé seit fast 10 Jahren in der Schweiz lebt, dass er sich  nicht nur perfekt integriert hat, sondern auch für den Kanton und einige Gemeinden aktive Integrationsarbeit leistet, all das zählt nicht. Was zählt, ist, dass er Ausländer ist. Und das bedeutet: Er muss gehen.

Der Zürcher Rechtsanwalt Marc Spescha kennt das Problem auf schmerzliche Art und Weise. Auf seinem Tisch stapeln sich Akten von Asylfällen und die Menschen, die sich hinter diesen Papierbergen verbergen, haben eines gemeinsam: Sie alle wollen in der Schweiz bleiben. Und viele haben gute Gründe. Bei jedem einzelnen seiner Fälle sieht Spescha eine gewisse Chance auf Bleiberecht. Dennoch werden die wenigsten Erfolg haben, und das hat viel mit Pech zu tun: Sie sind zufällig auf einem Zürcher Tisch gelandet. „Ich habe hier Anträge, die in anderen Kantonen ohne weiteres gutgeheissen würden“, ärgert sich der Anwalt. „Hier in Zürich scheint sich die Haltung zu etablieren, dass jeder Ausländer ohne höhere Bildung, der das Land verlässt, ein Gewinn ist.“

Abgewiesen aus demografischen Gründen?

Einer der Papierstapel gehört zu Mar Cissé. Er hat nicht nur das Pech, aus einem Nicht-OECD-Staat zu kommen, was die Grenzen des Westens für ihn undurchdringlich macht, auch ist er ein alleinstehender Mann in mittleren Jahren. Das raubt ihm fast jegliche Chancen auf eine Zukunft in der Schweiz. Trotzdem: Er wollte es versuchen. Er musste. Seine Geschichte ist lang (Tink berichtete), sie endete nun wie viele andere: Mar muss gehen. Er bekam Unterstützung, von der andere nur träumen können, und sie beweist, wie sehr er sich für die hiesige Gesellschaft engagiert hat: Vertreter des kantonalen Integrationsamtes, der Ustermer Stadtpräsident und ein Komitee namhafter Politiker von Links bis in die konservative Mitte haben sich für ihn eingesetzt und ein Bleiberecht gefordert. Dennoch hat der Regierungsrat nun das letzte Wort gesprochen: Dass Mar für viele Integrationsstellen unverzichtbar ist, soll „als einziger Grund“ nicht gelten. Und alle anderen Gründe gelten auch nicht. So einfach ist das. Weder er selbst noch sein Anwalt können den Entscheid verstehen, letzterer bezeichnet ihn als Zeichen der „rigiden Haltung bezüglich Härtefällen“ im Kanton Zürich.

Und nun? Die rechtlichen Mittel sind ausgeschöpft. Es bleibt nur eines:  Mar muss sich gültige Papiere besorgen, seine hohen Anwalts- und Verfahrenskosten bezahlen, wobei sich die Frage stellt, wie er das tun soll, da er seit Jahren keine Arbeitsbewilligung mehr hat, seine Wohnung künden, sich verabschieden und und darauf warten, ob der Ausreisebefehl ihm allenfalls noch zwei, drei Wochen Schonfrist lässt. Dann geht es zurück nach Senegal, wo keiner mehr ist, der Freund oder Familie war. 10 Jahre sind eine lange Zeit. Nicht für den Zürcher Regierungsrat.

Benefiz-Konzert

Das Komitee um Mar Cissé organisiert ein Benefiz-Konzert, das ihm helfen soll, die vielen Rechnungen zu bezahlen, die sich während des langwierigen Verfahrens angesammelt haben.  Das bedeutet: Ihr könnt etwas tun! Feiern für einen guten Zweck. Afrikanische und Schweizerische Musik am Samstag, 16. Januar, 20 Uhr im Qbus in Uster. Eintritt: 20.-/15.-. Türöffnung: 19.30 Uhr. Infos zum Anlass und den Bands sowie Tickets im Vorverkauf auf www.mar-muss-bleiben.ch.vu

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