Gesellschaft | 02.12.2008

„Respekt hat eine Grundlogik“

Perspektivenwechsel: Tink.ch beleuchtet das Thema Respekt für einmal von der wissenschaftlichen her und sprach deshalb mit einem deutschen Respektsforscher.
Fotos: Dennis Williamson "Derbe respektlos finde ich deutsche Fussballkommentatoren."

Mit seiner RespectResearchGroup ist der Hamburger Niels van Quaquebeke (31) dem „wahren“ Respekt auf der Spur. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen erforscht er die Funktion von Respekt in unserer Gesellschaft. Für ihre Projekte erhielt die Forschergruppe schon verschiedene Stipendien und von der deutschen Bundesregierung wurde es in diesem Jahr mit dem Preis „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

Mit Niels van Quaquebeke mailte Martin Sturzenegger

Herr van Quaquebeke, gibt es eine wissenschaftliche Definition für Respekt?

Ja, auf unserer Website. Sie lautet: „Respekt ist eine Einstellung eines Menschen einem anderen gegenüber, bei welcher er in diesem einen Grund erkennt, der es aus sich heraus rechtfertigt, ihn zu beachten und auf solche Weise zu agieren, dass bei ihm über Resonanz das Gefühl entsteht, seinem Wert (an)erkannt zu sein.“

Differenzieren sollte man darüber hinaus in zwei Formen des Respekts. Den vertikalen und den horizontalen. Während es beim vertikalen Respekt um Differenzierung geht (sprich ich respektiere jemanden mehr oder weniger, je nachdem wie gut er ist), geht es beim horizontalen Respekt um die Einsicht, dass wir alle gleichwertig sind. Da gibt es kein mehr oder weniger. Daher wird er auch kategorisch genannt.

Jeder spricht von Respekt. Die Hip-Hopper, die Fussballer, mahnende Eltern und Lehrer. Wollen alle dasselbe?

Ich denke nicht. Und dann doch wieder auch. Es geht im Kern um Anerkennung und Wertschätzung. Aber am Rand wird es unscharf. Eltern meinen vielleicht eher Gehorsam. Fussballer wollen ihren Status gewahrt sehen. Hip-Hopper für Leistung gewürdigt und von der Gesellschaft gesehen werden. Und Lehrer in ihrer Autorität nicht untergraben werden. Das war jetzt recht platt eingeteilt. Was aber deutlich wird ist, dass man sich immer fragen sollte, was jemanden genau ausdrücken möchte, wenn er von Respekt spricht. Respekt allein ist ein solch vages Wort, dass es viele Missverständnisse im zwischenmenschlichen Miteinander hervorrufen kann.

Ist Respekt dem Menschen angeboren?

Der Mensch ist ein soziales Wesen und als solches ist ihm angeboren, sich mit anderen in der Sozialgemeinschaft zu koordinieren. Das Wie wird uns beigebracht beziehungsweise schält sich über lange Evolutionsprozesse heraus. Vor allem ist Respekt wohl aber ein Einsichtsprozess.

Ist Respekt erlernbar?

Ja. Respekt hat eine Grundlogik, die durch Nachdenken verstanden werden kann. Natürlich meine ich hier nicht den vertikalen Respekt. Sondern den meist weitaus anstrengenderen horizontalen Respekt.

Kann Respekt hinderlich sein, wenn nicht alle am selben Strick ziehen?

Respekt kann hinderlich sein. Es ist aber eine Frage der Perspektive. Kurzfristig und im kleinen Rahmen sicherlich. Horizontaler Respekt ist anstrengend. Das heisst, wenn nicht alle am selben Strang ziehen, dann nervt das erst einmal. Und kurzfristig erscheint es dann so, als solle man mal kurz seine Respektsprinzipien über Bord werfen, um das Ziel schneller zu erreichen. Sprich, man übergeht einfach diejenigen, die nicht am gleichen Strang ziehen. Langfristig bedeutet das aber auch, dass die Übergangenen sich nicht mehr fürs Grosse Ganze einsetzen werden. Auf diese Weise erodieren Gruppen nach und nach.

Welche Art von Respekt braucht es, damit eine Gesellschaft funktionieren kann?

Beide oben aufgeführten. Wir müssen verstehen, wem wir folgen wollen und nicht wem wir folgen sollen. Unsere Demokratien bieten dafür ausgezeichnete Instrumentarien, auch wenn nicht immer optimal umgesetzt.

Und wir müssen verstehen, wie wir mit Andersartigkeit umgehen wollen. Menschen sind unterschiedlich und anstatt sie gleich machen und bestimmten Leitkulturen unterwerfen zu wollen, sollten wir lieber fragen, wie wir die Vielfalt produktiv einsetzen können, anstatt in ihr ein Hindernis zu sehen.

Hat sich der Begriff Respekt im Laufe der Zeit gewandelt?

Ich denke schon. Gerade für die ältere Generation hängt Respekt noch immer mit Gehorsam oder Höflichkeit zusammen. Für die jüngere Generation ist der Begriff eher ein interpersonell ausgehandelter. Ich würde fast sagen „authentischer“.

Allerdings ist das eher eine persönliche Wahrnehmung als dass ich dazu solide Daten hätte.

Gibt es „falschen“ Respekt?

Respekt ist eine Einsicht im Innern. Da gibt es nichts Falsches. Allerdings kann die Äußerung nicht authentisch sein, sprich mir kann die Einsicht fehlen, ich aber weiß, dass ich mich jetzt so oder so zu verhalten hätte, um als respektvoll wahrgenommen zu werden. Das merken Leute aber sehr schnell.

Gibt es aktuelle Beispiele in unserer Gesellschaft, die von mangelndem Respekt zeugen?

Zu viele um sie hier aufzählen zu können. Und Gott sei dank so wenige, so dass diese Welt immer noch ein lebenswerter Ort ist.

Gibt es aktuelle Beispiele in unserer Gesellschaft, die von zu viel Respekt zeugen?

Wie oben dargestellt kann man nicht zu viel horizontalen Respekt haben. Bei vertikalem Respekt kann ich mir vorstellen, dass Einige manchmal ihren „Meister“ so respektieren, dass sie sich selbst ganz klein fühlen und demütig werden. Aber wer fühlt sich nicht manchmal ganz klein – und wahrscheinlich ist Demut auch nicht das schlechteste Gefühl. Man sollte bloss auch erkennen, wenn der „Meister“ plötzlich Blödsinn macht.

Was würde mit der Welt geschehen, gäbe es Respekt nicht?

Die Menschheit würde sich ausrotten.

Weshalb forschen sie über Respekt? Lohnt es sich?

Finanziell lohnen tut sich Forschung wohl nie. Und ein Respektpatent ist auch noch nicht in Sicht.

Weshalb forsche ich zu Respekt? Nun, Psychologen sagt man immer nach, dass sie zu dem Gebiet forschen, bei dem sie selbst am meisten Probleme haben. Und in der Tat, mir fällt es schwer, anderen zu folgen. Meistens sehe ich in formellen Chefs nicht die Meisterschaft, die mir Respekt und damit auch meine Gefolgschaft abverlangen würde.

Gibt es Tipps, wie man Respekt in seinen Alltag bringt?

Nachdenken! Und mit anderen über die Gedanken reden. Lernen, dass Respekt nicht heisst „Was du nicht willst was man dir tu, das füge auch keinem anderen zu“. Denn unsere Vielfalt bringt es mit sich, dass jedem andere Dinge wichtig sind und man sich daher auch durch die unterschiedlichen Aspekte nicht gewertschätzt fühlen kann. Nur von sich auf andere zu schliessen, ist zu wenig. Man muss andere und ihre Innenwelt kennenlernen und die eigene Innenwelt anderen zeigen. Am Ende steht meist die Einsicht, dass wir so unterschiedlich nicht sind.

Was ist das Respektloseste, das sie jemals gehört, gesehen oder erlebt haben?

Derbe respektlos finde ich deutsche Fussballkommentatoren. Da wird in einem rumgemault, wer wieder falsch gestanden hat oder zu langsam gewesen ist. Warum können die die gezeigten Leistungen so wenig wertschätzen? Das ist jetzt natürlich nicht das Respektloseste, was ich jemals erlebt habe. Aber ich habe gerade Fussball geguckt und es hat mich wieder aufgeregt. Und da fällt mir ein: Weshalb heisst die Frage nicht „Was ist das Respektvollste, das sie jemals gehört, gesehen oder erlebt haben?“


Anlässlich der Jugendfilmtage entstehen Kurzfilme zum Thema "Respekt", die bei der Veranstaltung im nächsten März vorgeführt werden. Tink.ch begleitet die Aktion journalistisch. In regelmässigen Abständen äussert sich unsere Autorenschaft über Respekt. Das Thema soll möglichst vielfältig beleuchtet werden.

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