Politik | 22.12.2008

Kriegsherren ohne Land

Text von Joël Meier | Bilder von Nathalie Kornoski
Die Piraterie ist seit Kurzem wieder ein aktuelles Thema in den Medien. Ein Tink.ch Reporter über die Piraterie vor der Küste Somalias.
Bild: Nathalie Kornoski

Die Piraterie vor der Küste von Somalia ist schon länger ein Problem. Die Regelmässigkeit der Überfälle hat in den letzten Monaten jedoch stark zugenommen. Der Vorfall mit der Luxusyacht „Le Ponant“ im April bildete den Anfang der breiten medialen Berichterstattung. Seither wurden elf weitere grosse Angriffe auf internationale Hochseeschiffe gemeldet – darunter die Kaperung des gigantischen Öltankers „MV Sirius Star“ mit seiner 100 Mio. Dollar teuren Fracht. Nur vier dieser Überfälle konnten abgewehrt werden.

 

Geschäftsmänner und Kriegsherren

Im 21. Jahrhundert scheint die Vorstellung von Seeräubern, die gewaltsam Schiffe übernehmen und plündern, ziemlich absurd. Die modernen Piraten Somalias entsprechen jedoch nicht dem kitschig geprägten Bild romantischer Seeräuberei. Statt mit Schwertern und Kanonen kämpfen die somalischen Piraten mit Maschinengewehren und Raketenwerfern. Nicht Kompass und Fernrohr unterstützen die Navigation, sondern hochmoderne Navigationssysteme. Anführer sind nicht selbstbestimmte Rebellen, sondern profitsüchtige und korrupte Geschäftsmänner und Kriegsherren.

 

Rechtsfreier Raum

Ein Blick auf die somalische Geschichte widerspiegelt den Grund für die Anfänge der Seeräuberei im Roten Meer und im indischen Ozean. 1991 wurde der Diktator Siad Barre gestürzt – als Folge des Bürgerkriegs zwischen verschiedenen somalischen Clans, Kriegsherren und Milizen. Dieser Krieg wütet bis heute und verunmöglicht die Etablierung einer funktionierenden Zentralregierung. Als Folge davon ist das Hoheitsgewässer von Somalia ein rechtsfreier Raum. Unter dieser Prämisse kam es zum illegalen Fischfang durch ausländische Schiffe, was zum Widerstand vieler einheimischer Fischer führte. Was mit dem Beschützen der Hoheitsgewässer begann, endete jedoch mit Plünderungen ausländischer Schiffe.

 

Schweiz involviert

Kürzlich ist ein Schweizer Frachtschiff von somalischen Seeräubern verfolgt worden – eine Premiere in der jüngeren Geschichte. Dieser  Vorfall löste grosse Unsicherheit, Unverständnis und Angst aus. Politische Reaktionen folgten: Der Bundesrat prüft laut Recherchen der „SonntagsZeitung“ einen polizeilichen Einsatz von Schweizer Soldaten in Somalia. Eine Teilnahme am noch jungen EU-Plan gegen Piraterie (Operation „Atalanta“) ist sinnvoll: Die Schweiz verfügt über keine Marine. Die einzige Möglichkeit, den 35 Schiffen der Schweizer Hochseeflotte einen gewissen Schutz zu gewährleisten, ist die Beteiligung an der EU-Aktion. Dies würde die Handlungsbereitschaft der Schweiz bei tatsächlichen Bedrohungen verdeutlichen.

Das Problem der Piraterie wird jedoch weiter bestehen bleiben. Erst das Ende des Bürgerkrieges und die Etablierung einer seriösen Regierung in Somalia würden die Grundlage für ein wirkungsvolles Vorgehen gegen die lokale Piraterie bieten. Krieg und Korruption haben Somalia – eines der ärmsten Länder der Welt – jedoch fest im Griff.