Kultur | 08.12.2008

„Diese Musik ist viel zu intellektuell!“

Gestapelte Frachtcontainer, ein protziger alter Mercedes und eine Gans - sicher und sauber sieht es nicht aus, was Import-Export da transportiert; vielmehr dubios und befremdlich.
Import-Export mit einem Repertoire, das bei einer gemächlich im Takt wiegenden Menge auf Zustimmung stiess. Fotos: Ruzica Lazic

Was just die Absicht ist: So wie bei manchen Import-Export-Firmen die Grenzen zwischen legalen und illegalen Geschäften verwischt sind, so operieren auch diese Musiker. In den offenen Arrangements findet nicht nur Ventilatos Elektronik ihren Raum, sondern auch der bulgarische Trompeter Sachko Wladigeroff. So liest sich das Preview zum Anlass, welcher im November im Moods stattfand. Die Reporter, ein standhafter Bucovina-Club-Veteran, der treu einmal im Monat dem Lockruf Shantels ins Palais gefolgt war und sich die Seele aus dem Leibe tanzte, war natürlich milde interessiert zu erfahren, wie sich ein Abend im balkanischen Flair aus dem Hause Moods darstellte. Die Live Besetzung klang schon mal sehr vielversprechend, die Fusion mit dem Elektronischen ebenso. Wird die Menge kochen? Wird irgendjemand einen Schuh verlieren? Wo ist die Gans? Wie wild kann die Combo aufspielen?
Mit diesen Fragen schlug man im Kreise von Freunden seine Schritte Richtung Moods ein. Ali an der Kasse hat für das temporäre Fehlen des Jungmedienausweises vollstes Verständnis, und akkreditiert mich und Reporterkollegin Karin aufgrund unseres seriösen und vertrauenswürdigen Erscheinungsbildes grosszügig auf die Liste. An dieser Stelle noch mal an freundliches Thumbs-Up an Ali.

Viertelstündige Mélanges
Da man zu Beginn des Konzertes eintrifft, lässt dies genug Zeit, um sich einzustimmen  und den Blick über das vorherrschende Publikum schweifen zu lassen. Die Band stimmt sich ebenfalls ein. Während sich Down-Tempo Jazz mit Folklore-Einflüssen in unsere Gehörwände windet, fallen simultan mehrere Sachen auf. Das Publikum ist für so eine richtige Balkansause fast etwas zu gesittet; hie und da schunkelt ein Pärchen zur Musik oder man unterhält sich angeregt. Wenn Sachen wie die Tanzmelodie des Zentralen Balkans, das Kolo, musikalisch angetönt werden, sollte man eigentlich die Knochen schütteln wollen, je fester desto besser. Aber irgendwie wird das noch nichts. Der DJ herrscht konzentriert über sein Reich, das Mischpult, und verströmt etwas Coolness von Zentrum des Saals her. Vor ihm nimmt ein Kamerateam alles auf, was gerade live auf der Bühne dargeboten wird.

Aus der Band sticht der Trompeter Sachko Wladigeroff nicht ungemein heraus. Wie das bei Jazzkonzerten üblich ist, verwischen sich Lieder zu viertelstündigen Mélanges, in denen jeder aus der Gruppe mal seine Fähigkeiten in einem Soli unter Beweis stellen kann. Wo bleibt der Pfiff eines Boban Markovic Orkestars??, schreit mein Innerstes Sachko an, lässt sich aber wieder durch das Argument zähmen, dass das Talent und die Leidenschaft von zwölf kleinen sympathischen Männern mit Blasinstrumenten sich nun mal nicht in einer Person vereinigen lassen. Dem Publikum gefällts; es wiegt sich im nun etwas schnelleren Improvisationsorientalismus, der von der Bühne aus hinaufbeschwört wird.
Angenehm ist sicherlich der im Gegensatz zu sonstigen Anlässen fehlende Hochzeitsmarkt, was man daran merkt, dass man nicht angestarrt wird wie ein äusserst appetitliches Stück Brot (denn der Hochzeitsmarkt ist nicht immer wählerisch), oder künstlich von diesen oder jenen hippen Leuten ignoriert wird (aber doch dezent aus dem Augenwinkel beobachtet).

Tanzwütige Meute
Hier und da lassen sich Gesprächsfetzen auf Exjugoslawisch erhaschen; sie wabern unentwegt durch die Luft wie die Rauchschwaben, welche meinen Amaretto Sour umspülen. Was sich die Balkanstämmigen wohl denken? Vor einiger Zeit waren die Balkanparties, welche gezielt ein neues Publikum ansprachen und nicht nur Secondos mit Turbofolk einlullen wollten, etwas völlig Bahnbrechendes. Ist das jetzt schon klischiert? Kennen ausreichend Leute den Balkan-Effekt in der Partyszene Zürichs, dass er schon als klischiert aufzufassen wäre? Wer dieser Meinung ist, findet auch jetzt gerade sicherlich Gefallen an der Musik. Die Band Import-Export greift schliesslich längst nicht nur in die Balkankiste, durch den ganzen Abend durch lassen sich auch Bossa Nova Rhythmen, Beatboxing, typische Studio 54 Bläser Solis – Hut ab! –  Fade-Ins und Fade-Outs mit dem Klavier und etlich anderes erhören. Interludes, wohin das Auge reicht. Was etwas frustrierend sein kann, wenn man Anspruchsvolles sehr schätzt, aber auch tanzen will – und wieso lassen sich diese zwei Sachen nicht verbinden? Import-Export gelingt dies leider nicht. Doch zu ihrer Verteidigung muss man auch sagen, dass sie es auch nicht auf eine aufgehitzte, tanzwütige Meute angelegt haben, sondern eine gemächlich sich im Takt wiegende Menge.

Der Klezmer wird akustisch ausgepackt. Es ergibt sich, dass man Bekanntschaft schliesst mit einem Bucovina-Club-Veteran. «Ich bi de Osgar mit C« sagt der gebürtige Kolumbianer im flammroten Hemd, während seine Freundin amüsiert dreinschaut. Ebenso flammend ist auch seine Seele. Alle Kritik muss raus – «Diese Musik spricht das Herz nicht an! Sie ist viel zu intellektuell«, sagt er wild gestikulierend, und will mit dem Reden so bald nicht mehr aufhören, denn er hat ja einen Seelenverwandten gefunden. Die richtige «Balkanmusig« löst eine Katharsis aus, so seine These. «Wenn ein Mensch Depressionen hat, muss er dahin, das Sehnsüchtige und das Traurige spüren, und dann durch die Trompete erlöst werden.« Offensichtlich ist er extrem erfreut, keine schunkelnden gemütlichen Intellektuellen im mittleren Alter anzutreffen, sondern auch ein Grüppchen, dem die Tanzwut in den Knochen steckt. «Man will doch manchmal einfach Spass haben und vibrieren«, sagt er. Recht hat der Mann. Und passend dazu lässt die Band ein Crescendo verlauten.

Gegen Mitternacht baut Import-Export nach einigen Zugaben, einer Ederlezi-Version und eines Vaya Con Dios – Covers langsam sein Equipment ab. Laut Programm steht nun eine Balkanparty, deren Geräuschkulisse DJ Goran Potkonjak gestaltet, an. Von einer kochenden Atmosphäre zu sprechen wäre etwas vermessen, aber zumindest siedet es. Insgesamt ist es sehr angenehm und wer tanzen will, der kann nun auch.

Fazit des Abends: Die Balkankaravan Reihe ist ein gutes Konzept und wird definitiv von der Redaktorin weiterhin verfolgt. Es kann sein, dass von Monat zu Monat mit variierendem Line-Up auch die Atmosphäre anders ist, daher ist jeder Besuch ein Überraschungsei. Der Abend mit Import-Export hinterlässt insgesamt einen guten Eindruck. Einer Veranstaltungsreihe sollte man fairerweise eine zweite Chance geben, und die Leute, die man kennengelernt hatte, waren offen, warmherzig und liessen ihr Herz, wie jedes wahre Balkan-Temperament, auf dem Tanzparkett liegen. Osgar mit C würde mir in diesem Punkt sicherlich zustimmen. «Sehnsucht ist das schönste Gefühl, das es gibt« sagt er, und dies soll das Schlusswort sein.

Achja. Die Gans wurde nicht gesichtet.