Kultur | 08.12.2008

Bambi, Bohème und Berliner

Die Gedankengänge bei einer krampfhaften Themensuche sind nicht immer logisch oder leicht zu folgen. Unterhaltsam sind sie dennoch, wie unsere Kolumnistin unter Beweis stellt.
Exhibitionismus im Starbucks passt etwa so gut zusammen wie Bambi und ein Genickschuss, und doch gibt es das.
Bild: Jan Motyka/ youthphotos.eu

Was ich hier tue? Das weiss ich nicht. Und wer ich bin, das frage ich mich gar nicht erst. Momentan hat mich die Routine so fest im Griff, dass im Moment an eigenständiges Denken gar nicht zu denken ist. Dies ist nur halb so erschreckend, wie es klingt. Der Stress klebt mir ebenso an den Hacken wie dir, und dir, und dir. Ja, dir auch. Ich bin ein mentales Vakuum im Raum. Unter diesen Umständen gestaltet es sich als etwas problematisch, eine Kolumne zu schreiben, wenn einen die Muse nicht beuteln will. Wenn man ohne festes Bekenntnis zu einem Standpunkt bezüglich einer eher irrelevanten Thematik da steht, deren Diskussion ganze Seiten zu füllen vermag. Deshalb liste ich mal Sachen auf, welche passiert sind, passieren können und mich irgendwie tangieren, ohne dass zwei Begebenheiten notwendigerweise in kausalem und / oder chronologischem Zusammenhang stehen. Also.

Ein Hund sabberte mir auf die Jeans und schien im Nachhinein seine Tat zu bereuen, welches ich aus der Pfote auf ebenjenem Sabberfleck schloss. Im Starbucks am Kreuzplatz entdeckte ich einen Exhibitionisten (oder passender, er liess sich von mir entdecken). Als ich das Personal dezent darauf aufmerksam machte, wurde mir erstmals entgegnet: „Aber er ist doch ein Lieber, er ist jeden Tag hier!“ Ich fühlte mich fast verpflichtet, mich dafür zu entschuldigen, dass ich mich ein kleines bisschen sexuell belästigt fühlte, tat es dann aber doch nicht. Später  wurde dem netten Exhibitionisten vom Chef mitgeteilt, er solle doch den Reissverschluss betätigen. Exhibitionismus im Starbucks passt etwa so gut zusammen wie Bambi und ein Genickschuss, und doch gibt es das.

Meine Mutter und ich haben eine ähnliche Handschrift, was überraschend ist, da wir erstens sonst wenig gemeinsam haben und ich zweitens auf diesen Umstand aufmerksam wurde, als ich ihr selbstverfasstes Rezeptbuch durchforstete. Ich kann kyrillische Handschrift weder lesen noch wirklich selber schreiben, und doch haben wir einen ähnlichen Stil. Die Genetik steckt in den Häkchen und Schlaufen. Mein Unterbewusstsein beschloss, die Redaktionssitzung eine Woche vorzuverlegen, als sie eigentlich stattgefunden hätte, sodass ich schlussendlich mit den eigens mitgebrachten Amaretto-Sour-Zutaten nichts anzufangen wusste, ausser sie beim Bohème zuhause würdevoll anzurichten und aufzubrauchen. Der Bohème würde später seine Wege zu einem Weltverbesserungsznacht einschlagen, während ich die ganze Nacht vom Verzehr dreier Berliner (Gebäcke! Gebäcke!) träumte, was merkwürdig ist, denn der von mir letzte verzehrte Berliner (Gebäck! Gebäck!) ist auch schon ein halbes Jahrzehnt her. Ich beschloss, mir die Haare wachsen zu lassen. Romeo und Julia sind nicht romantisch, sondern tot. Emos der Vorzeit quasi.
Ein Stillstand der eigenen Gedanken hat irgendwie doch was Gutes, wenn die Umgebung im Gegenzug starke Eindrücke hinterlässt. Ab und an.