Gesellschaft | 24.11.2008

Traum eines Wasserpistolen-Killers

Nach drei Wochen City Assassin sind beide Tink-Auftragskiller noch im Rennen. Kurz vor dem "Death Match" lehnen sie sich nicht zurück, sondern gehen in die volle Offensive.
Eine derart professionelle Ausrüstung braucht es für City Assassin nicht. Besser man verhält sich unauffällig.
Bild: Sebastian Simanowski/youthphotos.eu

Martin Sturzenegger: Nach meinem ersten Mord (Tink berichtete) ging ich in die Metzgerei und kaufte mir ein grosses Stück Rindfleisch – ja, ich hatte Blut geleckt. Ich erhitzte dieses Prachtstück kurz auf unterster Herdstufe, um es danach noch möglichst roh zu verzehren. Danach stattete ich Aladdin – dem Kebap-Verkäufer um die Ecke – einen Besuch ab, um mir einen Beutel frisches Lammblut zu holen. Wieder Zuhause angekommen, schlitzte ich den Beutel mit einem scharfen Messer auf und liess das Blut auf eine Leinwand quellen. Guten Morgen! Selten war ich so froh, dass alles nur ein Traum war. Offenbar hatte die ersten beiden Wochen City Assassin ihre Spuren in den dunkelsten Niederungen meines Unterbewusstseins hinterlassen.

Angriff aus dem Hinterhalt

Halb so schlimm. Ein neuer Tag, ein neuer Mord – dachte ich, während ich die Handschuhe überstreifte. Draussen war es kalt. Durch die Kondensation war mein Atem sichtbar, als ich vor dem Haus meines zweiten Opfers stand. Meine bisherigen City Assassin-Erfahrungen lehrten mich, dass mit einer offensiven Taktik am meisten zu gewinnen ist. Auf gut Glück klingelte ich an einer x-beliebigen Tür des Mehrfamilienhauses. Durch das Milchglas sah ich, wie sich eine Person der Tür näherte, nach einem kurzen Blick durch den goldigen Spion sich jedoch schnell wieder entfernte. Aus dem Inneren des Hauses vernahm ich nun aufgeregte Stimmen. Stattdessen kam nun eine andere Person und öffnete mir die Tür. Ich streckte dem jungen Mann die Identifikationskarte meines Opfers entgegen: „Kennst Du diese Person? Wohnt sie auch hier?“ Der junge Mann antwortete mit einem trockenen „Ja“. Gleichzeitig machte sich mein Opfer aus dem Hinterhalt des dunklen Vorgartens an mich ran. Er benutzte den Hinterausgang und trug ein kunterbuntes Wassergewehr auf sich, das mit zahlreichen Features meine handliche Kompaktpistole irgendwie lächerlich erscheinen liess. Oder umgekehrt? Geschmackssache.

In diesem gut bürgerlichen Zolliker Einfamilienhausquartier lieferten wir uns eine erbitterte Wasserschlacht – auf nass oder trocken. Man hat ja nichts Besseres zu tun. Leider war ich der Erste, der in diesem Gefecht einen Streifspritzer davon trug. Nur Sekundenbruchteile später traf ich mein Opfer mit einem gezielten Kopfschuss. Knapp zu spät, denn mit dieser gelungenen Attacke aus dem Hinterhalt hat mich mein Opfer für genau 60 Minuten ausser Gefecht gesetzt. Wir lieferten uns noch einen entspannten Schwatz, ehe ich mich von ihm verabschiedete: „Auf Wiedersehen“, sagte ich mit angestrengt bedrohlichem Unterton. „Hasta la vista, ich komme wieder“ schoss es mir noch durch den Kopf, erschien mir dann aber doch etwas zu angestrengt.

Eine glückliche Verwechslung

Auch mein Täter hat in dieser Woche getroffen. Dass ich trotzdem noch am Leben bin, ist ein glückliches Missverständnis. Donnerstags setzte sich mein Auftragskiller an die Versen eines bildschönen, gelockten Jünglings (ich gebs zu: die Ähnlichkeiten zu mir sind frappierend). Als der junge Mann zusätzlich noch meine Haustüre ansteuerte, bestand für den Killer keinen Zweifel mehr. Er wähnte sich auf der sicheren Seite und drückte ab. Dabei stellte sich heraus, dass der verwunderte Abgeschossene einer meiner Hausgenossen war. Ein Hoch auf die Zeit der uniformen Modeströmungen und fantasielose Friseure. In dieser Woche spitzt sich die Lage nun zu. Seit gestern ist der „Death Match“ eröffnet. Jede/r gegen jede/n. Solange bis nur noch eine/r übrig bleibt. Am nächsten Dienstag wird der Sieger des schweizweit ersten City Assassin auserkoren. Autogramme verteile ich ab Mittwoch.

Roger Tschallener: Nachdem die letztwöchentlichen Erfolge an der Wohnadresse meines Opfers ziemlich gering waren, begab ich mich dieses Mal an dessen Arbeitsort. Kurz vor Feierabend pendelte ich mit einer Flasche voll Munition und meiner Knarren in die Innenstadt und suchte die Häuserblocks nach meiner Zieladresse ab. Leicht perplex fand ich mich vor einem Hochhaus mittlerer Grösse wieder und konnte meine Ratlosigkeit kaum mehr verbergen. Anstelle einer einzelnen, überschaubaren Firma sind in dem Gebäude über ein Dutzend Organisationen mit unzähligen Nebenausgängen untergebracht. Um mich erst Mal wieder zu sammeln lud ich meine Waffe und da passierte es! Schon wieder! Die Knarre rinnt unterdessen fast an allen Stellen.

Auf einer falschen Fährte?

Wieder zurück vor dem Gebäude-Haupteingang nahm ich die einzelnen Firmen genauer unter die Lupe. Im fünften Stock stutze ich. „Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich“. Ist mein Ziel Arbeitslos? Geht er nicht zur Arbeit und lockt mich hier auf eine falsche Fährte?  Da ich dies noch nicht überprüfen konnte, warte ich weiter vor dem Haupteingang, leicht provokativ lungere ich hinter den Briefkästen rum und warte. Nach einer halben Stunde verlässt der erste Arbeiter das Gebäude und gönnt sich eine Raucherpause. Da dieser, wie hätte es anders sein können, nicht mein Ziel ist, bleibe ich im Hintergrund. Dem nächsten Nikotinabhängigen zeige ich das Foto meines Opfers, dieser verneint die Frage der Bekanntschaft mit diesem und zieht von dannen. So geht das noch einige Male weiter und als nur noch diverse Gebäudereiniger das Gebäude betreten, reinigen und wieder verlassen, mache auch ich mich wieder auf den Heimweg.

Kein Killer in Sicht

Zu Hause recherchierte ich nach dem Namen, der mir letzte Woche genannt wurde. Der Erfolg liess sich aber mit der Büroadressen-Aktion gleichstellen: Keinerlei Ergebnisse. Mein Opfer scheint schlichtweg nicht zu existieren. Niemand kennt ihn, er taucht weder zu Hause noch am Arbeitsort auf und die Hinweise lösen sich schneller in Luft auf, als meiner Wasserpistole die Füllung ausläuft. Eine positive Nachricht habe ich doch noch: Auch mein Killer hat mich noch nicht erwischt. Ich habe noch nicht Mal eine verdächtige Person bemerkt. Scheinbar wirken auch meine vorsorglich getroffene Abwehrmethoden. Aber uns bleibt noch Zeit, wie es momentan aussieht, wird das erste City Assassin der Schweiz verlängert. „Death Match“ heisst es ab dieser Woche.

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