Gesellschaft | 17.11.2008

Tink.ch schlägt „20minuten“

Aufrüsten wie James Bond, der erste Mord und das klägliche Scheitern von Vincent Vega. Die zweite Woche City Assassin -Wasserschlacht bot einiges an Aufregung.
Bei weitem nicht so auffällig wie dieser Kämpfer: Die Zürcher City Assassins.
Bild: youthphotos.eu Wo die Assassins sich begegnen: Die Zürcher Langstrasse bei Nacht. Martin Sturzenegger Der Tink.ch-Journalist mit seiner "Waffe". Melanie Pfändler

Roger Tschallener: Leider kann ich mich nicht so einfach von einem Spezialisten namens „Q“ ausrüsten lassen, wie James Bond das meistens tut. Deshalb begebe ich mich in das führende Waffengeschäft für City Assassins: Franz Carl Weber. Wo sonst kriegt man auch im 5 Grad kalten November eine Wasserpistole? Wie ich erfahren habe, hatten auch andere Mitspieler diese Idee und wurden mit den gleichen konfusen Blicken beworfen wie ich. Da ich mich mit einer als Fisch geformten Knarre nicht gerade ernst genommen fühle, entschied ich mich für die XM230 – was für ein Name! – ein futuristisch anmutendes, handliches Model mit verhältnismässig grossem Tank. Schmunzelnd werde ich gefragt, ob ich die Spielzeugwaffe als Geschenk eingepackt haben wolle. Natürlich nicht, ich will mein Opfer ja nicht mit Spielzeug beglücken sondern mit Wasser eiskalt umlegen – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Schlaues Opfer

Ein paar Tage später begebe ich mich zur Wohnadresse meines Zielobjektes. Kurz vor den regulären Stosszeiten des Abendverkehrs irre ich durch Zürich. Komische Gegend, der Hauseingang ist auf der Rückseite, es ist nirgendwo Licht und mit verstecken wird’s hier auch nichts. Als erstes lade ich meine Waffe mit kaltem Wasser und stecke sie mir in die Innentasche der Jacke. Wenige Sekunden später dann der erste Kontakt: Leider nicht mit dem Opfer, sondern mit meiner Munition. Ich habe mich, wie man so schön sagt, selbst nass gemacht. Die Wasserpistole ist komplett undicht. Naja, auch egal, nun heisst es warten.

 

„Der wohnt hier nicht“

Nach einer guten Stunde kam endlich die erste Person in den von mir überwachten Hinterhof. Zielstrebig ging sie auf den Eingang meines Ziels zu. Meine Aufregung stieg spürbar an und ich fummelte nach meiner Pistole, welche mir prompt entgleitet und zu Boden kracht. Das war’s dann definitiv mit dem Überraschungseffekt. Nervös schaue ich mich um und merke: Falscher Alarm, vor dem Hauseingang steht eine Dame in mittlerem Alter und durchsucht ihren Briefkasten. Jetzt oder nie. Ich frage sie nach dem Jungen, den ich nur vom Foto kenne und dessen Name ich ja nicht weiss. Leicht verwirrt antwortet sie mir: „So einer wohnt hier nicht… aber vor ein paar Tagen ist wer in die oberste Wohnung eingezogen, der ist aber gar nie hier“. Ist mein Opfer also schlauer als ich denke und wohnt noch gar nicht an der mitgeteilten Adresse? Kurze Zeit später erscheint eine weitere Person, dieses Mal ein Mann, jedoch viel zu alt für mein Ziel. Er wirkt locker und ich zeige ihm das Bild meines Ziels. Grinsend meint er „Ich glaub nicht, dass der hier wohnt. Obwohl warte mal… das könnte der im zweiten Stock sein! Aber dann ist das Bild sehr, sehr alt…“. Leicht verdutzt lässt er mich stehen. Mein Opfer ist also möglicherweise einiges älter als der Junge auf dem Bild?

Enttäuscht ziehe ich nach fast zwei Stunden von dannen – nun aber mit einem möglichen Namen. Dich krieg ich noch!

 

 

 

Martin Sturzenegger

Nach langem Zögern beschloss ich, mit der Brechstange vorzugehen. Ich habe eine Woche lang zugeschaut, wie es sich mein Opfer in seinem Gemäuer gemütlich gemacht hat. Warm eingekuschelt auf seinem Fernsehkissen, sich nicht der geringsten Gefahr bewusst, obwohl ihn nur wenige Meter und eine dicke Hauswand von seinem Killer trennten. An diesem Abend fasste ich mir ein Herz und klingelte an seiner Tür. Ich spekulierte darauf, dass er mir nicht einfach die Tür öffnet, sondern sich erst durch die Gegensprechanlage meldet. Ein analoges Knacken erklang: „Jaaa?“ Zuvor hatte ich mir den Namen seines Mitbewohners gemerkt und fragte: „Ist xxx Zuhause, ich habe mir von ihm was geborgt und möchte ihm nun diesen Gegenstand zurückbringen (ich räusperte mich).“ Sekundenlange Stille und dann wieder das Knacken des Gegensprechautomaten: „Wer ist hier?“ „ähm…Jonas ist mein Name…“. Wieder herrschte Stille, die schliesslich durch das Türsignal durchbrochen wurde. Ich zuckte zusammen – mein Opfer ist tatsächlich in die Falle getappt, die jetzt nur noch zuschnappen musste. Meine Hand setzte ich an den Griff der Wasserpistole, die sich -wie immer – in meiner Jackentasche befand und lief die drei Stockwerke zur Wohnung meines Opfers hoch. Der Aufstieg erschien mir endlos und allerlei ging mir durch den Kopf: «Ahnt er was? Ist er die richtige Person? Was ist, wenn dieser Typ bei diesem Spiel gar nicht mitmacht? Wird er die Polizei rufen? Werde ich als Psychopath festgenommen?

 

Nasses Hemd und Auftragsübergabe

Bevor ich meine Gedanken in noch verquerere Gefilde weiterspinnen konnte, begrüsste mich eine Person übers Treppengeländer: „Hallo?“ Fragte eine männliche Stimme, die beinahe bedrohlich klang. Die eine Hand versteckte er hinter seinem Rücken – es musste mein Opfer sein! Ich zog die Pistole raus und drückte ab. Er tat dasselbe, doch sein Geschütz, das eher an ein Designerobjekt aus den 70er Jahren, denn an eine Wasserpistole erinnerte, hatte Ladehemmungen. Für mich bedeutete dies grosses Glück im richtigen Moment – „Leben“, für mein Gegenüber das genaue Gegenteil – „Tot“. Er war fällig. Beide sprangen auf: Ich aus Freude, er aus Frust – die Emotionen lagen in der Luft und das Wasser meiner Pistole auf seinem Hemd. Nach kurzer Zeit beruhigten wir uns wieder und erzählten uns von den bisherigen City Assassin-Erlebnissen. Mein Opfer war ein dicker Fisch im Auftragskiller-Business. Er hatte bereits ein paar seiner Opfer zu Strecke gebracht. Doch sein aktuelles (welches nun zu meinem wurde) sei ein harter Brocken. Einmal habe ihn die Polizei abgeführt, als er ihm vor seinem Haus, inmitten eines Zürcher Villenviertels, auflauerte – die Nachbarn hätten ihn als „verdächtiges Objekt“ gemeldet. Beim zweiten Mal habe ihn sein Opfer durchs Schlüsselloch abgeschossen – auch dieser Versuch scheiterte. Und nun liegt es also an mir, diesen sich in seiner Villa verbunkernden, mit paranoider Nachbarschaft ausgestatteten City Assassin – Teilnehmer zu Fall zu bringen.

 

Das Scheitern Vincent Vegas

Doch wie es dieses Spiel vorschreibt, ist der Jagende gleichzeitig auch immer Gejagter. Was ich in der letzten Woche auch erfahren musste: Mein Killer ist ziemlich gerissen. Eines Morgens klingelte das Telefon. Es meldete sich ein junger Mann, der sich als Journalist ausgab mit mir ein Interview „über neue Medien“ vereinbaren wollte. Ich willigte ein und freute mich über diese Anfrage. Beim späteren durchlesen des folgenden Blogs auf 20Minuten (auch andere Medien setzen Auftragskiller ein) wurde ich stutzig: „Vincent Vega hat sich einen perfiden Plan ausgedacht und wird sein Opfer in den nächsten Stunden treffen.“ Ist dieser Vincent Vega vielleicht mein Killer? Das grosse „20minuten“ gegen Tink.ch? Ich bereitete mich jedenfalls innerlich schon einmal auf das grosse Duell vor. Wenig später klingelte das Telefon ein zweites Mal. Dieselbe Person am anderen Ende, die mir beichtete: Das Interview habe nur als Vorwand gedient. Ich spiele doch auch bei diesem City Assassin mit und, so der „20minuten“-Mann weiter: Er sei vorhin selbst abgeschossen worden. Ha! Der grosse Vincent Vega ist gefallen, „20minuten“ ist gefallen – die Woche hätte nicht besser sein können!

 

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