Gesellschaft | 03.11.2008

Kriminalität trotz Überwachungskameras

Text von Matthias Kempf
Ein Reisebericht zeigt die unterschiedlichen Facetten der grössten und anscheinend gefährlichsten Stadt Europas.
Der Buckingham Palace: eine Touristenattraktion in London. Fotos: Matthias Kempf Strassenszene im Stadtteil Covent Garden in der Londoner Innenstadt. Der Reporter im Londoner Zoo bei den "Vorfahren".

Nebel, düstere Atmosphäre, ein kalter Wind und eilig durch die Gegend huschende Menschenmassen: Ein ganz normaler Tag in der Millionenmetropole London im Süden Englands. Fast vier Wochen bin ich nun schon hier im Sprachaufenthalt und versuche mich verzweifelt zurechtzufinden. Als ob das schlechte Wetter und die Orientierungslosigkeit nicht schon genug wären, beschäftigt mich auch noch die Kriminalitätsrate , die in ganz England in den letzten Jahren zugenommen hat. Die Titelseiten der vielen Gratiszeitungen, die in der Tube (so wird die Metro in London genannt) herumliegen, zeigen praktisch jeden Tag dieselben Schreckensnachrichten: Mord , Vergewaltigung und Überfälle . Mit diesen News fährt Herr und Frau London jeden Tag zur Arbeit. Die Gesichter der Touristen verziehen sich, wenn sie in den Zeitungen herumblättern und feststellen, dass die Kriminalitätsrate nirgends in Europa so hoch ist wie in London. Sogar New York ist statistisch gesehen sicherer. Der ehemalige Bürgermeister Ken Livingstone hat vor einigen Monaten eingeräumt, dass er sich in New York sicherer fühle als in seiner eigenen Stadt. Befragt man die Bewohner Londons, ergibt sich ein differenziertes Bild der Situation.

Der Kinderkrieg

Einem grossen Teil der Bewohner Londons, hauptsächlich jüngeren Leuten zwischen 23 und 35 Jahren, bereitet die Kriminalität kein Kopfzerbrechen, da sie der Überzeugung sind, dass sich diese in den ärmeren Quartieren abspielt und nur zwischen rivalisierenden Gangs vorkommt. Tatsächlich spielen sich die meisten Vorfälle in den Elendsvierteln am Rande der Stadt, oder im Süden Londons ab . Fakt ist jedoch, dass die Opfer und Täter immer jünger werden. Das ein 15-Jähriger einen 14-Jährigen erschiesst, ist in London keine Ausnahme mehr, sondern trauriger Alltag. Vor drei Jahren waren 16 % der Opfer keine zwanzig Jahre alt, heute sind es 32%. Die Polizei steht diesem Problem machtlos gegenüber. Die rivalisierenden Banden heuern vermehrt Kinder an, da diese, wenn sie mit einer Waffe erwischt werden, nicht strafbar gemacht werden können. Auch geht es bei den Minderjährigen Waffenbesitzern auch um den „Coolnessfaktor“. Laut Polizei sind die jugendlichen Kriminellen 4-mal mehr mit Handfeuerwaffen ausgestattet, als noch vor fünf Jahren. Es ist ein Zeichen der Verwahrlosung, das sich um London, aber auch um andere englische Städte herum abzeichnet. Arbeits- und Perspektivlosigkeit lassen Jugendliche, nicht nur solche mit Migrationshintergrund, sondern auch Einheimische, schnell Mitglied in einer der 200 Strassengangs Londons werden.

Überwachungsstrategie im Zentrum Londons

In Victoria, wo ich zur Schule gehe, bekommt man von diesen Geschehnissen nichts mit. An der Strasse zu meiner Schule stehen völlig unbewacht drei Porsches, ein Maserati, ein paar schicke Audis, ein Mercedes und ein BMW. Auch ausserordentlich sauber ist es in diesem Quartier. Die Innenstadt ist herausgeputzt für die Heerscharen von Touristen. Diesen möchte man das klassische Bild Londons vermitteln, mit den Pubs, dem Tower of London und dem entzückenden Buckinghampalast, umgeben von seinen gigantischen Parks. Um diesen Touristen und auch der eigenen Eliteklasse jederzeit die Sicherheit gewährleisten zu können, die sie verlangen, wurden in der Stadt Überwachungskameras installiert. An jeder Ecke sind mindestens zwei, die Tube ist voll davon und selbst der verlassenste Winkel ist mit einer ausgestattet. „Big Brother is watching you“, jedoch in einer realen Stadt. Diese Installationen haben die Kriminalitätsrate zwar gesenkt, aber nur für einen kurzen Zeitraum und auch nur im Zentrum Londons. Die Verbrechen haben sich somit in die Schattenwinkel der Vororte und Randviertel verschoben. Die Kameras bemerken sogar, wenn man seinen Müll auf der Strasse liegen lässt und fordern einen auf, das Liegengelassene wieder aufzuheben. Das Zentrum Londons ist also eine reine Touristenattraktion und widerspiegelt in keinster Weise die ganze Stadt. Es gibt einem jedoch, gerade als Tourist, das Gefühl von Sicherheit und bei einem 3-Tages Trip nach London werden einen die Vororte kaum interessieren.

Persönliche Eindrücke

Die Vier Wochen, die ich in London verbringe, reichen noch lange nicht aus, um sich ein Bild dieser Stadt zu machen. Jeden Tag gibt es neue Dinge zu entdecken und zu bestaunen. Da ich im Norden Londons in einem Migrantenviertel in einer WG mit fünf jungen Personen aus verschiedenen Ländern wohne, erhalte ich einen vielseitigen Einblick in das Alltagsleben Londons aus unterschiedlichen Perspektiven. Es gibt grosse soziale Unterschiede zwischen den Bewohnern der einzelnen Gegenden. Ich glaube, die Leute aus meiner Wohngegend wissen nicht, wie ein Teil der Bevölkerung in den noblen Stadtteilen West Kensington oder Chelsea lebt. Es ist vielleicht auch besser so, ansonsten würden sie vor Neid platzen.

Trotz aller Angstmacherei empfehle ich London allen jungen Leuten weiter, sei es um zu studieren, zu arbeiten (man findet ohne grosse Probleme irgendeinen Job hinter dem Tresen eines Pubs) oder einfach nur um zu feiern. Ich fühle mich oft noch ziemlich verloren, jedoch sind die Leute sehr hilfsbereit und nett, egal welchem sozialen Status, welcher Religion oder Hautfarbe sie angehören. Es ist nicht einfach, in London Engländer zu finden, denn die meisten Leute sind zugewandert. Wer also gehobenes British English lernen möchte, dem rate ich von einem Aufenthalt in London ab. Dem Rest wünsche ich viel Spass beim Entdecken und sich eine eigene Meinung bilden über die grösste und anscheinend gefährlichste Stadt Europas.