Kultur | 03.11.2008

„Ich stamme aus einer anderen Epoche“

Tînk.ch traf Omara Portuondo, Sängerin des Buena Vista Social Clubs, zu einem Gespräch über Lampenfieber, ihr schönstes Konzert und Shakira.
Ihr Arzt reist mit ihr: Die 79-jährige Omara Portuondo lässt sich durch nichts vom Singen abhalten. Fotos: Martin Sturzenegger Über die Beziehung zum Publikum: "Diese Freude -“ ayy, wie wunderbar." Portuondo im Gespräch mit Tink.ch-Reporterin Melanie Pfändler

Eine perfektere Kulisse wäre kaum denkbar. Omara Portuondo, die Grande Dame der kubanischen Musikszene, sitzt eingerahmt von riesigen Spiegeln in einer schummrigen Hotelbar. Zu Beginn des Gesprächs schlingt sich die 79-jährige theatralisch den Schal um die Schultern. Die Gesten, die Mimik, die leuchtenden Augen – Omara Portuondo ist das personifizierte Leben. Das einzige, was ihr Alter verrät, sitzt einige Meter entfernt in einem Sessel. Der dunkelhäutige Mann ist weder Portuondos Manager noch ihr Leibwächter; er ist ihr Arzt. Portuondo kraust die hohe Stirn und gebietet mir, das Interview zu eröffnen: „So, Mädchen, dann leg mal los.“

Tink.ch: Señora Portuondo, stellen Sie sich vor, dass Sie auf einen Ihre Sinne verzichten müssten. Welchen würden Sie aufgeben?

Das ist eine schwierige Frage. Auf mein Gehör könnte ich niemals verzichten. Vielleicht auf meinen Geruchssinn. Aber das wäre ein furchtbares Leben, unmöglich.

Sie können heute auf eine 60-jährige Karriere zurückblicken…

(unterbricht) Meine Karriere hat eigentlich schon mit meiner Geburt begonnen. Das Gefühl für die Musik wurde mir in die Wiege gelegt. Irgendwann stellten meine Eltern schliesslich fest, dass ich das Zeug dazu hätte, professionelle Musikerin zu werden. Du singst zuhause?

Ja doch, sehr gern sogar.

Bist du gut?

Nicht wirklich. Und ich habe furchtbare Angst, vor Leuten zu singen.

Oh, Mädchen, das geht mir genauso. Sie mussten mich richtiggehend davon überzeugen, bis ich bereit war, aufzutreten: „Du wirst einmal eine grosse Künstlerin, du wirst dein Land, deine Kultur repräsentieren.“ Noch heute habe ich wahnsinniges Lampenfieber, nur dass es niemand bemerkt. (kichert) Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich diese Figur Omara Portunondo, die bekannte Sängerin, und wenn ich dann die Beziehung zum Publikum spüre, diese Freude – ayy, wie wunderbar.

Sie spielen gewissermassen eine Rolle.

Genau. Ich singe beispielsweise dieses eine Lied, „drume negrito“. Es ist ein Schlaflied der afrikanischen Sklaven in Kuba. Die Mütter sangen ihre Kinder in den Schlaf, doch sie waren der spanischen Sprache nicht mächtig und sangen „drume“ statt „duerme“.  Wenn ich dieses Lied singe, bin ich diese Person. Ich spreche wie sie, ich fühle wie sie. Da kommt das Schauspielerische dazu. Aber das muss aus einem echten Gefühl heraus entstehen.

Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere gewisse Wandel im Musikbusiness festgestellt? Heute wird ja oftmals kritisiert, dass es eigentlich nur noch ums Geld geht…

Glücklicherweise bekomme ich davon nicht allzu viel mit. Ich singe einfach, um den ganzen Rest kümmern sich andere. Ich weiss zwar, dass dieses ganze Drumherum existiert, doch ich habe nichts damit zu tun. Du singst und hoffst, dass die Sache sich verkauft.

Mir geht es auch darum, wie die Künstler heute präsentiert werden, insbesondere die Frauen. Sie sind vielmehr ein Produkt als eine eigenständige Persönlichkeit.

Das liegt an der heutigen Zeit. Das Fernsehen, die Videos, all das macht sie zu dem. Das ist der Lauf der Welt. Heute müssen diese Mädchen das tun, um Erfolg zu haben. Ich wurde in einer anderen Zeit geboren, stamme aus einer anderen Epoche. Nehmen wir Shakira als Beispiel. Die hat diesen Hüftschwung drauf (imitiert die Bewegung) – das kann wirklich nicht jeder, darum verkauft sich das so gut.

Mir scheint, dass es Ihnen wichtiger ist, sich selbst zu bleiben, statt möglichst berühmt zu sein.

Es ist nicht so, dass es mir besser erscheint. Ich kann gar nicht anders. Ich bin wie ich bin. Das habe ich all den Leuten zu verdanken, die mich geprägt haben.

Darum auch der Titel ihres Albums, „Gracias“?

Genau. Die Unterstützung meiner Eltern, meines Sohnes, meiner Enkelin, meines ganzen Umfeldes…Von meinem Arzt hier auch. Ich meine, mit ihm ist es doch dasselbe. Was wäre er ohne seine Patienten? Oder du, wie würdest du alleine deine Artikel schreiben können? Wir bilden alle eine Kette. Allein erreichst du nichts. Du willst schreiben. Ich will singen und hoffe, dass den Leuten gefällt, was ich tue. Und es läuft ja gar nicht mal so schlecht.

Hatten Sie nie eine Traumvorstellung von einem völlig anderen Leben? Sei es auch nur für einen Tag?

Nein, mir gefällt was ich tue. Das ist mein grosses Glück.

Sie haben ja auch schon Erfahrungen auf sehr grossen Bühnen gemacht… –

(unterbricht) Diese Erfahrung machst du jedes Mal wieder aufs Neue, wenn du die Bühne betrittst. Ich erinnere mich an einen Auftritt mit dem Buena Vista Social Club in New York. Und weisst du was? Ich war auch einmal ein kleines Kind. Damals besass mein Vater ein altes Radio und wir hörten gemeinsam ein Konzert von Mary Anderson, live aus der berühmten Carnegie Hall. Ich war nun also in New York und plötzlich ist da dieser Schriftzug „Carnegie Hall“. Ich konnte es kaum fassen, dass ich da auftreten durfte. Als ich auf die Bühne treten sollte, und sie mich ausriefen „Omara Portuondooo“ und ich all die vielen Leute sah, die für mich applaudierten, machte ich einen Satz zurück. Ich konnte da nicht raus! Ich sprach mir selbst zu: «Los, Mädchen, mach schon!« und schliesslich trat ich auf die Bühne. Es ist ja dann auch nichts Schlimmes passiert, aber das war schon eine extreme Erfahrung! In der Garderobe hingen überall die Fotos dieser grossartigen Künstler und plötzlich sollte ich da auftreten.

In meiner Vorschau für Ihr Konzert habe ich Sie als „lebende Legende“ bezeichnet.

Ach so, das. Jaja.

Das muss sich etwas seltsam für Sie anfühlen, nicht?

Was macht denn eine Legende aus? Die Erfahrung? Die Beliebtheit? Es war eine grosse Ehre für mich, an diesen Orten aufzutreten, all diese Menschen kennenzulernen. Dafür bin ich sehr dankbar. Jetzt ist der Moment gekommen, mich in aller Öffentlichkeit bei ihnen zu bedanken.

Gibt es noch irgendwelche Träume, die Sie sich erfüllen möchten? Eine Zusammenarbeit mit einem bestimmten Künstler zum Beispiel?

Ich habe mit vielen jungen, aufstrebenden kubanischen Musikern zusammenarbeiten, das hat mir sehr viel Freude bereitet. Sonst würde ich sehr gerne mit diesem italienischen Tenor singen, mit Andrea Bocelli. Der ist fantastisch. Und dann auch dieser Kolumbianer, Juanes.

Sie mögen Juanes?

Aber klar doch, den finde ich super. Aber man weiss ja nie.

Hätte es Ihnen denn gefallen, wenn Ihnen als Kind jemand gesagt hätte, wie alles kommen wird?

Als Kind wissen wir nichts, deshalb sind wir so gut und rein. Ich glaube, ich bin immer noch ein Kind. Die Zukunft ist für mich der morgige Tag. In meinem Alter kann ich nicht weiterdenken. Ich nehme das Leben, wie es kommt.

Kommen wir zu meiner letzten Frage.

Also. Ich bin nicht verheiratet, ich bin geschieden. Ich habe einen 47-jährigen Sohn und eine Enkelin. (lacht) Na los, was war die Frage.

Ich stelle die immer ganz zum Schluss: Gibt es eine Frage, die Ihnen noch die gestellt wurde und die Sie gerne beantworten würden?

Das ist eine schöne Frage. Die meisten Journalisten fragen immer, immer, immer wieder dasselbe. Ich würde mir wünschen, dass man mich mehr über aktuelle Dinge befragt. Was mich zum Beispiel sehr beschäftigt, sind die Zyklone, die uns jedes Jahr wieder heimsuchen. Darüber würde mich nie jemand etwas fragen. Oder auch über das Elend, das in Kuba herrscht. Das sind die Dinge, die wirklich zählen.

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