Gesellschaft | 03.11.2008

„Gesellschaftsübel“

Die SBB (sadistische Bahn-Beamte) stellt moderne Billetautomaten zur Verfügung. Wenn diese nicht funktionieren, ist das die Schuld des Passagiers.
Bild: www.spielwaren-suche.de

Es kommt eher selten vor. Doch manchmal mache auch ich mir Gedanken über die Auswüchse unserer Gesellschaft. Dass mich aber ausgerechnet eine angegraute SBB-Kontrolleuse dazu bringt, mir die hässlichen Fransen dieser konsumgestörten Spassgesellschaft vors innere Auge zu führen, hätte ich mir nicht unbedingt gedacht. Doch so ereignete es sich letztens auf einer abendlichen Zugfahrt von meinem Landsitz in die edlen Gemäuer meiner Stadtwohnung. Und ich war dabei die hässliche Franse.

Wie kams? Am Bahnhof stellte sich mir folgendes Dilemma: Der digitale Billetautomat mit Touchscreen hat mich im Stich gelassen. Seit dieses Ding am Bahnhof steht, beziehe ich meine Fahrkarten nur noch bei ihm. Ich zücke jeweils schwungvoll meine EC-Karte und der Automat zieht mir gerade so viel ab, wie nötig. Kein Rückgeld, das unaufhörlich, einem Füllhorn ähnlich, in meine Brieftasche wandert, bis sich diese schliesslich in Schwangerschaftsdimensionen katapultiert, um mir danach die Hosentasche auf unelegante Weise zu zerbeulen. Nein. Die Brieftasche bleibt schlank, ist ausschliesslich mit diversen Kreditkarten gefüllt und lässt mich so etwas weltmännischer erscheinen. Ja. Die digitale Revolution hat mir bisher nur Gutes gebracht und über allfällige Diskussionen betreffend „einer digitalen Verhurung der Gesellschaft“ mit irgendwelchen Hinterwäldlern, die von den vielen Knöpfen überfordert sind, lass ich mich erst gar nicht mehr ein. Und Gestern: „Dieser Automat ist ausser Betrieb“ – geschrieben in einer ausladend roten Schrift. Ich war in Eile und nebenan stand bloss noch der kleine, hässliche Bruder, mit dem ich einst vor Jahren regen Austausch pflegte. Ich fütterte ihn mit Münzen oder gar Noten und er spuckte mir im Gegenzug die Fahrkarten, inkl. den nickelgestanzten Münzen, die mir danach die Gesässregion auf Serena Williams–Niveau anschwellen liess. Doch Gestern hatte ich keine Münzen, geschweige denn eine 20er Note (das sind die einzigen, die er schluckt). Es war aussichtslos. Ich musste mich zu den äussersten Fransen dieser Gesellschaft begeben und den soeben heranbrausenden Zug ohne Billet betreten.

In den Augenwinkeln erkannte ich bereits die blauroten Uniformen der Kontrolleure. Einheitspresswürste – schwirrte es mir durch den Kopf – und ging in die Offensive. Ich musste ihnen meine missliche Situation schildern. Einen Fluchtweg gab es nicht. Die angegraute Kontrolleurin, hörte mir mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Aquariumfisches zu und nahm mich sogleich ins Verhör: „Sie haben kein Billet?“ „Nein, der Automat war futsch.“ „Da gibt’s noch einen zweiten.“ „Für den hatte ich nicht die passenden Geldnoten.“ Die Angegraute seufzte tief: „Ja, was machen wir denn da?“. „Ich darf mir vielleicht ein Billet aus ihrem Zauberkasten kaufen, den sie so elegant um ihren Körper tragen.“ „So geht das aber nicht. Ich muss das aufschreiben.“ „Nein, SO geht das auf keinen Fall! Ich habe mich in jedem Moment korrekt verhalten. Sie müssen schauen, dass sie ihre Kasten am laufen halten. Digitale Revolution!“ Widerwillig zog die Angegraute ihren Zauberkasten: „Wo wollen sie denn hin?“ „Nach Zürich, in die Stadt der funktionierenden Billetautomaten.“ „Das macht 6 Franken 50.“ Und streckte mir das Billet unter die Nase, wie einem unflätigen Schulkind die Strafaufgabe. Elegant zückte ich meine weltmännische Brieftasche und entnahm ihr einen hunderter Schein. Die Angegraute schaute mit einem Blick, als ob ich soeben ein dampfendes Stück Pudelscheisse gezückt hätte und sagte mit wild abwehrender Gestik: „Nein, nein! Die nehmen wir nicht!“ „Wie, ihr Zauberkasten schluckt auch keine Hunderternoten?“ Die Angegraute jetzt plötzlich mit belehrender Miene: „Wissen sie, das ist die Krankheit unserer heutigen Gesellschaft. Immer zu denken, man könne mit Hunderternoten bezahlen.“ „Stimmt nicht, es krankt ganz wo anders, nämlich an der Technik ihrer, an sich wunderbaren, Billetautomaten.“ Die Angegraute nun mit einer ins flehende tendierenden Miene: „Da kann ich doch nichts dafür.“ „Ich auch nicht. Wollen sie mir das Billet nun verkaufen?“ Die Angegraute schöpfte neue Kraft: „Wissen sie es geht nicht darum ob ich ihnen das Billet verkaufen möchte. Es ist eine Einstellungssache. Ein Übel dieser Gesellschaft, immer zu denken man könne mit hunderter Noten bezahlen.“ Die Angegraute überreichte mir mit siegender Miene das Billet. „Und denken sie daran, beim nächsten mal…“ Der Zug fuhr in Zürich ein und ich verabschiedete mich schnellstens um dem Monolog der uniformierten Presswurst zu entrinnen.

Als Teilzeit reflektierender Mensch, mache ich mir im Anschluss an dieses, hart an meiner Selbstüberzeugung betreffend meiner sozialen Alltagstauglichkeit nagenden Erlebnisses, meine Gedanken. Hab ich falsch gehandelt? Bin ich die Fleisch gewordene Verkörperung eines dunklen, digital verhuurten, sich an den dunkelsten Rändern eingenisteten und fransenden Gesellschaftsübels?