Kultur | 03.11.2008

Ein Musikspiel im Schreibmaschinenrhythmus

Text von MZ
Im Kleintheater Alte Oele in Thun ist seit dem 17. Oktober 2008 unter der Regie von Urs-Peter Wolters das Musikspiel die Sekretärinnen zu sehen. Tink.ch war an diesem Wochenende dabei.
Ist die Chefsekretärin weg, lauschen alle dem Telefon-Lover. Fotos: Theater Alte Oele Das Outfit muss zu den Tisch-Assecoires passen. Die Schwangere und die vom Chef am meisten Begehrte besingen ihr Schicksal. Durch die Pultanordnung erscheinen die Sekretärinnen wie Schülerinnen. Der Abwart bekommt es zu spüren, der einzige Mann zu sein.

Eine strenge Business-Lady, eine ungeschickte graue Maus, ein flippiges Sexsymbol, eine unzufriedene Schwangere, eine unglücklich verliebte Single-Frau, eine extrovertierte Schwärmerin und eine strenge Chefsekretärin erscheinen eine nach der anderen im kargen Grossraumbüro. Sieben Frauen, sieben Sekretärinnen. Durch einen schrillen Ton werden die Frauen aus ihren Tagträumen geweckt und eine von ihnen, je nach dem erscheinenden Nummer ob der Tür, darf zum Chef ins Büro gehen. Ihn sieht man allerdings nie auf der Bühne. Das Musikspiel, aufgeführt im Theater Alte Oele in Thun, zeigt auf eine amüsante Weise einen ganz normalen Arbeitsalltag dieser sieben Sekretärinnen, wobei kein Klischee ausgelassen wird. Franz Wittenbrink, der 1948 im niedersächsischen Bentheim geboren wurde und von 1993 bis 2000 musikalischer Leiter am deutschen Schauspielhaus in Hamburg war, erstellte für das Publikum eine musikalische Reise in die Gedanken, Phantasien, unterschiedlichsten Sorgen und Ängste, Sehnsüchte und Träume der Sekretärinnen. Linda Trachsel, welche die Rolle des flippigen Sexsymbols inne hat, faszinierte an der Inszenierung, dass „die einzelnen Frauen einen starken Zusammenhalt haben, obwohl sie sich durch die verschiedensten Charaktere auszeichnen.“

 

Lieder von Jazz bis Pop

Das besondere Merkmal dieses Stückes ist, dass die Kommunikation über Lieder erfolgt. Auch haben die einzelnen Frauen keine Namen, sie zeichnen sich durch ihre Art, ihr Verhalten, ihr Äusseres und ihre Gedanken aus. Die Produktionsleiterin dieses Musikspiels Ursula Rieder dazu: „Die Storyline macht sich der Zuschauer im Kopf, die erklingenden Lieder und deren Inhalt und das entsprechende Verhalten der Sekretärinnen können mit der eigenen Phantasie verknüpft werden.“ Die immer wieder folgenden fleissigen Arbeitsminuten zeigen sich im rhythmisch klappernden, klingenden und rasselnden Schreibmaschinenlärm, der sich mit einer Piano-Begleitung zum Musikhit durch das gesamte Stück zieht. Ursula Rieder beschreibt diese Musik folgendermassen: „Der Schreibmaschinen-Rhythmus als Arbeitslärm wird durch die Inszenierung zu einem Musikstück.“ Tagträume, Sehnsüchte und Gedanken der Sekretärinnen widerspiegeln sich in den unterschiedlichsten Liedern von der berühmten Jazz-Sängerin Gitte Henning bis zu Herbert Grönemeyer. Es entsteht somit ein «Tippsical«, das eine Mischung zwischen bekannten alten und neuen Liedern und der Schreibmaschinen-Rhythmusbegleitung darstellt.

 

Schwanger, verzweifelt, unglücklich verliebt

Die Schwangere, die auch ihren Schreibtisch schwangerschaftsgerecht mit Tee, Gurken und Süssigkeiten ausgestattet hat, singt von „sämtliche Rosen regnen, sämtliche Wunder begegnen“. Die Schüchterne trällert in ihrer Verzweiflung „Ich bin zu geil für diese Welt“. Tee trinkend, Nägel polierend, Magazine lesend, Schmuck anprobierend, Pralinen verteilend und vor allem „sitting at this place everyday“ verbringen die Sekretärinnen ihren Büroalltag. Die Business-Lady spricht von Problemen mit der Identität: „Ich weiss, wer ich bin, doch ich will immer anders sein.“ Die mit sich selber unzufriedene Chefsekretärin leiert den anderen Kunstzitate vor, greift gerne zur Flasche und schreit immer wieder „toujours l`amour“. Wünsche, Sehnsüchte unerfüllte Liebe und Respekt sind Hauptthemen der Lieder – und immer wieder schleicht ein unscheinbarer, hinkender, Blätter verteilender und unglücklich verliebter Abwart zwischen die Pulte hindurch. Die ältere Single-Frau trällert: „Ich lass meinen Körper schwarz bepinseln und fahre nach den Fidji-Inseln“. Die vom Chef am meisten umworbene erscheint aus dessen Büro, muss ihr Kleid zurechtrücken und prahlt mit lauter Stimme „Ich bin auf dem Gebiet die einzige, die zieht“. Aus der schüchternen, in sich gekehrten und der Business-Lady entwickelt sich ein „Gehen der besten Freundin mit der besten Freundin“. Wer einen Einblick in die tiefsten Geheimnisse der Sekretärinnen erhalten und zugleich von einem Schreibmaschinen-Song berauscht werden will, sollte dieses Musikspiel nicht verpassen, wenn es das nächste Mal auf die Bühne kommt.

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