Gesellschaft | 24.11.2008

Die handwerklichen Fähigkeiten der Kaktusblüte

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Weil sie geizig ist und Coiffeursalons nicht leiden kann, lässt sich die Amazone ihre Haare am liebsten von ihrer Freundin schneiden.
Bild: Stefan Wallimann.

Selbst als Erwachsene kommt es noch vor, dass uns der Spieltrieb packt. Dann ist Kaktusblüte meine Spielgefährtin, die zu mir rüberkommt und mit mir „Kwoiförlis“ spielt. Der einzige Unterschied zu Rollenspielen bei Kindern besteht darin, dass wir Erwachsenen die Haare tatsächlich schneiden. Kaktusblüte hat dafür sogar eigens eine Zickzack-Schere, was mir grossen Eindruck macht. She is the flying hairstylist. In grossen Lappen fällt mein Haar von mir ab, denn es ist dick, leicht gewellt und in rauen Mengen vorhanden. Das ist auch der Grund, sagt Kaktusblüte, warum sie sich überhaupt an meine Haare traut: Allfällige Ausrutscher seien bei mir nicht so leicht erkennbar. Die Ursache für dieses Haarkunstexperiment in den eigenen vier Wänden liegt nicht nur bei meiner enormen Sparsamkeit (um nicht zu sagen meinem nackten Geiz), sondern ist in erster Linie meiner angeborenen Abneigung gegen Haarspray-geschwängerte Salons zuzuschreiben. Oder vielleicht sind mir in meinem Leben einfach zu viele böswillige Haarschneider begegnet, die mir zu viele katastrophale Frisuren verpasst haben. Seit ich bei „Chez Kaktusblüte“ bin, passiert mir das nicht mehr. Seit sie bei mir die Schere ansetzt, heimse ich nur noch Lobhudeleien ein für meine Haarpracht…..so muss es sein!

Doch Kaktusblüte ist nicht nur im Departement Schönheit tätig. Auch zupacken kann sie. Dann fährt sie mit ihrem schnittigen Kleinwagen auf meinen Vorplatz, den Akkubohrer im Kofferraum, und im Nu ist der Mobitare-Schreibtisch oder der Ikea-Wandschrank zusammengebaut. Ja, richtig gehört, sogar einen Akkubohrer besitzt sie – einen handlichen, zusammenklappbaren. Und ich liess mich noch von einer lächerlichen Zickzack-Schere beeindrucken! Seit die Akkubohrer-Ära angebrochen ist, bin ich überzeugt, dass es Kaktusblüte in der Heimwerkerwelt weit bringen wird. Obwohl wir in feministischen Zeiten leben, kann noch nicht jeder Mann uneingeschränkt akzeptieren, dass eine feingliedrige, schlanke Person ihn im Dübeln und Nageln alt aussehen lässt. Anlässlich von Umzugsarbeiten bei Freunden wurde das schon mehrfach augenscheinlich. Deshalb hier nochmals für alle zum Mitschreiben: Es ist eine Frage des Talents, und nicht des Geschlechts. Kaktusblüte illustriert das auf eindrückliche Art und Weise, hantiert sie mit der Zickzack-Schere doch genauso geschickt wie mit dem Akkubohrer. Wie einfach es doch theoretisch wäre, einschränkende Geschlechterrollen hinter sich zu lassen und sich bei der Zügelarbeit stattdessen über die Süssigkeitenschublade herzumachen! Wie man das macht, können sich die Männer dann bei Lockenkopf abschauen.

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