Gesellschaft | 11.11.2008

Die Fürstin der Liebesbriefe

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Während Lockenkopf eine ganze Sammlung von Liebesbriefen besitzt, hat die Kaktusblüte noch nie einen bekommen
Bild: Stefan Wallimann.

In Lockenkopfs Besitz befindet sich etwas, das mich vor Neid erblassen lässt: Eine Liebesbrief-Box. Darin hat sie sämtliche Liebesbriefe aufbewahrt, die sie jemals bekommen hat. Viele davon sind seriöse Liebesbriefe ihres Freundes, Tinte gewordene Gefühle. Der ganze Rest stammt von Verflossenen aus längst vergangenen Teenagertagen, denen Lockenkopf längst keine Träne mehr nachweint. Sie haben heutzutage nur noch unterhaltenden Wert und sind daher auch für uns Freundinnen offen einsehbar. So kommt es vor, dass wir im Halbkreis um die Box sitzen, den Kopf tief vornüber gebeugt und uns gegenseitig plumpe oder jugendlich überhitzte Liebesschwüre vorlesen – was für ein Spass!

Manchmal ärgert sich Lockenkopf auch noch nachträglich über ihre einstigen Liebhaber. Liebesbriefschreiber C. zum Beispiel, „der konnte nicht mal seinen eigenen Namen richtig schreiben!“ Schludrig verfasste Liebesbriefe sind Lockenkopf ein Gräuel. Rechtschreibefehler oder eine nachlässige Handschrift sind für die Liebesbrief-Fürstin ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich der Betreffende einfach zu wenig Mühe gegeben hat. Auch wenn ihr Verhalten leicht divenhafte Züge angenommen hat (nicht jeder kann schliesslich mit einer ganzen Liebesbriefe-Box aufwarten), gehe ich doch grundsätzlich mit ihr einer Meinung: Eine schöne Handschrift oder eine ansprechende Schreibe können die Qualitäten eines Mannes adeln. Was die Männerwelt vielleicht in Erstaunen versetzen wird: Eine Schönschrift hat erotische Wirkung, verleiht dem Mann Glanz und bringt dem Betreffenden somit viele Bonuspunkte ein. In digitalisierten Zeiten mit sms und E-Mail ist es allerdings etwas schwierig geworden, an solche wertvollen Indizien heranzukommen.

„Das waren noch Zeiten, als man sich noch Liebesbriefe geschrieben hat!“, seufzte Lockenkopf vorige Woche verträumt. Verständlicherweise weint sie dem vergangenen Liebesbrief-Zeitalter heute noch nach. Wäre ich Besitzerin einer solchen Box, mir würde es ähnlich ergehen. Doch in meiner Liebesbriefe-Box herrscht leider gähnende Leere, ein tiefes schwarzes Nichts starrt mir entgegen. Ist das Leben gerecht? Schliesslich bin ich doch hier die Buchstabenverrückte! Einmal habe ich der Eremtin mein Leid geklagt. Auf meinen 26. Geburtstag im letzten Mai erhielt ich dann einen von ihr verfassten Liebesbrief an mich. Ich habe geweint vor Rührung! Noch nie in meinem Leben habe ich einen so schönen Brief bekommen. Meinen einzigen Liebesbrief hüte ich wie einen Schatz. Ich bewahre ihn in einer Blechkiste auf, zusammen mit ein paar anderen Dingen, die mir wichtig sind. Und es ist mir schlichtweg unmöglich, ihn ein zweites Mal zu lesen – aus Angst, sein Zauber könnte mich nicht mehr so heftig erfassen wie beim ersten Mal. Ich kann nun auch all die Männer mit den leicht unperfekten Handschriften beruhigen: Wenn der Inhalt stimmt, spielt die Form keine Rolle mehr.

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