Gesellschaft | 10.11.2008

Der tödliche Alltag

City Assassin - die Wasserpistolenschlacht hat begonnen. Tink.ch rüstete zwei ihrer Redaktoren mit Plastikpistolen aus. Nun berichten sie von ihrer ersten Woche als Auftragskiller.
Fotos: Martin Sturzenegger

Martin Sturzenegger: Am Freitagnachmittag bekomme ich eine E-Mail: „Samstagnacht um halb eins beim Röntgenplatz. Erscheine ohne Begleitung, jedoch mit Ausweis und Handy.“ Da warte ich nun auf einer Parkbank, mitten auf dem freundlich ausgeleuchteten Röntgenplatz. Ich prüfe mit flüchtigen Blicken und im 360 Grad-Turnus die dunklen Ecken des Terrains ab: Bin ich zu früh? Bin ich zu spät? War das E-mail eine Fälschung? Werde ich gefilmt? Bin ich schon jetzt Paranoid wo das Spiel noch nicht einmal richtig begonnen hat?

Übergabe bei Nacht und Nebel

Pünktlich um halb eins nach Mitternacht erhalte ich eine SMS: „Vor dem Coop“. Ich schiele links rüber und da kommt jemand um die Ecke gebraust – eine Gestalt mit Kapuzenpulli, fahrend – auf einem BMX. In der Hand ein weisser Umschlag. Beim näheren Betrachten mit Wachs versiegelt. Genauso mysteriös hatte ich es mir vorgestellt – das erste Treffen mit einem Vertreter des Shadow Governments. Jener Organisation, die das aktuell laufende City Assassin in Zürich ins Leben rief (Tink berichtete). Die Person verschwindet so schnell, wie sie gekommen war. Auf mir trage ich nun ein kleines Regelbuch, das mich an mein erstes selbst gebasteltes CD-Cover erinnert: Handmade-Style, mit Bostich geheftet, die einem schon bei der kleinsten Unachtsamkeit die Finger verstechen. In meiner anderen Hand – und deswegen bin ich hierher gekommen – die Karte meines „Opfers“. Wohnort, Arbeitsadresse, ein Foto nach biometrischem Ausmass und sein Deckname. Was ich jetzt schon weiss: Dieser Mann wohnt nicht unweit von meinem Arbeits- und Wohnort. Der symbolische Mord sollte ein Kinderspiel sein und ohne viel Blut, respektive Wasser, über die Bühne gehen.

Mein Opfer ist identifiziert

Bei weiteren Internet-Recherchen stosse ich auf einen Namen; so könnte mein Wasserpistolen-Ziel mit richtigem Namen heissen. Am dritten Tag begebe ich mich ein erstes Mal zur Wohnadresse meines Opfers, die – verzwickterweise – auch seine Arbeitsadresse ist. Wenn er sich zusätzlich das Essen ins Haus bestellt, dann hat der junge Mann vielleicht keinen Grund seine „Burg“ jemals zu verlassen. Ausser er pflegt Kontakt zu einem real existierenden Sozial-Netzwerk, was ich für ihn und mich hoffe: Denn wie sollte ich sonst an ihn rankommen? Hausfriedensbruch ist in diesem Spiel laut Reglement verboten.

Mit Kaffee postiere ich mich für einige Minuten auf die gegenüberliegende Strasseseite. Durch die Scheibe des ersten Stockes erkenne ich den Hinterkopf einer Person, die durchaus mit jener auf meiner Opferkarte identisch sein könnte. Auf der Türklingel identifiziere ich den Namen, den ich mir zuvor erfolgreich „er-googelt“ hatte. Die Recherche hat gebissen. Nun weiss ich zumindest in welchem Stockwerk mein Zielobjekt wohnhaft ist. Jedes mal, auf dem Weg zu meiner Arbeit und wieder zurück nach Hause, mache ich an der selben Adresse halt. Alles was ich nach einer Woche zu sehen bekommen hab, sind beleuchtete Fenster und den mutmasslichen Schädel meines Opfers, den ich doch so gern mit meiner Wasserpistole ins Visier nehmen würde. Doch die Leistungsfähigkeit meiner Schusswaffe verhindern mir einen solchen Distanzschuss und die Eingangstüre bleibt verschlossen. Noch warte ich ab, bis sie von jemandem geöffnet wird und ich unauffällig ins Gebäude huschen kann.

Auch ich werde gejagt

Vor meinem Arbeitplatz und wenn ich nach Hause geh, ist mein Blick wach und verdächtige Personen werden blitzschnell analysiert. Jeder oder jede könnte auch mein Killer sein. Bei meinen Spaziergängen nach Draussen gehe ich sehr bedacht vor und halte die Pistole griffbereit in meiner Jackentasche. Begünstigt werde ich durch meine unregelmässigen Arbeitszeiten und durch meine aufmerksamen Mitbewohner, die mir jeden Verdacht in die Zentrale melden. Ich habe mich mittlerweile auch daran gewöhnt, dass alle fragen: „Lebst du noch?“ Nach einer Woche kann ich sagen: „Ja, ich lebe noch, mein Opfer lebt (leider) auch noch und mein unbändiger Überlebenswille sollte jeder Pistole – sei sie noch so gross – das Wasser reichen können.“ Auf zum nächsten Mordversuch!

Roger Tschallener: Für mich begann City Assassin in der Nacht auf Samstag. Morgens um 01:00 Uhr hatte ich ein Treffen mit dem Shadow Government an der Zürcher Langstrasse vereinbart. Mit leichter Verspätung fand ich den, wie ein Klischee-Mafioso gekleideten,  Agenten und erhielt nach dem Unterschreiben eines Haftungsauschluss-Vertrages einen wachsversiegelten Umschlag überreicht. Neben meinem ersten Opfer erhielt ich darin auch ein Regelbuch, welches aber streng geheim und deshalb nicht zur Veröffentlichung gedacht ist – es lässt sich jedoch nicht leugnen, das die Organisatoren so gut wie alle Eventualitäten auszuschliessen versuchen, um einen reibungslosen Spielablauf garantieren zu können.

Als ich die Opferkarte genauer betrachtete, konnte ich mir dann auch ein Grinsen nicht verkneifen: Mein zugeteiltes Opfer sieht aus, wie man sich nach Medienberichten einen „Killerspiel-Gamer“ vorstellt. Etwas gestutzt habe ich dann bei den seinen Daten. Ich erhielt keinen Namen, nur ein Bild und die Strassen/Ort-Angaben der Privat- und Arbeitsadresse. Wie ich bei Recherchen im Vorfeld herausfand, gab es bei den internationalen Äquivalenten reichlich mehr Angaben. Würde mein Ziel beispielsweise in einem der Hard-Hochhäuser wohnen, wäre ich ziemlich schlecht dran. Wie soll ich mein Opfer ohne Namen oder Informationen finden? Ich hatte ein bisschen mehr Glück, meiner wohnt in einem Mehrfamilienhaus mitten in Zürich. Die Büroadresse ist dann wohl eher unbrauchbar, über ein Dutzend Firmen haben da ihren Sitz.

Passive Langeweile
So wirklich Zeit, meinem Opfer aufzulauern, hatte ich dann aber doch nicht. Aus schulischen Gründen konnte ich meine Offensive nicht wirklich ausleben, sogar nur knapp planen. Deshalb habe ich versucht, meine Defensive zu verstärken. Natürlich hatte ich da vorgesorgt: Unter meiner „Büroadresse“ wird mein Killer nur eine Schule finden, also nicht einfach, ein einzelnes Opfer zu lokalisieren. Um meine Wohnadresse rum ist alles schön übersichtlich und ich denke, dass ich eine auffällige Person sofort erkennen würde. So wirklich passiert ist aber noch gar nichts – es war regelrecht langweilig. Deshalb werde ich nächste Woche in die Offensive gehen: Das ist ja angeblich die beste Verteidigung! Meine Knarre habe ich auch schon. Dazu mehr nächste Woche.

Links