Politik | 24.11.2008

„Der Mensch ist ein Faultier“

Text von Christina Vogt
Was würdest du mit deinem Leben tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre? Experten diskutierten an einem Podium im Berner Gaskessel über das Grundeinkommen. Die Zuhörer reagierten skeptisch.
Jedem sein Grundeinkommen. Nicht alle unterstützten, was die Pdoiumsteilnehmer auf der Bühne im Gaskessel diskutierten. Fotos: Matthias Rüby

Der Arbeitgeberverband und der vorgesehene Swisscomvertreter glänzten beim Podiumsgespräch bezeichnenderweise durch Abwesenheit. So herrschte unter den anwesenden Podiumsteilnehmern bis auf gewisse Nuancen gezwungenermassen mehr oder weniger Einigkeit. Dennoch begann der Berner Gaskessel noch zu brodeln: Während der offenen Gesprächsrunde mit dem Publikum kam es zu forschen Diskussionen und heftigen Meinungsdifferenzen. 

Die Veranstaltung begann mit einem Film zum Thema Grundeinkommen. Darin wurde die Thematik dem Publikum vorgestellt. Arm, reich, jung, alt, krank, gesund, mit oder ohne Erwerb – jeder Mensch erhält von seiner Geburt bis zum Tod ein Einkommen auf bescheidenem, jedoch nicht notleidendem Niveau. Das Grundeinkommen ist aber kein Beitrag zur Faulheit, sondern baut auf Selbstverantwortung und soll ein Beitrag sein zu einem würdevollen Leben. Die Idee ist umfassend und komplex, allerdings reicht sie weit über eine wirtschaftliche Massnahme hinaus: Sie soll den Blick aufs Leben und die Gesellschaft verändern, wieder den Sinn fürs Wesentliche fördern und von der sturen Arbeitswut ablenken.  

„Das geht doch überhaupt nicht“, kam der erste Einwand aus dem Publikum. „Weniger arbeiten und mehr verdienen! Da werden doch alle zu Schmarotzern. Und wer macht dann bitte die Drecksarbeit, wenn er finanziell auch so auskommt?“ „Der Mensch ist ein Faultier“, postulierte ein anderer. „Ihr begreift doch überhaupt nicht, worum es geht“, warf ein junger Mann seinen Vorrednern vor. „Mit dem Grundeinkommen könnt ihr euch kein Auto, TV oder Ferien leisten. Ihr wollt doch nicht mit 2000 Franken leben. Das reicht nicht. Also seid ihr automatisch gezwungen, dafür zu arbeiten“, parierte ein Befürworter aus dem Publikum und brachte damit den eigentlichen Wert der Arbeit ins Spiel: Wäre niemand mehr auf die schlecht bezahlte „Drecksarbeit“ angewiesen, wie die Teilnehmer es formulierten, würden diese Jobs auch besser bezahlt. „Da spielt der Markt“, erklärte Enno Schmidt, der die Initiative Grundeinkommen vertrat. Denn letztlich seien das grundsätzliche Fragen: Mit welcher Begründung verdient ein Strassenputzer um ein Vielfaches weniger als ein Topmanager? Ist seine Arbeit weniger wert? „Im Gegenteil – für die Gesellschaft ist sie viel unentbehrlicher“, vermuteten die Redner.  

Im Publikum fanden sich nur wenige Befürworter der Idee. „Wer gegen diese Ideologie ist, findet immer seine Gründe“, argumentierte Enno Schmidt. „Nehmt euch Zeit, diese Idee zuerst auf euch wirken zu lassen und lasst den Gedanken einfach mal zu.“

Trotzdem waren die Kritikpunkte in jeder Saalecke vorhanden. Von unmöglicher Finanzierbarkeit bis zur Befürchtung, dass die Menschheit in Fauhlheit versinken würde, war alles dabei. Obwohl es auf den ersten Blick zermürbend sein könne, dass selbst die Jugend zu wenig offen für grundlegende Veränderungen der Gesellschaft sei, wie Schmidt einräumte, betonte er im gleichen Atemzug, dass er diese Reaktionen von jungen Menschen vielleicht zu Recht höre: „Junge Leute wollen selbständig werden, ihr eigenes Geld verdienen und unabhängig sein. Unser Vorschlag wirkt, als würde er dem widersprechen. Obwohl er das Gegenteil tut.“    

Das Podium


Unter der Leitung von Niklaus Nusplinger, Inlandredaktor der NZZ, diskutierten: Elena Obreschkow, Generalsekretärin UNIA Jugend, Thomas Gröbly, Initiant Ethiklabor, Enno Schmidt, Initiative Grundeinkommen Schweiz. Abgemelde hatten sich Marco Reber, Leiter Finanzen und Personal Betriebswirschafts HF der Swisscom und Rudolf Stämpfli, Präsident Arbeitgeberverband.

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