Kultur | 10.11.2008

„Das Gegenteil von 08/15“

Text von Mehmet Coskun
Das neue Album "08/16" von Bligg verspricht etwas Neues, was Tink.ch im Gespräch mit ihm herausfinden wollte.
Der 32-jährige Zürcher Rapper Bligg heisst mit bürgerlichem Namen Marco Bliggensdorfer. Fotos: Myspace Mit seinem letzten Album "Yves Spink" erreichte er Platz 9 in den Schweizer Charts.

Im Vorfeld wurde bereits viel spekuliert, was Marco Bliggensdorfer alias Bligg nach seinem letzten Hit ‚“Volksmusigg“‚ herausbringen würde. Es ist seine zweite Platte auf dem Major-Label Universal. Das Album wurde von Fred Hermann und Bligg produziert. Auch der Produzent Roman Camenzind, der unter anderen Baschi’s Hit ‚“Bring en Hei'“ produzierte, war mit von der Partie. Das Albumcover wie auch der Titel des Albums deuten darauf hin, dass der 32-Jährige etwas Neues kreiert hat.

„08/15“ bedeutet „standardmässig, langweilig“. Warum der Titel „08/16“ für dein neues Album?

Bligg: Es ist das pure Gegenteil von „08/15“: Ein Konzeptalbum, das etwas ganz Neues wiedergeben soll. Basierend auf meinem letzten Song „Volksmusigg“, entwickelten wir ein Album mit Liedern, die mit Instrumenten begleitet werden, die wie typische Schweizer Volksinstrumente klingen, jedoch auch in vielen anderen Kulturen und Ländern eingesetzt werden. „08/16“ zeigt Rap mit einem Volks-Touch.

Deine Songs entsprechen überhaupt nicht den „Rap-Normen“, es kommen praktisch keine provokanten Wörter vor? Wie kommt das?

Es liegt sicherlich daran, dass ich meine Texte auf einer authentischen Basis aufbaue und nicht auf irgendwelchen Fiktionen. Der Song „Secondos“ erzählt zum Beispiel die Geschichte meines Grossvaters, der vor 40 Jahren in dieses Land kam und hier hart arbeitete und eine Familie gründete. Mir ist es wichtig, dass die Leute spüren, dass meine Musik etwas mit der Realität zu tun hat. Ich möchte mit meiner Musik etwas verändern.

Es scheint, als ob du gegen die Radikalisierung unserer Gesellschaft kämpfst. Wie wichtig ist es für dich, dass du auch Leute aus der Politik ansprechen kannst?

(nachdenklich) In gewisser Hinsicht ist mein Album eine Hommage an die Schweiz. Ich betrachte die moderne Schweiz als Puzzle, das aus den Puzzleteilen der verschiedenen Nationen, Religionen und Kulturen zusammengesetzt ist. Mein Song „Volksmusigg“, hatte sicher auch Politiker angesprochen. Mein Status erlaubt es mir nicht mehr wegzusehen. Auch sollte ich meiner Vorbildfunktion wie auch meinen Fans gerecht werden.

Hat die Schweiz ein Identifikationsproblem? Werden Schweizer, die stolz sind Schweizer zu sein, oftmals zu unrecht in eine falsche Schublade gesteckt?

Ja, in einer gewissen Hinsicht schon. Es ist paradox, dass Brasilianer mit ihren Brasil-Trikots herumlaufen und feiern können und wir Schweizer nicht T-Shirts in Nationalfarben tragen können, da ein paar Menschen die Schweizer Flagge missbrauchen. Mein Grossvater hat einen Schrebergarten, wo Schweizer, Albaner, Italiener und viele andere auch einen Garten haben, den sie mit ihrer Nationalflagge kennzeichnen. Doch sie essen und trinken gemeinsam, da es für sie keine Rolle spielt zu welcher Nationalität sie gehören. Dies ist ein gutes Beispiel wie Menschen, die zwar stolz auf ihre Nation sind, trotzdem friedlich mit anderen zusammenleben können. So sollte man auch stolze Schweizer nicht in eine falsche Schublade stecken.

Was ist wichtig um im Musik-Business zu bestehen?

Wichtig ist, dass man nicht abhebt. Die Kreativität muss im Vordergrund stehen, gestärkt durch ein gutes Team im Rücken. Eines der wichtigsten Dinge ist aber, dass man sich entwickelt und Neues ausprobiert.

Das neue Album ist sehr kultiviert, instrumentenreich und aussagekräftig. Woher stammen die Ideen für die Lieder?

Aus Erlebnissen, Erfahrungen und Situationen. Der Song „Rosalie“ entstand an einer Mittagspause während der Albumproduktion. Wir waren in einem Restaurant, als ein Rosenverkäufer hinein kam und fragte: „wolle du Rose kaufe?“. Zurück im Studio kam die Idee für den Song. Es wäre auch möglich, dass ich nach dem Interview nach Hause fahre und einen Song über unser Interview im Starbucks schreibe. Erlebtes lässt sich sehr authentisch in Songs verarbeiten.

Lassen sich Gefühle wirklich in Musik verarbeiten?

In den einzelnen Tracks auf meinem Album sind echte Gefühle zu spüren. Das Verarbeiten von negativen Gefühlen in Form von Diss-Tracks finde ich allerdings sinnlos. Ich persönlich verschwende meine Zeit nicht für diesen Schwachsinn.

Welche Schlagzeile würdest du gerne über dein neues Album lesen!

Es wäre super, wenn ich die Nr. 1 der Charts erstürmen könnte. Aber es gibt noch viele andere, die neue Alben herausgeben, somit wird es nicht einfach.

Was heisst „Bligg Musigg“?

(lächelt) Das heisst „Typisch ich“: meine Gefühle, meine Beats, meine Ideen und meine Texte, zusammengemischt auf einer CD. Man sollte erkennen, dass die Lieder von mir stammen.