Kultur | 20.10.2008

„Und die mich betrügt, die meint es nicht bös“

Text von Linda Schweizer | Bilder von Annette Boutellier
Regisseur Stefan Otteni überzeugt mit Jean Baptiste Molières "Menschenfeind" das Publikum.
Was wohl der Grund für das heftige Kopfschüttlen ist?
Bild: Annette Boutellier

Es geht lustig zu und her in den Vidmarhallen des Stadttheaters Bern. Auf einer weissen, ovalförmigen, erhobenen Bühne, deren Hintergrund aus dem Video einer digitalen Waldlandschaft besteht, ist alles zu sehen. Von haarsträubenden Tänzen mit flatternden Mähnen über witzige Grooves bis hin zu wilden Küssen.

Liebeschaos

Das Stück erzählt eine Liebesgeschichte, man könnte sie allerdings auch Leidensgeschichte nennen. „Der Menschenfeind“ handelt von einem Menschen, der dem Menschen an sich den Krieg erklärt hat: Alceste (Jürgen Hartmann). Einzig wegen einer jungen Dame, Célimène (Lucy Wirth), der fast jeder Mann verfallen ist, hat er sich noch nicht ganz von der Menschheit abgesondert. Mehr und mehr zöge er sich zurück, wären da nicht sein Freund Philinte (Heiner Take) und seine Vertraute Eliante (Milva Stark), die ihrerseits heimlich ein Auge auf Alceste geworfen hat. Die beiden stehen ihm mit Rat und Tat zur Seite und gehen mit ihm durch das Auf und Ab der Liebe. Als wäre das nicht schon Trubel genug für Alceste, taucht auch noch der fiese Macho und Möchtegern-Dichter Oronte (Stefano Wenk) auf. Der will Alceste nicht nur Célimène wegschnappen, sondern ihm auch noch einen Gerichtsprozess unterjubeln. Langsam zweifelt Alceste an Célimènes Liebe zu ihm und muss schon bald bemerken, dass Célimène mit ihm und ihren zahlreichen Verehrern ein Spielchen der hinterlistigsten Art spielt. Verächtliche Worte wie „Es gibt auf der Welt viele Ratten, doch du stellst sie alle in den Schatten!“, oder „Dass ich dich lieben muss!“ sind von ihm zu hören. Trotz allem macht er ihr ein letztes Angebot zur gemeinsamen Flucht in die Wüste – und plötzlich hat Célimène ihre Zukunft selbst in der Hand.

Aus dem Ensemble sticht die leicht bekleidete und in Stöckelschuhen umhertanzende Eliante, die von Milva Stark überzeugend gespielt wird, heraus. Ihre Art, ihre Bewegungen und ihre Ausstrahlung passen genau zu der Figur von Alcestes heimlicher Verehrerin. Ebenfalls überzeugend verkörpert Stefano Wenk die Rolle des Oronte. Sein südländisches Aussehen unterstreicht zusammen mit seiner Spielart das Macho-Klischee.

Erfolgreiche Premiere

Regisseur Stefan Otteni und sein Team (Choreographie: Joshua Monten, Bühne und Kostüme: Anne Neuser) schaffen mit der drehbaren Bühne, den farbigen Lichteffekten und den witzigen, gereimten Texten eine gute Atmosphäre, die die Zuschauer geniessen. Jedenfalls beweist dies der schallende und scheinbar endlose Premierenapplaus des Publikums. Auch Lucy Wirths Leistung wurde von dem Publikum mit tobendem Händeklatschen geehrt, es gab sogar noch eine rote Rose eines männlichen Zuschauers. Zurufe und Gepfeife konnte man nur so zu Haufen hören, natürlich im positiven Sinne.

Einzig ein klein wenig in den Schatten gestellt wurde das Stück einerseits durch die kuriose Waldlandschaft, die einige Rätsel aufgibt, andererseits auf Grund eines Gepard, durch den es fürs Publikum ein wenig riskant werden könnte. Wenn man sich jedoch nicht in die erste Reihe begibt, sollte das Theater trotz des Gepards zu geniessen sein.

Über die Autorin


Über die Autorin dieser Kritik schreibt Benjamin Kühni: Nur fünf Zeilen, sage ich mir, fünf Zeilen über ein Mädchen namens Linda Schweizer, kann ja nicht so schwierig sein. Ich weiss, sie ist lustig, etwas schüchtern und manchmal sehr einfallsreich, was ich selber gerne wäre. Doch wie fasse ich die Hobbys, Gitarre und Tennis spielen, zeichnen, lesen und schreiben, ihre Zukunft in Kanada und ihren Wohnort Grosshöchstetten in die richtigen Worte? Eigentlich absurd, ich soll hier 14 Jahre in 5 Zeilen fassen. Ich gebe mich geschlagen, verzeih mir, Linda.

Links