Kultur | 27.10.2008

Spektakel der Körperbeherrschung

Text von Nina Kettler | Bilder von Philipp Zinniker
Ein öffentlicher Probenbesuch von JiSTMí Kyliáns Werk "No More Play" im Ballettsaal der Vidmarhalle in Bern versetzte alle in Staunen.
Tänzerin und Tänzer im Stück "No More Play".
Bild: Philipp Zinniker

Betritt man den Ballettsaal der Vidmarhalle, weht einem ein seltsamer Duft entgegen. Ist es der Tanzboden, der bei jedem Schritt angenehm federt? Man versinkt nicht darin, aber der Boden scheint einen auch nicht abstossen zu wollen. Er passt sich den Schritten fast unmerklich an und sofort fühlt man sich wohl im Saal. Das Licht ist hell, die Temperatur angenehm warm und die Tänzer wirken sympathisch, doch hochkonzentriert während ihren Dehnübungen. Es sind die drei Tänzer Chien-Ming Chang, Gary Marshall und Ihsan Rustem und die beiden Tänzerinnen Paula Alonso und Hui-Chen Tsai. Dazu kommen noch der Choreograf Patrick Delcroix und die Ballettmeisterin Jenny Tattersall.

Sobald die Probe beginnt, sind alle sofort auf ihren Plätzen. Die Ballettmeisterin startet mittels einer Fernbedienung die Musik – und das Spektakel beginnt. Es ist unglaublich! Jeder Tänzer weiss genau, wann er was machen muss. Es sieht alles so einfach aus. Einzig die angespannten Gesichter verraten, dass alles doch nicht so einfach ist, wie es zu sein scheint. Immer wieder zeigen die Tänzer, wie viel Kraft in ihnen steckt und welch enormes Vertrauen sie zueinander haben. Sie spielen miteinander, gehen auf die Bewegungen des anderen ein.

Absolute Körperbeherrschung

So biegsam wie Gummi, und doch beherrschen sie jedes einzelne Körperteil, können es anspannen und kurz darauf wieder locker lassen. Sich in die Arme des Partners fallen lassen zu können ist wichtig in dieser Choreographie. Ein professioneller Balletttänzer muss in der Lage sein, dem Partner während des Tanzes voll und ganz zu vertrauen. Würde einer den anderen nicht richtig halten, wäre er auch nur eine Sekunde zu spät, könnte sich der Partner schwer verletzen. So ist dieser Vertrauensbeweis auch immer ein Risiko, und eben deswegen faszinierend anzuschauen. Aussergewöhnlich sind auch die raschen Tempowechsel der Tänzer. Im einen Moment scheint sich alles in Zeitlupe zu bewegen und in nur einer Sekunde später in doppelter Geschwindigkeit weiterzulaufen.

Immer in Bewegung

Dieser wilde und gleichzeitig langsame Tanz ist wahrlich eine Augenweide. Viel zu schnell ist er vorbei, die Musik wird angehalten. Der Choreograph steht auf und geht auf die Tänzer zu. Auf dem Tanzboden tönen seine Schritte klar, aber etwas gedämpft. Nachdem er die fünf Tänzer gelobt hat, ihnen versichert hat, wie gut alles schon aussieht, arbeitet er nun mit ihnen an einzelnen Teilen. Er macht es höflich, lobt immer wieder, weiss aber dennoch ganz genau, was er will. Er ist ein Choreograph, der aus seinen „Schülern“ auch ohne Drill das Beste herausholen kann. Der Umgang der Tänzer miteinander ist sehr entspannt, es ist eine eingespielte Truppe. Was den Laien vielleicht etwas erstaunen mag, ist das selbstständige Proben der Tänzer. Wenn der Choreograph mit einer Gruppe einen bestimmten Teil der Choreographie verfeinert, sind auch die andern immer in Bewegung. Entweder üben sie ihren eigenen Teil, machen Kraftübungen, halten sich mit Dehnübungen warm, machen Rumpfbeugen oder einen Spagat. Es ist faszinierend, mit welcher Konzentration sie dies alles tun, die sich wie die Leidenschaft für das Tanzen auf ihren Gesichtern spiegelt. Den ganzen Morgen über geht es so weiter, ganze Teile werden getanzt, einzelne verfeinert, die Zuschauer in den Bann des Tanzens gezogen. Als um 14:10 Uhr schliesslich Pause gemacht wird und wir gehen müssen, nimmt man den Geruch des Tanzbodens schon lange nicht mehr wahr.

Über die Autorin


Über die Autorin dieser Reportage schreibt Sandro Giesser: Nina Kettler wurde am 13. Juni 1993 geboren und entdeckte ihre Liebe zum Schreiben in den Ferien auf Korsika. Die 15-jährige hat eine drei Jahre jüngere Schwester namens Juliette und besucht in Münsingen die Quarta. Ihre Hobbys sind lesen, Filme schauen, tauchen und der Umgang mit dem Diabolo. Ausserdem spielt sie Klarinette. Gegenwärtig schreibt Nina an ihrem zweiten Buch.

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