Gesellschaft | 27.10.2008

Respekt im Wandel der Zeit

Text von Marc Vogel | Bilder von Nathalie Kornoski
Respekt zeigen, heisst nicht automatisch mit allem einverstanden sein. Die Aussage "macht kaputt, was euch kaputt macht" ist sogar die Grundlage für eine bessere Zukunft, sagt unser Tink-Autor.
Bild: Nathalie Kornoski

Die Arroganz der Jugend ist etwas sehr Wertvolles. Aber um gleich vorweg Klarheit zu schaffen: Eine funktionierende Gemeinschaft benötigt gegenseitigen Respekt. Respekt gegenüber Menschen und Regeln. Völlige Respektlosigkeit ist eine Seuche. Doch soll der Einzelne alles und jeden respektieren, tolerieren und somit akzeptieren? Wann darf aus dieser Rolle ausgebrochen werden?

Im Wandel der Zeit

Noch in der Steinzeit hatte man nur Respekt vor dem Stärkeren. Dieses Prinzip brachte allerdings entsprechende Nachteile für die Schwächeren. Erst die Zivilisation erforderte gewisse Regeln im gegenseitigen Umgang. Dies nämlich, um den Fortbestand des Menschen überhaupt zu gewährleisten. Ein friedliches und achtvolles Zusammensein sollte eine Art innerer Motor in eine glorreiche Zukunft bilden. Aber wo Dogmen und Regeln sind, eckt das an freidenkerische Ideale an. So verliess im 16. Jahrhundert ein gewisser Martin Luther, angesichts drastischer Zustände, jeglicher Respekt und jegliche Ehrfurcht gegenüber der bis anhin so ungescholtenen Kirche. Er fühlte sich selbst und andere ungerecht behandelt, handelte also entgegen dem Usus. 1968 lösten Töchter und Söhne bei ihren Eltern Haareraufen an der wohlgescheitelten und toupierten Frisur aus. Sex, Drogen und Musik. Ganz zu Schweigen von dem neuen, politischen Bewusstsein. Damals ein Schlag ins Gesicht der Erwachsenen und rückblickend ein notwendiges Zeitgeschehen. Heute sind wir geprägt von der Erziehung jener Jahrgänge. Ein Grundgedanke jener revolutionären Bewegungen ging aber scheinbar durch die Weichspülererziehung verloren.

Macht kaputt, was euch kaputt macht

Der Mensch wird als Individuum wahrgenommen und respektiert. So weit, so gut. Hier beginnen jedoch die Widersprüche. Soll ich jedem stumm seine Meinung zugestehen, egal wie befremdlich? Soll ich jedes neue, einschränkende Gesetz blind befolgen? Soll ich einen Vergewaltiger respektieren? Es gibt keine Steigerung mehr.

Hier kommt das, was die Arroganz der Jugend genannt wird, ins Spiel:  Ungefragt sagen und tun, was recht erscheint. Nur so werden gewisse Dinge angesprochen und in Frage gestellt. Totaler Respekt für alles und jeden ist ein Stillstand, ein Rückwärtsgang.

Fühlt man sich jetzt angesprochen, weiss aber nicht, wann man agieren soll, hier eine Maxime: Sich erst alles ruhig und höflich ansehen. Und dann: Alles was mich nicht respektiert, respektiere ich auch nicht. Eine Jugendbewegung schrieb sich den pragmatischen Satz „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ auf die Fahnen. So geht es weiter in eine glorreiche und gerechtere Zukunft. Falls jemand diese forciert dargestellte Meinung nicht respektiert, könnte sie oder er nun mit einer neuen Kolumne darauf reagieren. Das wäre sogar ganz in meinem Sinn.


Anlässlich der Jugendfilmtage entstehen Kurzfilme zum Thema "Respekt", die bei der Veranstaltung im nächsten März vorgeführt werden. Tink.ch begleitet die Aktion journalistisch. In regelmässigen Abständen äussert sich unsere Autorenschaft über Respekt. Das Thema soll möglichst vielfältig beleuchtet werden.

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