Gesellschaft | 13.10.2008

Proxima Estacion: Delirium

Mittels holpriger Busfahrt fuhr unsere Redaktorin von Lima in Richtung Norden. Dabei beeindruckte vor allem die Landschaft und eine unerschrockene alte Frau.
Meistens sind die Brücken in Peru gut saniert. Fotos: Melanie Pfändler In Perus vielfältiger Fauna sind auch Wasserfälle keine Seltenheit. "Für Stauballergiker nicht geeignet": Die Landstrassen von Peru. Die einheimischen Kinder haben sich an den Staub gewöhnt; Die Strasse dient als Spielplatz. Über dem Dschungel von Peru lichtet sich der Morgennebel.

Wer von der Schönheit Perus spricht, erwähnt meist im gleichen Atemzug Machu Picchu und die Linien von Nazca. Doch abgesehen von seinen berühmten Sehenswürdigkeiten ist dieses Land ein wahres Paradies für Naturromantiker. Während meiner nächtlichen Fahrt von Lima richtung Norden konnte ich bereits einen ersten Eindruck erhaschen. Obwohl die Dunkelheit die Sicht erschwerte, schien es, als wäre das gesamte Spektrum an Landschaftstypen auf wenigen hundert Kilometern aneinandergereiht: Der Bus durchquert eine wüstenartige Ebene, windet sich schwindelerregende Steilstrassen hinauf und bahnt sich schliesslich den Weg über holprige Urwaldpfade. „Holprig“ ist hier ein entscheidendes Stichwort. Die Formel für das peruanische Verkehrsnetz ist simpel: Umso weiter von den grossen Städten entfernt, desto dürftiger die Strassen. Obwohl der Bus überraschend bequem ist, werden die Reisenden kräftig durchgerüttelt. Der Körper der runzelhäutigen Einheimischen neben mir wird auf und ab geschleudert wie eine Marionette. Zu meiner grossen Ver- und Bewunderung hindert sie das nicht daran, friedlich zu schnarchen.

An dieser Stelle lohnt sich vielleicht eine erklärende Randbemerkung: Leider, leider bin ich nicht mit einem schüttelfesten Magen gesegnet. Schon auf einer Schaukel wird mir schlecht, ganz zu schweigen von Achterbahnen – die sind für meine Bauchregion das Epizentrum des Bösen. Die letzten Kilometer dämmere ich halbdelirisch vor mich hin; da tut sich der Regenwald plötzlich auf und im Morgennebel erscheint Tingo Maria. Früher Drogenhochburg und Stützpunkt der Terrororganisation Sendero Luminoso, erinnert die Stadt heute an eine alternde Prostituierte: Grau, müde, aber mit verruchtem Charme. An der Haltestelle warten bereits die Fahrer der Collectivos, der Gruppentaxis. Obwohl weit weniger luxeriös, geht die Reise um einiges angenehmer weiter. Der Fahrtwind trommelt auf die Stirn und klärt den Blick auf die atemberaubende Landschaft: Überhängende Felswände, dichter, wilder Dschungel, mit Steininseln durchzogene Flüsse, Reisplantagen und üppige Wiesen mit weidenden Kühen säumen die Schotterstrasse. Der Fahrer kurvt geschickt um Schlaglöcher und streunende Hunde. (Hinweis für Stauballergiker: Nachahmen auf eigene Gefahr!) Die fünf Stunden vergehen wie im Flug. Wohlbehalten gelange ich nach Uchiza, jenes kleine Dorf, das für die nächsten drei Monate mein Zuhause werden soll.