Kultur | 20.10.2008

Pinsel und Photoshop

Text von Matthias Rüby
Noch bis zum Samstag dem 26. Oktober findet in den Messehallen von Zürich die europaweit grösste Messe für illustrative Kunst statt. Tink hat sich für euch umgeschaut.
Fotos: Matthias Rüby Die Messehalle 9.1 befindet sich hinter dem Theater 11, vis-à -vis des Hallenstadions "Industrielle Kunst" von Marco Romegialli alias Workingclass Hero Illustration der Zürcherin Alina Günter "Air Harbor and Train Station" von Roman Bittner "Frank von Blau" alias Frank Gelsdorf

„Das Handgemachte kommt wieder“. Mit Überzeugung prophezeit dies Urs Jost, Dozent für Manuelle Drucktechniken der Zürcher Hochschule der Künste. Er bezieht sich dabei auf den Anteil, der nicht digital verarbeiteten Kunst an der Vernissage der Illustrative in Zürich. Schliesslich wird dieser Ausstellung große Aussagekraft über die aktuellen Tendenzen in der künstlerischen Illustration zugeschrieben.

Die Illustrative unterteilt sich in eine Haupt- und eine Sektionsausstellung. Die Hauptausstellung ist eine internationale Werkschau für Illustrationen, während bei letzterer der Einfluss der modernen Illustration auf andere Kunstgenres wie Mode- oder Buchdesign dokumentiert wird.

Durch die allgegenwärtige Computerwelt, die es ermöglicht, Gestaltung schnell, billig und mit gleichbleibender Qualität zu vervielfältigen, ist der Computer zu einem Mittel der Kunst geworden. Die Exponate in der Messehalle werfen die Frage auf, in wie fern digitale und handwerkliche Produktion von Kunstwerken ebenbürtig sind und ob Photoshop oder ähnliche Programme die Malerpalette ersetzen können. Die zum Trend gewordene Mischung aus manueller und mechanisch produzierter illustrativer Gestaltung, wird unter dem Begriff Neocraft eingeordnet. Dieser Hybrid ist eine neue Form von angewandter Kunst und wird auf der Illustrative 08 in verschiedener Form wiedergegeben.

Komplexe Bastelanleitungen

Der Beitrag des Zürchers Marco Romegialli aka Workingclass Hero ist im Spannungsfeld von Installation und Grafikdesign angesiedelt. Eine Gruppe aus Überwachungskameras und ramponierten Bildschirmen in einer verfallenen Atomkraftwerk-Atmosphäre stellen Verbindungen zur derzeit fragwürdigen Sicherheitskultur her. Darin integriert präsentieren sich computergenerierte Grafiken mit der geometrischen Ästhetik von technisch komplexen Bastelanleitungen. Die kritisierende Ironie der Installation steht dem logischen Aufbau der technischen Grafiken gegenüber. Handwerklich komponierte Objekte und Digitaldruck.

 Mit Zeichnungen versucht Alina Günter, die auch in Zürich lebt und arbeitet, darzustellen, was man mit Worten nicht sagen kann. Mit Farbstiften und Fineliner thematisiert sie das Weggehen und den Anschied in gelungener fotorealistischerer Illusion. Man glaubt anfangs, vor digital bearbeiteten Fotografien zu stehen.

Ausschliesslich am Computer entstanden sind hingegen die grafischen Gemälde des Berliners Roman Bittner. Er greift die parallel konstruierte Vogelperspektive auf, die allgemein aus älteren PC-Spielen vertraut ist, und erschafft grossflächige Ansichten fiktiver Städte. Die von Comics inspirierten Poster sind eine Fundgrube verschiedenster Bildmotive in einem kaum übersichtlichen Durcheinander. Hier verschmelzen handwerkliche Kunst und Computergrafik, denn es handelt sich um so genannte Vektorzeichnungen, die der Künstler mit Grafiktablett und Maus malte.

Über die Illustrative in Zürich lässt sich ein positives Fazit ziehen. Sie erfüllt die Erwartung, moderne Konzepte für ein Zusammenleben von analoger und digitaler Illustration präsentiert zu bekommen. Vielleicht werden auch einige Erwartungen übertroffen. Denn auch das Publikum macht den Charakter einer Vernissage aus. So trifft man durchaus auf Charaktere wie den dadaistischen Künstler „Frank von Blau“, der neben den Exponaten auch sich selbst inoffiziell als kunstkritischen Beitrag versteht. In der Mutterstadt des Dadaismus sorgen Gestalten wie er dafür, dass der Geist dieser alles in Frage stellenden Kunstrichtung nicht vergessen geht.

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