Gesellschaft | 27.10.2008

Ode an ein kurioses Dorf

Steak nach Bügeleisen-Art, Kinder mit Diktatorennamen und Rattengift als Souvernir: Das ist Uchiza.
In den Küchen von Peru wird allerlei Skurriles zubereitet. Fotos: Melanie Pfändler Kinder aus dem Heim in Uchiza. Die Fütterung wird gleich selbst übernommen. Der bleibt mal besser hinter Gitter Die Peruaner haben die Musik im Blut Eine letzte Umarmung... ...und ein letzter Blick übers Festland von Peru.

Mein Freiwilligeneinsatz in Uchiza neigt sich dem Ende zu. Nur noch wenige Tage, dann breche ich auf zu meinem Rucksacktrip quer durch Südamerika. In den letzten Wochen bin ich auf unzählige kleine Überraschungen gestossen, habe kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten kennen gelernt und viele Freundschaften geschlossen. Die Bewohner von Uchiza haben mich und die beiden anderen Volontäre mit offenen Armen empfangen und so ist dieses kleine Dorf tatsächlich so etwas wie unser zweites Zuhause geworden. Schon nach wenigen Tagen nannten uns Leute, die wir noch nie zuvor gesehen hatten, beim Vornamen. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass wir in den letzten Wochen zum Lieblingsthema des Moderators von „Radio Antena“ avanciert sind. Dieser ist gleichzeitig der Geographielehrer einiger Heimkinder und schätzt unsere Arbeit so sehr, dass er uns in seiner Sendung täglich Grüsse schickt und den Zuhörern Zusammenfassungen von gemeinsamen Erlebnissen liefert.

Liebe deinen Nächsten

Ganz im Allgemeinen haben die Uchizaner wenig Hemmungen, ihre Gefühle zu offenbaren. Im Restaurant erfolgen die Bestellung und die Frage nach dem Zivilstand meist im selben Atemzug. Für mich persönlich hält sich die Versuchung in Grenzen: Mit meinen knappen 1.80 bin ich gut einen Kopf grösser als der Durchschnittsuchizaner und deshalb nie ganz sicher, ob das Hinterherpfeiffen auf der Strasse eher erschrocken, denn anzüglich gemeint ist. Bei der Verehrerin meines Mit-Freiwilligen Mathias bestehen hingegen keine Zweifel: Er wurde zum Opfer von Señora Daisy, der 50-jährigen Religionslehrerin. Tagtäglich verlangt sie ein Küsschen als Nachtisch und erzählt unseren Kindern in der Sonntagsschule, wie gerne sie mit Mathias einen Ausflug zum Fluss unternehmen würde, weil sie da endlich ungestört wären und  sie niemand hören könne. Ihre Auffassung von Nächstenliebe scheint ganz schön liberal zu sein.

Kochen mit Bügeleisen

Von den lustigen Gästen ganz abgesehen, stiessen wir im Restaurant auf so manche verblüffende Speise: In der Suppe, die wir jeweils als Vorspeise servieren, schwimmen je nach Tagesmenu gekochte Hühnerfüsse oder riesige Knochenstücke, aus denen die Gäste das Mark rauskratzen. Auch die Hauptmahlzeiten haben einiges zu bieten: Das Nationalgericht ist Ceviche, die peruanische Antwort auf Sushi: Rohe Fischstückchen, eingelegt in Zitronensaft. Weitere kulinarische Kuriositäten sind gebratenes Meerschweinchen, frittiertes Gürteltier und „Bisteck al a Plancha“, was soviel bedeutet wie „Beafsteak auf Bügeleisenart“. Der Name hält, was er verspricht: In der Küche steht ein altmodisches Bügeleisen, mit dem das Fleisch solange bearbeitet wird, bis es gar ist. Dass gutes Essen zu den primären Leidenschaften der Latinos gehört, scheint mehr zu sein, als nur ein Klischee.

Ein Hüftschwung wie Shakira

Mit dem weltberühmten Rhythmusgefühl verhält es sich übrigens genauso: Man ist wirklich versucht zu glauben, dass den Peruanern das Gespür für Musik in die Wiege gelegt wird. Das jüngste Mädchen in der Aldea ist knapp sechs Jahre alt und hat einen Hüftschwung drauf, der sämtliche Pop-Sternchen vor Neid erblassen lassen würde. Ein besonders beliebter Musikstil ist der Reggaeton: Dank seinem mitreissenden Rhythmus und den gelinde gesagt „unverblümten“ Texten ist dieser in der Schweiz mit einem hartnäckigen Gangstamythos behaftet und wird meist von Mädchen mit etwas zu kurzen Röcken getanzt. Nicht so in Uchiza: Hier sitzen die Grossväterchen in ihren Liegestühlen und klopfen im Takt mit.

A propos Liegestuhl: Was man definitv aus der Liste der Vorurteile streichen kann, ist das Bild des Einheimischen, der irgendwo schnarchend im Schatten liegt. Die Peruaner nehmen es mit der Zeit vielleicht nicht ganz so genau wie wir (Beginnt ein Fest um 8 Uhr Abends ist empfohlen, so gegen 22:30 hinzugehen), doch fauler sind sie nicht, ganz im Gegenteil: Das Schweizer Kind, das bis Mitternacht Hausaufgaben macht und dann um 4 Uhr früh aufsteht, um am Fussball- oder Tanztraining teilzunehmen, will ich erstmal sehen. Ebenfalls bemerkenswert sind die Ladenöffnungszeiten in Uchiza: Gemessen an der Dorfgrösse würde man ein einziges, Volg-ähnliches Lebensmittelgeschäft erwartet, das um 18.30 seine Türen schliesst. Falsch gedacht! Im Dorfzentrum sind sämtliche Strassen mit kleinen Läden gesäumt, die die ganze Woche über bis 23 Uhr geöffnet haben; wohl hauptsächlich deshalb, weil die Leute faktisch in ihrem „tiendas“ wohnen.

„Bravo Hitler, das hast du toll gemacht!“

Normalerweise hege ich gegen das Kaufen von Souvenirs tiefschwarze Hassgefühle, doch eines schönen Tages bin ich in einem dieser Läden auf ein ganz entzückendes Fundstück gestossen: Ein Päckchen Rattengift mit der Aufschrift „Bin Laden – effiziente Eliminierung“. Auch wenn ich nicht vorhabe, in näherer Zukunft jemanden um die Ecke zu bringen, konnte ich mir diesen Kauf nicht verkneifen. Kreative Namensgebungen zählen sowieso zu den uchizener Spezialitäten: Jean-Pierre wird kurzerhand zu „Jampier“ umgemodelt, drei unserer Heimkinder heissen Merlith, Yoriela und Shenelson und ein Restaurantbesucher ist auf den Namen Líder getauft. Doch nicht nur dessen Eltern hofften bei ihrem Kind auf Führerqualitäten. Ein Junge, der nach der Schule in die Aldea kommt, um sich bei den Hausaufgaben helfen zu lassen, heisst mit Vornamen Hitler. Ich war schockiert! Als Nachhilfelehrerin steht man da plötzlich vor ungeahnten Herausforderungen: Was sagt man zum Beispiel, wenn der Kleine die Rechenaufgaben mit Bravour gemeistert hat? „Bravo, Hitler, das hast du ganz toll gemacht?“ Also ich weiss nicht recht, aber irgendwie sträubt sich da was. Insgeheim fragte ich mich, wieviele Diktatoren hier wohl noch auf mich warten mochten. Und siehe da: Wenige Tage später schlenderte ich nichtsahnend durch die Strassen, da blieb ich wie versteinert vor einem Ladenschild stehen: Gemischtwarenhandel Stalin.

Ach, wie werde ich dich vermissen, Uchiza, du verrücktes, liebenswertes Kaff.