Kultur | 28.10.2008

Mehr Stimme, weniger Bein

Text von Melanie Pfändler | Bilder von www.allblues.ch
Als einziges weibliches Mitglied heizte sie einst den kubanischen Herren vom Buena Vista Social Clubs ein. Am Samstag singt das Stimmwunder in einem anderen Klub: In der Gessnerallee.
Bild: www.allblues.ch

Exotischer Glamour, ein Hauch kubanischer Revolution und eine verbotene Liebe – würde Omara Portuondos Biographie verfilmt, fiele es schwer, ihre Geschichte nicht als romantisches Hirngespinst eines verzweifelten Drehbuchautoren abzutun.

Erste Szene: La Habana, Kuba, 1945. Eine Tänzerin des berühmten Kabaretts Tropicana wirft wenige Tage vor einem wichtigen Auftritt das Handtuch. Die Truppe sucht verzweifelt Ersatz und entdeckt, dass die kleine Schwester eines Mitglieds die Choreographie verblüffend genau verinnerlicht hat. So steht Omara im zarten Alter von 15 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne und legt damit den Grundstein für eine steile Karriere. Damals hätte sie wohl kaum zu träumen gewagt, dass sie über Jahrzehnte auf diese Bühne zurückkehren sollte – unter anderem für einen Auftritt mit Nat King Cole.

Singend durch die Revolutionskrise

Doch der Weg dahin ist lang. Omaram wird Tanzlehrerin und tritt gemeinsam mit ihrer Schwester Haydee als Sängerin auf. In den 50ern bilden die Schwestern mit Elena Burke und Moraima Secada das „Quarteto las d’Aida“.  Die Gruppe gilt bis heute als eine der berühmtesten in der Geschichte der kubanischen Musik – obwohl von der Originalformation nur eine Single aufgenommen wurde.

Ende der 60er Jahre geht Omara eigene Wege. „Viele Künstler hatten die Insel verlassen, dass eine Lücke entstand, die es zu füllen galt“, erklärte die Sängerin später.  Doch die Revolution sorgt auch ausserhalb der Musikbranche für harte Zeiten. 1967 wird die gesamte Bevölkerung dazu angehalten, soviel Zuckerrohr wie nur möglich zu produzieren. „Wir Künstler unterstützten die Arbeiter, indem wir draussen auf den Feldern für sie sangen“, erinnert sich die heute 78-jährige Kubanerin. Auch privat zeigt sich Omara rebellisch: Als Tochter aus gutem Haus verstösst sie gegen die Sitten und heiratet heimlich einen dunkelhäutigen Baseballstar.

Irgendwann durften die Zuckerrohrfelder den internationalen Bühnen weichen: Mit dem Orchesta Aragón bereist Omara in den 80er Jahren die ganze Welt. Ihre grössten Erfolge feierte sie jedoch erst ein Jahrzehnt später als Sängerin des Buena Vista Social Clubs. Ihre dritte Veröffentlichung hiess dementsprechend: „Buena Vista Social ClubTM presents … Omara Portuondo“ (World Circuit, 2000). Das Album wurde von Kritikern und Publikum enthusiastisch gefeiert. Portuondo etablierte sich als erstes und einziges weibliches Mitglied des Buena Vista Social Clubs. Es folgten eine Welttournee, das Japan Jazz Festival und ein Konzert an der Wiener Festwochen – vor 45’000 Zuschauern, begleitet von einem Streichorchester. Da können sich die Besucher des jazznojazz wohl mehr als glücklich schätzen: Am Samstag präsentiert Omara Portuondo ihr neuestes Album „Gracias“ im vergleichbar familiären Rahmen des Theaterhauses Gessnerallee. „Gracias“ ist ein Rückblick auf Omaras Karriere und gleichzeitig eine Hommage an jene Künstler, die sie am stärksten geprägt haben.

Nun, 60 Jahre danach, scheint ihr erster improvisierter Auftritt im Tropicana in weite Ferne gerückt: „Es war zwecklos. Ich war ein scheues Mädchen und hatte Angst, meine Beine zu zeigen.“ Das Lampenfieber hat sie offenbar überwunden – auch wenn Omara Portuondo am Samstag wohl weniger Bein, dafür eine grossartige Stimme zeigen wird.


Omara Portuondo "Gracias"

im Theaterhaus Gessnerallee

1. Nov. / 19:30 Uhr

Tickets: CHF. 75.-/55.-

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