Gesellschaft | 27.10.2008

„Jugendbeteiligung ist keine Einbahnstrasse“

Text von Thomas Radke | Bilder von Roland Korner
Die von den Jugendlichen selbst ausgesuchten Diskussionsthemen zeigen: Sie machen sich Gedanken über die Zukunft, engagieren sich und sind bereit, Verantwortung zu tragen. Auch anwesende Politiker erhalten hier wichtige Impulse für ihre Arbeit.
Interessierte Jugendliche im Vaduzer Saal.
Bild: Roland Korner

Nach der feierlichen Eröffnung durch die liechtensteinische Familienministerin Rita Kieber-Beck  demonstrierten Lustenauer Jugendliche mit ihrem selbst komponierten Musical „HEROES“ lautstark, was Nachhaltigkeit mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Derartig aufgeweckt stürzten sich die Gipfelbesuchenden ins Getümmel aus 50 Projektständen, Spielen, Filmen, Präsentationen und gleichgesinnten Nachbarn aus der gesamten Bodenseeregion. Für mehr als 20 Jugendliche begann der Jugendgipfel schon vor einigen Monaten. In mehreren Workshops haben sie die sieben Diskussionsrunden konzipiert und vorbereitet:

-¢    Werden Jugendliche ernst genommen?
-¢    Regeln und Treffpunkte im öffentlichen Raum
-¢    Stimmalter 16
-¢    Verbraucherinformationen und –verhalten
-¢    Nachhaltige Energieerzeugung
-¢    Integration von Migranten insbesondere an Schulen
-¢    Datenschutz im Internet

Politik greifbar gemacht
Die Jugendlichen hatten sich intensiv vorbereitet und ihre Fragen an die Politikerinnen und Politiker gründlich überlegt. Sie moderierten die Diskussionsrunden selbst und hielten jeweils auch ein Einstiegsreferat. Unterstützt wurden sie dabei von erfahrenen Moderatorinnen und Moderatoren, die wichtige Diskussionsergebnisse an Flipcharts notierten. Dabei interessierten sie zahlreiche Fragen: Was bringt das neue Wahlrecht für 16-Jährige in Vorarlberg? Was können Jugendliche selber tun, um mehr Gehör für ihre Anliegen zu finden und beispielsweise die Integration von Migrantinnen und Migranten zu fördern? Wo können Jugendliche Freiräume für ihre freie Entfaltung finden – ohne dadurch in Konflikt mit anderen zu geraten? Wie und was kann man mit gutem Gewissen konsumieren und wie kann man mehr Menschen dazu bringen, bewusst einzukaufen? Wie kann man zukünftig Energie sparen und erzeugen?
Von Bedeutung ist dabei immer der Vergleich der Situation in den vier Anrainerländern der Bodenseeregion: Ist die Situation überall gleich? Wo gibt es praktikable Lösungen und was kann man voneinander lernen?

Strukturen als Voraussetzung
Auch für die Politikerinnen und Politiker ist der Jugendgipfel ein wichtiger Impuls für ihre Arbeit und zugleich ein spannendes Erlebnis. Sie erfahren hautnah, was die Jugendlichen bewegt und sie können gemeinsam an möglichen Lösungen arbeiten. Am Ende des Tages nahmen sie viele Anregungen für ihre zukünftige Arbeit mit: Der stellvertretende Bürgermeister von Ravensburg, Rolf Engler erklärte: „Jugendbeteiligung ist in der Politik keine Einbahnstrasse, aber es braucht eine Grundstruktur für die Kontaktaufnahme.“ Die liechtensteinische Familienministerin Rita Kieber-Beck ergänzte: «Eine wesentliche Voraussetzung für Jugendbeteiligung ist eine Ansprechperson, die schon länger im Amt ist und von Jugendlichen ernst genommen wird.« Auf deutscher Seite verwies der baden-württembergische Staatssekretär aus dem Sozialministerium Dieter Hillebrand auf die Einrichtung der Jugendgemeinderäte: «diese sind hervorragend dazu geeignet, um junge Menschen an Politik heranzuführen.«, doch er wünsche sich auch, dass Jugendliche aktiv auf die Politiker zugehen. Die St.Galler Kantonsrätin Marlen Hasler äusserte aber auch die Erwartung, dass Jugendliche auf andere Jugendliche, die Probleme machen, zugehen mögen.

Regionale Vereinbarungen
Damit es am Ende des Tages nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt, gehörten zum Konzept auch „Regionalrunden“, bei denen Jugendliche und PolitikerInnen aus der jeweils gleichen Region zusammenkamen. Weitere Schritte wurden vereinbart:
In Liechtenstein wurden konkrete Anliegen aus den Gemeinden Balzers und Triesen – auch zum Thema Verkehr – bei der Landesregierung deponiert und weitere Schritte vereinbart. In der St.Galler Runde hat sich eine lokale Ansprechperson für Jugendliche in der Gemeinde Rorschacherberg gefunden und es wurde die 19. Jugendsession vorbereitet. In den Landkreisen Konstanz und Bodenseekreis wurde zum Thema Essenslieferungen an Schulen aus 700 Km Entfernung ein konkreter Projektplan erarbeitet. In Sigmaringen wird es  in der Gemeinde Ostrach ein Jugendhearing als Auftakt für eine Jugendbeteiligungsinitiative geben. Die Ravensburger Runde initiierte eine Anfrage an den Kreistag betreffs der Warteliste für die weiterführenden Schulen und aus den Vorarlberger Ergebnissen wird voraussichtlich ein neuer Beteiligungsprozess entstehen

Markt der Möglichkeiten
Auf der Projektausstellung „Markt der Möglichkeiten“ haben die Teilnehmenden aus jedem Land ein Siegerprojekt gewählt, das ihrer Meinung nach besonders sinnvoll und nachahmenswert ist. Jeweils 500 Franken gehen an:

-¢    Die fahr.bar (alkoholfreie Cocktailbar) aus Liechtenstein
-¢    Das St.Galler Jugendparlament
-¢    Das ENSYS Simulationsspiel zur CO2-Reduktion der Humpis-Schule in Ravensburg
-¢    Das Jugendbeteiligungsprojekt JAM aus der Vorarlberger Gemeinde Rankweil.

Die Bodensee Agenda 21 wird die zahlreichen Anregungen aufgreifen, diese in den Prozess zum geplanten 4. Jugendgipfel 2010 integrieren und auf zukünftigen Workshops über neue Projekte nachdenken.

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