Kultur | 20.10.2008

Einer gegen alle und alle gegen einen

Text von Benjamin Kühni
«Menschenfeindliche" Premiere der Schauspielpremieren der Saison 2008/09 am Stadttheater Bern in der Vidmar:1.
Schauspieler im "Menschenfeind": Milva Strak, Sebastian Edtbauer, Lucy Wirth, Jonathan Loosli, Henriette Cejpek (v.l.n.r.) Fotos: Annette Boutellier Künstlich oder echt: Lucy Wirth mit einem Geparden.

Eine kleine Schar von Menschen steht wild tanzend auf der Bühne. Daneben ein grimmig dreinschauender Mann, der das Geschehen beobachtet. Es stellt sich schnell heraus, worum es geht. Milde ausgedrückt werden die eher unvorteilhaften Eigenschaften von anderen Menschen preisgegeben und der Grund, warum man überhaupt mit ihnen verkehrt. Das klingt dann so: „Wir gehen ja nicht zu ihm, wir geh’n zu seinem Essen. / Ohne den guten Koch hätt‘ man ihn längst vergessen.“ Der grimmige Mann ist der Hauptdarsteller Alceste (Jürgen Hartmann), der dem Stück den Namen „Der Menschenfeind“ gibt. Er hat auch allen Grund zur Grimmigkeit, denn sein Ziel und seiner Meinung nach ist das, was allen anderen Menschen fehlt, Offenheit und Ehrlichkeit.

Trampolin und Waldidylle

Die Schauspieler werden dank Anne Neuser (die nebst dem Bühnenbild auch für die Kostüme zuständig war) auf einem ovalen Drehteller serviert, und abgesehen von einer hängenden, länglichen Sitzgelegenheit ist die Bühne genau so leer wie weiss. Das ist auch dringend nötig, da man genug Platz für die wilden Choreographien von Joshua Monten und die katapultartigen Auftritte über ein Trampolin braucht. Es wird viel mit Licht und Ton gearbeitet, im Hintergrund ist eine Waldidylle projiziert und das ganze Stück wird von ganz unterschiedlicher Musik begleitet. Die Kostüme sind weitgehend zeitgenössisch, denn das Stück spielt in der heutigen Zeit. Die Männer tragen Anzügen oder Jeans und T-Shirts, die Frauen Kleider. Trotzdem dürfen wir den ganzen Theaterabend hindurch eine Sprache geniessen, die so leichtfüssig daher kommt, dass man ihre Verse teilweise gar nicht mehr bewusst wahrnimmt.

Gegensätzlichkeiten

Nun, da gibt es natürlich noch andere Gestalten als nur diesen Alceste, seine scheinbare Liebe nämlich, Lucy Wirth als Célimène. Das ganze Stück hindurch nimmt man nie richtige Liebe von beiden Seiten wahr, kein Wunder, da sie auch die Gegensätzlichkeit in Personen sind, wie sich herausstellt. Doch Alceste kann nicht von ihr lassen. Das geht noch so manchem gleich, bei Célimène werden sie alle weich: der arrogante Oronte (Stefano Wenk) und die zwei rivalisierenden und frechen Kumpel Acaste (Sebastian Edtbauer) und Clitandre (Jonathan Loosli). Bis kurz vor Schluss will und kann Alceste jedoch Célimène nicht loslassen, trotz der Tatsache, dass sogar aufgedeckt wird, wie sie den anderen Männern mit Briefen heimlich Hoffnungen gemacht hatte. So will er nun in die Wüste gehen, ohne Philinte (Heiner Take), der ihm immer zur Seite stand, und Eliante (Milva Stark), die ihre anfängliche Liebe zu Alceste begraben konnte und nun mit Philinte zusammen ist. Stefan Otteni hat es mit seiner Inszenierung geschafft, das Publikum lachen, aber auch nachdenken zu lassen. Was immer dann der Einzelne auch getan hat, es hat scheinbar allen gefallen, der Applaus fand bei der Premiere beinahe kein Ende – genau wie Alcestes angebliche Liebe.

Höhepunkte

Speziell zu erwähnen sind Acaste und Clitandre, die das ganze Stück hindurch mit ihrer Energie und Rivalität sogar im Hintergrund, wenn andere spielen, fesseln. Schon ganz zu Beginn, wenn Célimène von Person zu Person wandert, verfolgen sie alles mit bösen Blicken, ausser wenn sie bei ihnen ist. Ihr Wortgefecht, bei dem sie sich gegenseitig die von Célimène erhaltenen Briefe vorlesen, ist ein kleiner Höhepunkt des Abends. Symbolisierend für diesen Teil ist der Schlusssatz von Acaste: „Es gibt andere Frauen und bessere als sie, / die wissen, was dran ist am kleinen Marquis“. Beim „richtigen“ Höhepunkt fliegen die Fetzen und Alceste lässt seiner Wut freien Lauf, die Leute in vorderster Reihe nehmen’s gezwungen in Kauf. Doch sonst – ehrlich ich heuchle nicht – gab es nichts zu kritisieren, man könnte durchaus sein Geld in dieses Theater investieren.

Über den Autor


Über den Autor dieser Kritik schreibt Linda Schweizer: Benjamin Kühni ist 15-jährig und wohnt in Lützelflüh. Zur Schule geht er ans Gymnasium in Burgdorf, mit der Aussicht, in drei Jahren bereits an der Schauspielschule zu sein, denn er ist ein begnadeter Theaterschauspieler. Neben den Schulstunden verbringt er seine freie Zeit gerne mit Kollegen, spannenden Büchern, Schreiben eigener Geschichten oder einfach mit Musik hören. Dass er ein Morgenmuffel ist, ändert nichts daran, dass er sonst ein gutgelaunter, lustiger und offener Mensch ist.

 

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