Gesellschaft | 14.10.2008

Die Masseinheit des Respekts

Text von Melanie Pfändler | Bilder von Nathalie Kornoski
Unsere Redaktorin Melanie Pfändler plädiert für mehr Respekt im menschlichen Umgang. Dafür erfindet sie eigens eine neue Masseinheit: Den LoRI (LackofRespect-Impact).
Bild: Nathalie Kornoski

Es geschah an einem wunderbaren Herbsttag. Quietschfidel spazierte ich durch meine Quartierstrasse. Die Sonne war heiter, ich war heiter und mein Hund schnüffelte wedelnd an eingetrockneten Urinspuren auf dem Trottoir. Das Leben war schön. Da traf ich ganz hart und unvermittelt auf die Realität. Sie hatte an diesem Morgen die Form eines sechsjährigen Kindes. Mit schlenkernden Armen kam es mir entgegen und blickte mich an. Ich nickte ihm zu und grüsste freundlich. Das Kind zog eine blasierte Schnute, reckte seine Stupsnase in die Luft und schritt wortlos an mir vorüber. Verdattert blickte ich ihm hinterher. Auch wenn ich meinen Schock über diese Reaktion im Laufe dieses Textes etwas überdramatisieren mag: Die Verdatterung ist bis heute nicht ganz verschwunden. Ich will nicht über die Verwahrlosung unserer Gesellschaft lamentieren. Doch umso mehr ich über diese kindliche Ignoranz nachdachte, desto nebulöser wurde mir zumute.

Kommt uns in der heutigen Zeit vielleicht wirklich der Respekt abhanden?

Um mich über meine posttraumatischen Symptome hinwegzutrösten machte ich mir einen Spass daraus, mit den Zukunftsaussichten dieses kleinen Rotzlöffels zu jonglieren. Ein ebenso lustiges wie besorgniserregendes Spielchen. Glaubt man den gängigen entwicklungsbiologischen Theorien, entstehen 80% des Charakters eines Menschen innerhalb seiner ersten vier Lebensjahre. Sprich: Einmal Rotzlöffel, immer Rotzlöffel. Ehrlich gesagt habe ich keinen blassen Schimmer, wie man den Charakter eines Menschen in Prozent messen soll, doch wenn Wissenschaftler so was dürfen, darf ich das bestimmt auch.

So schritt ich von meinem Spieltrieb getrieben zur Tat und hab mir meine eigene, mindestens so fragwürdige Einheit ausgedacht: Der LoRI (LackofRespect-Impact), gemessen an der Zahl bedauernswerter Personen, die nicht genug schnell in Deckung gehen und in Folge eine fette Ladung Respektlosigkeitsschlamm direkt ins Gesicht geknallt bekommen.

Nehmen wir unseren Anti-Morgengruss-Bengel als Beispiel. Das gute Kind wächst heran und wird – sagen wir mal – zu einem Kellner, der in seinem akuten Respektvakuum dem Gast in die Suppe spuckt (LoRI: Eins). Oder: Eine Primarschullehrerin, die ihre Schützlinge anschnauzt, wenn’s mit der Schnürlischrift nicht klappen will (LoRI: Fünfundzwanzig). Oder: Der Talkshowgast, der vor versammelter Unterschichtsfernsehnation seiner Grossmutter Inzucht, Syphilis und Alzheimer nachsagt (LoRI: Dreihunderttausend). Oder: Der Diktator, der mit seinem Finger nervös über dem Atombombenknöpfchen rumzuckt (LoRI: Na, das kann ja heiter werden.).

Doch wir brauchen gar nicht abzuwarten, bis der ungehobelte Vorstadtdämon den Kinderschuhen entwachsen ist. Der Respekt gehört schon heute zu den aussterbenden Tugenden. Gerade das politische Parkett ist diesbezüglich ganz schön glitschig: In der „Arena“ hört sich kaum einer mehr zu, Menschenrechte werden auf sämtlichen Kontinenten mit Füssen getreten und wenn sich zwei Staatsoberhäupter die Hände schütteln, kann man als Zuschauer längst nicht sicher sein, ob es sich bei dem verzerrten Gesichtsausdruck um breites Lachen oder Zähnefletschen handelt. Pitbull-Palin gibt sich gerade höchste Mühe zu beweisen, dass man noch nicht einmal gewählt sein muss, um unverschämt zu sein.

Anscheinend ist da schon eine ganze Generation von Rotzlöffeln an der Macht. Doch moralisch den Zeigefinger zu schütteln und über die Regierung herzuziehen, ist dann doch eine Spur zu einfach. Vielleicht sollte man sich lieber einmal selbst an der Nase nehmen und fragen, wieviel LoRI-Punkte man selbst schon auf dem Gewissen hat. Denn schlussendlich kann ein Faux-pas eines einzelnen Politikers nie soviel bewirken, wie das alltägliche Verhalten seiner Untertanen.

Respekt bedeutet für mich Toleranz, Wertschätzung und Anstand. Besonders letzteres beginnt mit kleinen Gesten: Tut es denn wirklich so weh, einen Gruss zu erwidern? Dem alten Herren den Platz im Bus anzubieten? Die schwangere Frau in der Schlange vor der Migroskasse nach vorne zu lassen? Oder dem fremden Mädchen, das sich bei H&M kritisch vor dem Spiegel dreht, zu sagen, dass sie in diesem Kleid ganz bezaubernd aussieht?

Entgegen der allgemeinen Annahme hat das nichts mit Schleimerei zu tun, sondern schon viel eher mit Offenheit. Und diese schadet in zwischenmenschlichen Beziehungen genauso wenig wie in den internationalen. Egal wie souverän sie über unsere Mattscheiben flimmern – viele Politiker verhalten sich im Kern wie rüpelhafte Halbwüchsige. Statt sich gegenseitig würdevoll zu behandeln, kämpfen sie mit geschwellter Brust und spitzen Ellenbogen, umgarnen ihre Wähler und erinnern dabei an einen Verehrer, der seiner Angebeteten beim Abschied einen überstürzten Gutenachtkuss an den Hals sabbert. Dabei wissen wir doch alle: Öffnet er ihr stattdessen galant die Tür und das schöne Mädchen schwebt darauf entzückt über die Schwelle, ist der erste Schritt vielleicht schon getan.


Anlässlich der Jugendfilmtage entstehen Kurzfilme zum Thema "Respekt", die bei der Veranstaltung im nächsten März vorgeführt werden. Tink.ch begleitet die Aktion journalistisch. In regelmässigen Abständen äussert sich unsere Autorenschaft über Respekt. Das Thema soll möglichst vielfältig beleuchtet werden.

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