Kultur | 20.10.2008

Des Menschenfeinds Feinde rocken jetzt elektronisch

Text von Michelle Benz | Bilder von Annette Boutellier
Spektakulärer Saisonauftakt in der Vidmar:1: Der Klassiker "Der Menschenfeind" von Jean Baptiste Molière in der Inszenierung von Stefan Otteni schafft den Sprung in die Moderne.
Jürgen Hartmann und Lucy Wirth im Stück "Der Menschenfeind".
Bild: Annette Boutellier

Luftschaukel, Videoprojektionen

Nicht ebenerdig, sondern ein erhöhtes Oval ist die Bühne (Anne Neuser) in der Vidmarhalle 1; eine Luftschaukel erstreckt sich halbkreisförmig um das drehbare Bühnenoval, Videoprojektionen ersetzen die Hintergrundkulisse. Weiss, minimalistisch, hochmodern und luxuriös, ist die Bühne per Trampolin für Schauspieler erreichbar.

Zwischen Handys, I-Pod-Hörern und amüsanten Tanz- und Sprecheinlagen (Choreografie von Joshua Monten) spielt sich die Geschichte des Alceste (Jürgen Hartmann) ab, der, obwohl er das Verhalten, die Heuchelei und Lästerei der Menschen zutiefst verachtet, sich ausgerechnete in Célimène (Lucy Wirth) verliebt.

Verliebtheit, Möchtegernpoet

Von der insgesamt überzeugenden Besetzung ist vor allem Milva Stark als Eliante eines der Highlights dieser Inszenierung. Mit jedem Blick und jeder noch so kleinen Bewegung verkörpert sie die Rolle der unglücklich Verliebten nahezu perfekt. Stefano Wenk lässt den Unterhaltungsfaktor als schleimiger Möchtegernpoet Oronte weiter nach oben schiessen.

Sei es die Waldkulisse mit Flitzern, die Farbexplosion der Scheinwerfer, die halsbrecherischen Bühnenauf- und Abgänge oder aber die zum Teil ins Absurde abdriftenden amüsanten Dialoge – dieses Stück ist ein Genuss für Augen und Ohren.

Obwohl die eigentliche Geschichte schnell in den Hintergrund tritt, verspricht ein Besuch von «Der Menschenfeind« in den Vidmarhallen eine gelungene Abendunterhaltung. (Zuschauern in den ersten Reihen sei jedoch geraten, sich vor dem Besuch der Inszenierung beim Chemiker ihres Vertrauens ein Schutzbrille auszuleihen, da gegen Ende der Aufführung ordentlich die Fetzen fliegen.)

Über die Autorin


Über die Autorin dieser Kritik schreibt ihre Freundin Jana Radosavljevic: Obwohl Michelle, 19 Jahre alt, schweizerisch-kanadische Doppelbürgerin ist, nennt sie ein drittes Land ihre Heimat: Frankreich. Denn die grosse Liebe ihres Lebens ist Paris. Auch heute befindet sich Michelle wieder im TGV auf ihrem Weg «nach Hause«. Treuer Begleiter unserer Pariserin seit nun mehr sechzehn Jahren ist ihr schwarzer Perserkater Asterix, genannt «Asti«. Die literaturbegeisterte Michelle liest derzeit am liebsten Werke von Franz Kafka, Heinrich von Kleist, Simone de Beauvoir oder Jean-Paul Sartre. Mögliche zukünftige Studienfächer: Philosophie, Germanistik, Genderstudies – oder vielleicht doch Jura?

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