Gesellschaft | 06.10.2008

Dem Reisefieber erlegen

Bewaffnet mit Rucksack und Gitarre reist Tink-Reporterin Melanie Pfändler durch Peru - das Reich der Inka. Schon bei ihrer Ankunft werden kulturelle Unterschiede zur Heimat deutlich
Über 10`000km liegen zwischen der Schweiz und Peru. Ebenfalls gross sind die kulturellen Unterschiede dieser beiden Länder.
Bild: Melanie Pfändler Die Flora und Fauna Perus ist sehr abwechslungsreich. Nicht immer geht es auf den Strassen von Lima so entspannt zu wie hier. Das BIP in Peru ist etwa dreimal so tief wie in der Schweiz. Die Bevölkerung aber auch etwa dreimal so fröhlich. 45% der peruanischen Bevölkerung ist indianisch abstammend. Mit der Gitarre durch Peru - unsere Kolumnistin Melanie Pfändler.

Seit Jahren träumte ich davon, eine längere Reise zu unternehmen. Mit meiner Matura im letzten Sommer rückte dieses Ziel in erreichbare Nähe: Der obligate Selbstfindungstrip vor Studienbeginn, sozusagen. Nach einigen verworfenen Plänen fand ich einen Weg, sowohl meiner Abenteuerlust wie auch meinem Mutter-Theresa-Syndrom zu fröhnen: Fuer die nächste Zeit verschlägt es mich nach Peru, ins sagenumwobene Reich der Inka. In Uchiza, einer kleinen Stadt im Amazonashochland, arbeite ich als Freiwillige des Dübendorfer Vereins „Apia“ in einem Kinderheim. Danach erkunde ich einige Wochen das Land; allein, nur mit meinem Rucksack und meiner Gitarre. („Nur ich und meine Gitarre“ – mein bester Freund meinte, ich klinge wie Jenny, die Freundin von Forrest Gump. Stimmt vielleicht. Allerdings habe ich nicht vor, halbnackt in irgendwelchen Spelunken aufzutreten.)

Am Tag der Abreise konnte ich die Erlebnisse, die auf mich zukommen würden, kaum noch erwarten. Tatsächlich musste ich mich nicht lange gedulden. Bereits auf dem Weg zum Gate bot sich mir der erste ungewöhhnliche Anblick: Zwei weissgekleidete Männer mit überdimensionalen Kochmützen sassen in der Smokerslounge und rauchten Zigarren. Am „Aeropuerto Jorge Chavez“ erwartete mich Gloria, die Kontaktperson von Apia. Mit dem Taxi fuhren wir durch die nächtliche Stadt. Die fremden Geräusche und Gerüche, die durch das geöffnete Fenster drangen, machten mir bewusst, welche Veränderungen die letzten Stunden gebracht hatten. Ich war dem Reisefieber endgültig erlegen.


Eine ewige Staubschicht

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, mir einen ersten Eindruck von Lima zu verschaffen. Abgesehen vom kolonialen Zentrum mit der imposanten Kathedrale stiess ich auf wenig Sehenswürdigkeiten: Scheinbar planlos aneinandergereihte Häuser, baufällige Hütten, die sich in ockerfarbene Hügel schmiegen, und eine ewige Staubschicht, die alles grau bepudert. Die zweite Konstante ist der Lärm. Anscheinend benutzen sämtliche Limeños dasselbe Allheilmittel gegen jegliche Komplikation im Strassenverkehr: Steht etwas im Weg, wird erst kräftig gehupt. Auch der ÖV ist etwas gewöhnungsbedürftig. Ein Fahrplan? Haltestellen? Denkste! Man stellt sich an den Strassenrand und wartet. Sogleich fährt einer der zahlreichen Kleinbusse vorbei, ein lauthals schreiender Kerl hält ein Schild  mit dem Fahrziel aus dem Fenster, man springt auf und los gehts. Die gelinde augedrückt „rasanten“ Fahrgewohnheiten erklären dann auch die Segenssprüche, die in grossen Lettern auf den Windschutzscheiben kleben.

Das Haus von Glorias Familie erschien mir wie eine Oase inmitten dieser lauten, lebendigen Stadt: Im Innenhof blüht ein duftender Jasminstrauch, die Grossmutter kocht massenweise Leckereien und das Bett ist fast so bequem wie daheim. Ich fühlte mich also bestens gewappnet für meine Weiterreise in den Norden. Doch auch da sollten einige Überraschungen auf mich zukommen: Tiefer Dschungel, heiratswütige Einheimische und eine ehemalige Kokainmetropole. Mehr dazu – nächstes Mal.