Gesellschaft | 20.10.2008

Auch in Märchen wird gemordet

Für unsere Autorin in Peru werden die Abenteuer zusehends Märchenhafter. Wenn da nur nicht der blutrünstige Axtmörder sein Unwesen treiben würde.
Die Welpen sind süss, doch auch sie können nicht über die Gefahren hinwegtäuschen, die in diesem Dorf lauern. Fotos: Melanie Pfaendler Bunte Farben bringen Leben in den grauen Alltag Das improvisierte Volleyballnetz taugt auch zum Fussballspielen Welpen und Kinder vertragen sich meistens gut Papageien sortieren nicht gerne Reis Dieser Mann mag etwas klein erscheinen. Bei der Körpergrösse der Fotografin auch kein Wunder. Der Innenhof des Kinderheims in Uchizu ist liebevoll gestaltet.

Wäre ich beim Verfassen dieses dritten Reiseberichts so richtig konsequent, müsste ich ihn mit den berühmten Worten „Es war einmal…“ einleiten. Mein Leben hat in den letzten Wochen tatsächlich märchenhafte Züge angenommen. Die Aldea „Manco Ayllu“ wirft sämtliche Kinderheimklischees über den Haufen: Kaum tritt man durch die grosse Eingangstür, wird man von einem gross hingepinselten „Bienvenido“ willkommen geheissen. Die Mauern, die den grossen Innenhof zäunen, tragen alle eine andere Farbe und sind mit Wandmalereien und Kinderhandabdrücken verziert. Dahinter liegt ein Garten mit einem improvisierten Volleyballnetz, einem steinernen  Pizzaofen, Mangobäumen und einer Cocopalme. Im Allgemeinen stellt die Auswahl an Früchten das Angebot sämtlicher Schweizer Exotikfeinkostläden in den Schatten: An den Wochenenden ernten wir Bananen, Maracujas, Avocados und Cacao-Früchte auf unserer Plantage und brauen hausgemachte Schokolade.

Meine Aufgabe als Volontärin besteht – platt gesagt – darin, am Alltag in der Aldea teilzunehmen und die Kinder da zu unterstützen, wo gerade Hilfe benötigt wird. Von April bis Juni bin ich also eine Mischung zwischen Nachhilfelehrerin, Tellerwäscherin und Löwenbändigerin.

Die böse Stiefmutter verdonnert zum Reissortieren

Sobald die Kinder in der Schule sind, stehen die ersten Küchenarbeiten an. Dabei stelle ich mich gemeinsam mit den anderen beiden Freiwilligen der Herausforderung des Tages: Dem Reissortieren. Klingt wie ein Scherz? Ist es nicht. Jedes einzelne vergammelte Körnchen wird streng rausselektioniert. Ich fühle mich schon ein bisschen wie Aschenbrödel, nur ohne die fleissigen Täubchen. Im Garten tummeln sich zwar vier Hunde, fünf knuffige Welpen, zwei Schildkröten und ein Papagei, doch trotz zahlreichen Dressur- und Bestechungsversuchen weigern die sich, mir zur Hand zu gehen. Mit der obligaten bösen Stiefmutter ist es so eine Sache: Die Italienerin Giusi Zinesi hat die Aldea vor zehn Jahren zusammen mit ihrem Mann gegründet und fungiert als uneingeschränkte Herrscherin. Die „Madrecita“ regiert ihr Reich mit fester Hand, aber vorallem mit grossem Herz. Und auch wenn ihre Augen ganz schön böse hinter den dicken Brillengläsern hervorblitzen können und der italienische Akzent ihre Strafpredigten sehr dramatisch erscheinen lässt, hat sie immer für alle ein offenes Ohr.

Kokain und Terrorismus

In dieser märchenhaften Atmosphäre kann leicht vergessen gehen, welche Schicksale die Kinder hierher geführt haben: Einige sind Vollwaisen, andere wurden von ihren Eltern verlassen oder zu ihrem eigenen Schutz in der Aldea untergebracht. Die meisten leiden indirekt unter den Konsequenzen, die der rege Kokainhandel mit sich gebracht hat. Noch vor wenigen Jahren galt das fruchtbare Gebiet um den Rio Huallaga, in dem auch Uchiza liegt, als die peruanische Coca-Wiege schlechthin. Und wo Kokain ist, sind auch Terrorismus und Korruption nicht weit. Aus diesem Grund haben Giusi und Sergio Zinesi sich vorgenommen, „die Schwächsten dieser Gesellschaft zu unterstützen“. Mit diesem Vorsatz gingen sie genau mit den Leitlininen der Dübendorfer Organisation Apia einher. Dieser gemeinnützige Verein engagiert sich seit 1990 für die Rechte und die Förderung von Strassenkinderin in Südamerika. Mittlerweile profitieren über 3000 Kinder und Jugendliche von den Spendenbeiträgen und dem Engagement der Mitglieder. Ziel ist, lokale Projekte zu fördern, so dass sie nach der entsprechenden Starthilfe eigenständig bestehen können.

Stressfaktor einer Hängematte

So auch „Manco Ayllu“: Die ersten drei Jahre wurde die Aldea finanziell unterstützt, von da an durch die Vermittlung von freiwilligen Helfern. Heute dient ein Restaurant, das Giusi mithilfe der älteren Jugendlichen betreibt, als Einnahmequelle. Haben wir also das Reissortieren hinter uns, bedienen wir bis zum späten Nachmittag die Gäste im „Stella Maris“. Auch dieses sieht aus wie einem Kinderbuch entsprungen: Im Hinterhof spendet ein Papayabaum Schatten und die dicke Köchin brutzelt in der Freiluftküche südamerikanische Köstlichkeiten. Auch wenn es zu Stosszeiten ganz schön hektisch wird, kann ich mich mit meiner Arbeit mehr als glücklich schätzen: Mein Leben hat derzeit den geschätzten Stressfaktor einer Hängematte.

Einladung zum Hahnenkampf

Doch ich will ja nicht alles schönreden. Hie und da bekommt die heile Märchenfassade auch Risse. Vor zwei Wochen wurde mir während eines Ausflugs meine Kamera geklaut. Mann mann, ich war so was von stinksauer. Der herbeigerufene Polizist trug auch nicht zur Besserung meiner Laune bei: So schien er sich auschliesslich dafür zu interessieren, ob ich verheiratet sei und Lust hätte, mit ihm einen Hahnenkampf zu besuchen. Doch schon wenige Tage später wurde mir klar, dass ich mit diesem Ärgernis noch sehr glimpflich davongekommen bin. Laut der Uchizenischen Gerüchteküche wurden am Wochenende zwischen zwei und drei geköpfte Mädchen aufgefunden. Besonders gruslig: Eines der Opfer soll in einem Park gelegen haben, der keinen halben Kilometer von der Aldea entfernt ist. Dazu der trockene Kommentar meiner Co-Volontärin Regina: „Huch, da hätte man ja glatt den Schrei hören können.“ Na, da sage ich mir doch: Lieber ohne Kamera, dafür mit Kopf.