Kultur | 08.09.2008

Von Japan zu uns: das Handybuch

Als Oliver Bendel im Juli seinen Roman "Lucy Luder und der Mord im studiVZ" veröffentlichte, hat ein literarisches Phänomen den deutschsprachigen Raum erreicht, das in Japan schon längst zum Alltag gehört: der Handyroman.
Ein Roman erobert die Handy-Displays.
Bild: Denis Manteufel/youthphotos.eu Das Cover des Handyromans "Lucy Luder und der Mord im StudiVZ". www.handyroman.net

An allem Anfang steht Oliver Bendel und seine Idee, „eine Literatur zu schaffen, die das in den Vordergrund rückt, was junge Menschen jeden Tag benützen“. Eine neue Art von Literatur soll geschaffen werden, die  jene alltäglichen Dinge wie Wikipedia oder ein studiVZ mit einbezieht. Wie einleuchtend die Idee auch scheinen mag, ihre Umsetzung hatte ihre Tücken. So scheiterte etwa das Verlegen des Buches als konventionellen Roman bereits am Titel. Die meist älteren Verleger konnten mit der Bezeichnung studiVZ  nichts anfangen. Konsequenterweise war kein Interesse vorhanden, das Buch herauszugeben. Als sich abzeichnete, dass das Buch kaum auf die gewöhnliche Art verlegt werden würde, griff Oliver Bendel auf eine neue Idee zurück.

Fangruppe im studiVZ

Er hatte sich bereits früher mit so genannten creative-commons-Lizenzen und open-content-Prinzipien auseinandergesetzt.  Während die creative-commons-Lizenzen einem Autor ermöglichen, Teile seiner Rechte am eigenen Werk an die Öffentlichkeit abzutreten, können dank des open-content-Prinzips Bilder, Texte oder sogar Musik ohne Zahlung weiterverbreitet und genützt werden. Das Ziel ist, Wissen besser austauschen und nutzen zu können. Nach diesem Prinzip funktioniert auch Wikipedia. Oliver Bendel entschloss sich, eine Fangruppe für sein noch unveröffentlichtes Buch im studiVZ zu gründen. Sobald  1000 Mitglieder der Fangruppe angehörten, stellte er sein Buch zum Download online. Somit drehte Oliver Bendel das gewohnte Prinzip um, wonach ein Buch zuerst veröffentlicht werden musste, um seine Fans zu finden. Nun stand Oliver Bendels Buch also zum Download bereit, doch wie kam es aufs Handy?

Japanische Handybücher als Vorbild

2007 war die Hälfte der 10 bestverkauften Bücher Japans Handyromane. Dabei ist der Name Handybuch etwas irreführend, denn nur ein kleiner Teil der Autoren schreibt ihre Werke auch wirklich per Handy. Vielmehr werden die Handyromane auf dem Computer getippt und dann in Kapiteln an die Mobiltelefone der Leser verschickt. Ein Service, der vor allem bei der jungen Generation sehr beliebt ist. Nicht zuletzt, weil die Leserschaft mit Rückmeldungen an den Autor aktiv in die Handlung eingreifen kann. Eine weitere Eigenschaft der Handybücher ist ihre einfache Sprache, die sich durch kurze Sätze auszeichnet. Daneben findet man in einem Handyroman kaum Dialoge oder lange Beschreibungen. So beschränkt sich die Handlung in der Regel auf Liebesgeschichten oder Krimis. Obwohl Handyromane hierzulande kaum bekannt sind, erschien Oliver Bendel dieses neue Medium wie geschaffen für sein Werk. Denn der erste Lucy-Luder-Band erfüllt mit der einfach gehaltenen Sprache und seiner spannenden Handlung alle Voraussetzungen, um ein Handyroman zu werden. Also nahm Oliver Bendel Kontakt auf mit einer Berliner Agentur, die zuvor bereits klassische Texte wie etwa Kafkas „Verwandlung“ in Handyromane umgesetzt hatte. Schließlich erschien „Lucy Luder und der Mord im StudiVZ“ 2008 als einer der ersten zeitgenössischen Handyromane in deutscher Sprache.

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