Kultur | 08.09.2008

Von der Trauer zum Wahnsinn

Text von Selina Bezzola
Das Drama "Nacido y Criado" des Argentiniers Pablo Trapero erzählt eine bedrückende Geschichte, die in Buenos Aires beginnt. Aufgrund eines tragischen Unfalles flieht ein verzweifelter Vater ins kaum bewohnte Patagonien. Doch seine Erinnerungen lassen ihn nicht los.
Santiago (Guillermo Pfening) glaubt, alles verloren zu haben und reist nach Patagonien. Fotos: Kino Xenix Glücklichere Zeiten: Santiago mit seiner Frau Milli (Martina Gusman) und der gemeinsamen Tochter. Nichts für Zartbesaitete: Die karge und schneebedeckte Landschaft Patagoniens.

Santiago (Guillermo Pfening), seine Frau Milli (Martina Gusman, Traperos Ehefrau und Produktionsleiterin des Filmes) und deren aufgeweckte Tochter Josefina führen ein glückliches Leben in einem noblen Viertel der Hauptstadt Argentiniens. Das Glück der Familie findet ein abruptes Ende, als die Drei in einen schrecklichen Autounfall verwickelt werden. Santiago fühlt sich für das Unglück verantwortlich. Deshalb verbannt er sich selbst zur Strafe nach Patagonien, fern von seiner möglicherweise noch lebenden Frau und Tochter, die er seit dem Unfall nicht mehr gesehen hat. Mitten in einer erstarrten, schneebedeckten und am Ende der Welt gelegenen Landschaft findet Santiago auf einem abgeschiedenen Flugplatz Arbeit. Seine zwei Mitarbeiter, Robert und Cacique bestreiten mit ihm tagtäglich denselben eintönigen und mechanischen Alltag. Flugplatz unterhalten – Jagen – Feierabendbier in der Kneipe.

Auch wenn Santiago sein früheres Leben strikte verdrängt und verschweigt, kommen die Erinnerungen an den schrecklichen Unfall Schritt für Schritt in sein Bewusstsein zurück. Verfolgt von seinem schlechten Gewissen gleitet Santiago in den Wahnsinn ab. Für Robert wird er damit einfach ein einsamer Spinner, für Cacique eher ein bemitleidenswerter Genosse. Als Santiago eines Tages so stark unter Verfolgungswahn leidet, dass er seinen imaginären Verfolger oder nun eben sich selber erschiessen will, sieht er ein, dass er dringend die Kontrolle über sein Leben wieder gewinnen muss. Die Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen.

Sangre – Blut
Der Film beginnt mit idyllischen Momenten von Santiago, seiner Frau und seiner Tochter. Nichts deutet auf die schrecklichen Ereignisse hin, wenn da nicht die Titelmusik wäre. Das Lied «Sangre«, bei dem alle zwei Sekunden das Wort „Blut“ ins Publikum gekrächzt wird, schüchtert den Zuschauer förmlich ein. Vorgewarnt wartet man somit auf den bevorstehenden Unfall, der ruhig ein wenig früher hätte eintreffen können.

Durch die Mitarbeiter Robert, ein werdender Vater, der sich viel zu jung fühlt, um ein Kind gross zu ziehen und Cacique, der sich um seine todkranke Ehefrau kümmern muss, sieht sich Santiago zunehmend mit dem Thema Kind und Tod konfrontiert. Dank diesen beiden Nebenrollen wird dem Zuschauer der Titel des Filmes und auch Santiagos tatsächlicher Verlust bei näherem Hinschauen verdeutlicht.
Deshalb ein Lob für die beinahe unscheinbaren Details, die der Film enthält. Die Handlungen sind klug und feinfühlig ausgearbeitet. Der Zuschauer erhält zudem einen wundervollen Einblick in ein argentinisches Familienleben und in das dazu entgegengesetzte einsame Leben in Patagonien, «am Rande der Welt«.

Info:


Spieldaten:
Baden: 4. bis 12. Mai
Basel: 15. Mai
Lenk: 1. und 2. Mai
Luzern: 21. August bis 3. September

Links