Gesellschaft | 01.09.2008

Perfektionismus vs. Brief

Text von Ruzica Lazic
Handgeschriebener Brief oder digitale Email-Post? Unsere Redaktorin Ruzica Lazic wollte etwas persönliches Schaffen und versuchte sich in Ersterem. Dabei scheiterte sie an ihrem Perfektionismus.

Gestern wollte ich meinem Namensgenossen etwas schreiben. Da es in diesem Geschreibsel um viel gehen sollte, da ich mich möglichst gut ausdrücken wollte, da es viele Fürs und Wieders gab und ich sowohl meine Schuld eingestehen, als auch mögliche Fehler seinerseits adäquat herausstreichen wollte – beschloss ich ihn, nach seiner Email zu fragen.

Mooment.

Ich wollte also mein Innerstes mehr oder weniger einer Tastatur anvertrauen. Mein Innerstes fühlte sich geborgen inmitten von Getippse und Geklacke, wobei ich doch eher einen unwiderstehlichen Drang verspüren sollte, Papier und Stift hervorzuholen. Dies geschah dann auch. Aufgrund mehrerer Monate Schreibpause fielen die ersten Zeilen auf dem Papier auch dementsprechend zittrig aus. Ich klammerte mich eisern an den Stift wie ein fast Ertrunkener am Rettungsring, stets darauf bedacht, die Sache einigermassen lesbar zu gestalten. Wann hatte ich denn eigentlich das letzte Mal so einen unadministrativen, von Hand geschriebenen Brief erhalten?, fragte ich mich, während ich schon wieder auf die Delete-Taste drück…äh, einen Schreibfehler durchstrich. Ich kam zum Schluss, dass dies auch schon seine zwei Jahre her war. Schlussendlich ist so ein Brief doch ein, wenn auch kleiner, Seelenstriptease; jeder noch so kleine Fehler (oder auch Freudsche Versprecher), lässt sich nicht so leicht spurlos löschen. Da hilft höchstens energisches Durchkribbeln, was auch etwas übermotiviert scheint und wieder Schlüsse ziehen lässt. Und so lautet der erste Satz auch: „So, heute haben wir den 31. August, morgen ist auch schon September und bald fängt die Uni an… übrigens musst du mir meinen lahmen Einleitungssatz verzeihen.“