Gesellschaft | 23.09.2008

Missionsstrasse 47a

Hier landen nur die härtesten der harten Kerle: Schläger, Vergewaltiger, Mörder - zwischen 15 und 18 Jahre alt. Hier wird die politische Floskel Jugendgewalt mit ihrer Realität konfrontiert: Geschlossene Abteilung, Aufnahmeheim Basel.
Dem 15-jährigen Erkan* wird versuchter Mord angelastet. Er sagt dazu unter anderem: "Heute ist es einfach Mode, zu schlagen". Fotos: Johannes Bühler Hinter der Wand die Gewalttäter: Das Aufnahmeheim Basel - vom Quartierspielplatz aus gesehen. Die graden Tramgeleise führen an der Anstalt vorbei (links hinter dem Zaun).

Basel, Missionsstrasse 47a, unscheinbar mitten in einem Wohnquartier, zwischen dem Schlund einer Kaufhaustiefgarage und einer Baugrube: das Aufnahmeheim AHBasel. Zehn Uhr. Als ich ankam, Einertram bis Hegenheimerstrasse, hatte es gerade aufgehört zu regnen. Der Türgriff beim Eingang steht senkrecht nach oben. Eine Klingel, Gegensprechanlage, zwei grellorange Harrassen. Sonst nichts. Graue Stahlwand, in der man eine Luke öffnen kann, um herauszuschauen.

Urs Madörin, 43, seit acht Jahren Sozialpädagoge in der geschlossenen Abteilung im AHBasel, führt durch die langen Gänge. Es riecht nach Heim. Er zeigt die Zimmer – ein tiefes Bett, ein Waschbecken, Gestell mit ein paar Kleidern, ein Fenster mit Gitterstäben. Über dem Bett zwei Graffiti-Zeichnungen auf kariertem Papier, an eine Korkplatte geheftet. Eine Luke in der massiven Türe. Sonst nichts. Hier wohnt Erkan*.

Bushido rappt: Ich bin der König ich töte dich / Warum redest du von Sachen von denen du nichts verstehst / Ich hole tief Luft, atme aus und vereis dich / Fick auf deine Freunde, komm Nutte, beiß mich.

Madörin führt zur Isolationszelle, ins Schulzimmer (es riecht nach ätherischem Öl), in den Essraum (drei Tische, je vier Plätze), in den Aufenthaltsraum, den Kraftraum (ohne Hanteln, nichts frei Bewegliches) und das kleine Kino – drei Filme pro Woche, keine Action, keine Gewalt, erklärt der Sozialpädagoge. Schwieriger sei es bei der Musik, Bushido zum Beispiel. Gewaltverherrlichende Helden der Jungs. Das habe man im Heim noch nicht wirklich unter Kontrolle.

In der geschlossenen Abteilung sind maximal neun Jugendliche untergebracht. Eingewiesen durch den Jugendanwalt. Wegen Gewaltdelikten. Keine harmlosen Sachen. „Wer hier ist, hat seine Geschichte hinter sich“, sagt Madörin. Sie bleiben höchstens vier Monate. Hier wird abgeklärt, was mit ihnen geschieht, werden Gutachten geschrieben. Welche Massnahme? Welche Strafe?

Du bist ein Hund und ich fick dich an die Leine / Komm mit deiner Mama, ich ficke euch beide / Was hast du Spasst ausser Angst? / Runter mit dem Rock, zeig mir jetzt was du kannst.

Erkan ist 15, seit drei Wochen in der „Gschlossne“ an der Missionsstrasse 47a. „Das Letzte war ein Tötungsversuch. … Ich habe einen gestochen und der wäre fast gestorben. Wieso? Er war ein Kollege von mir. Dann wollte er meiner Mutter Geld abzocken. Das hätte ich nie von ihm erwartet. Ich wollte mit ihm reden. Dann machte er so eine Bewegung und ich habe zugestochen. Ich dachte: Entweder ich oder er. Jetzt bin ich hier.“

Erkan spricht langsam. Basler Strassendialekt. Er sieht aus wie ein gewöhnlicher Bub, weisse Farbspritzer im Gesicht, graues Übergewand, farbverschmierte, kräftige Hände, im Schoss gefaltet. Etwas gebeugt sitzt er da, stahlblaue Augen schweifen ruhig im Zimmer herum. Erkan spricht mit tiefer Stimme, spärliche Worte. „Es hat ganz früh angefangen, als mein Vater gestorben ist. … Ich war zehn. … Ich ging auf die Strasse, habe die falschen Leute kennen gelernt. Es ging darum, der Bessere zu sein. Ich begann dreinzuschlagen. Raub. Einbrüche. Verschiedenes. … In der Schule hat es angefangen. … Der Lehrer hat mich immer gut behandelt, als mein Vater noch lebte. … Als mein Vater tot war, hatte er mich immer wieder fertig gemacht. Geschlagen und so. Bis ich ihm einen Stein an den Kopf gab. … Mein Lehrer hat gesagt, wenn man einem eins an den Kopf gibt, macht das nichts aus. … Das ist halt in mein Ohr rein und nie mehr raus. … Heute ist es einfach Mode, zu schlagen. … Wieso? Um zu zeigen, dass man es kann. … Man will der Krasse sein. Dann kriegt man Respekt. … Wenn ich so weiter mache wie bisher, sieht meine Zukunft scheisse aus. … Aber wenn ich mich anstrenge und mitmache, sehe ich schon eine gute Zukunft. Schulabschluss. Eine Lehre anfangen. Ich will Architekt werden. Und irgendwann ein normales Leben mit Familie und so.“

Deine Kerze ist erloschen / Fühlst du den Schmerz, er kommt an wie ein Kuss / Ich töte, ich trinke Blut weil ich muss / Wie kann ich auch anders, Blut heisst leben / Lieben, sterben, kämpfen, nehmen.

Eine halbe Stunde später bin ich draussen. Erkan geht wieder in den Keller, ins Atelier. Wände neu streichen. Verlässt man das Heim, ist man sogleich mitten in der Stadt. Die Tramgeleise führen gerade der Allee entlang, an Plakaten vorbei: „Traumvilla. Zahlen machen Träume wahr“ – „Stopp. Ja zur Einbürgerungsinitiative“. Zwei junge Schüler, im Tram: „Wenn einer die Knarre hinhält und sagt, er will Geld. Was machst du?“ – „In solchen Situationen musst du eben kämpfen, wäisch?“ – „Ja, kämpfen, voll drischla, Selbstwehr, weißt du, auch wenn er tot ist, nachher, der andere, das ist Notwehr, das darfst du, gell?“ – „Ja, voll.“ Sie steigen aus und gehen nach Hause.

Ich schmecke Angst, lecke Schweiß von der Stirn / Schau mein Gesicht, es ist rot / Ich will mehr, ich will Blut / Lauf nicht weg, bleib doch hier – komm und burn / Guter Mann / Hast du Mut?

* Name geändert.