Gesellschaft | 28.09.2008

Lieblingsplätze III: Hauptbahnhof

Unsere Redaktorin Karin Reinhardt mags lebendig. Auch wenn sie dafür ihre Aggressionen zügeln- und ihre Ellbogen einsetzen muss.
Mitte des 19. Jahrhunderts tuckerte hier die "Spanisch-Brötli-Bahn" ein. Heute frequentiert der HB knapp 3000 Zugfahrten pro Tag.
Bild: Karin Reinhardt Schon manche Liebesgeschichte nahm hier ihren Anfang: "Wir treffen und dann beim Treffpunkt".

Zürich verfügt über tausende schöne Plätze. Man denke da nur ans Seebecken. Oder die Limmat. Oder beides. Schon mal auf der Quaibrücke gestanden und sich einmal um die eigene Achse gedreht? Wenn die Sonne scheint, hinter der Pfnüselküste die Alpen blitzen, die Kirchentürme von Schäfchenwolken umgarnt werden, dann wird auch der Letzte zum angefressenen Lokalpatrioten.

Aber heute soll’s nicht um Zürichs zahlreiche schöne Plätze gehen, sondern um meinen Lieblingsplatz. Und das ist ganz definitiv der Hauptbahnhof. Hier tobt das Leben Tag und Nacht und ich wage zu behaupten, dass man im HB locker einige Wochen leben könnte. Wären da nicht die mühsamen Security, die einem einsammeln, wenn man sich kurz hinsetzen will. Der HB ist nämlich Privatgrund (wem genau er gehört? – keine Ahnung) und sich hinsetzen ist per Hausordnung verboten. Aber auch wenn dieser Bahnhof im Besitz von jemand Bestimmten ist – eigentlich gehört er allen. Den Zürchern sowieso. Aber auch allen anderen, die ihn besuchen. Der HB mit seinem eigenen Shoppingcenter. Mit seinen hundert Eingängen. Mit dem Treffpunkt. Morgens komme ich an den HB, kaufe im hinteren Migros einen Kaffe Latte und ein Gipfeli und stürze mich ins Getümmel der Reisenden. Nicht immer ganz einfach, sich einen Weg in den vordersten Sektor zu bahnen. Da wird ge’ellbögelt und giftige Blicke ausgetauscht. Am Abend die ganze Geschichte in umgekehrter Fahrtrichtung. Wenn man abends um 6 Uhr gegen den Menschenstrom im HB schwimmt, dann setzt sich auch der entspannteste Mensch mit seinen Aggressionen auseinander.

Beruhigen kann einem in diesem Moment nur noch eine Bratwurst aus einer der verschiedenen Imbissbuden in der Halle. Dort trifft man mit Sicherheit auch auf die alte Frau mit ihrem Rollstuhl. Wie jeden Tag steht sie in der alten Bahnhofshalle und betet für die Reisenden. Diese danken es ihr kaum, sind sie doch alle beschäftigt mit ihrem eigenen Päckli. Mit Rollkoffern und Rucksäcken. Mit Aktentaschen und Papiertüten. Am HB treffen Luxusreisende auf Backpacker, Bürogummis auf Punks, Hausfrauen auf Emos. Und jeder hat einen Grund, warum er hier ist. Denn der HB ist für alle da und genau darum mein Lieblingsplatz in Zürich. Weil er für jeden Platz hat. Weil er tolerant ist. Weil er die Menschen nimmt, wie sie sind.

Lieblingsplätze


In der Serie "Lieblingsplätze" präsentiert Tink.ch in loser Reihenfolge besondere Orte in allen grösseren Schweizer Städten, ausgewählt von unseren Reporterinnen und Reportern. Hast auch du einen Lieblingsplatz, den du hier gerne vorstellen möchtest? Dann melde dich bei lena.tichy@tink.ch