Gesellschaft | 23.09.2008

Lieblingsplätze II: Bellevue

Wie es der Name sagt, bietet sich am Zürcher Bellevue eine schöne Aussicht. Allerdings nicht unbedingt auf Berge und grasende Kühe, sondern auf Menschen, die jeden Tag neue Geschichten schreiben.
Tag und Nacht in Bewegung: Die Menschenmassen am Zürcher Bellevue. Fotos: Martin Sturzenegger

Zürich ist teuer. Es wird gelästert, Zürich sei eine der teuersten Städte weltweit. Doch um sich in der Limmatstadt sinnvoll die Zeit zu vertreiben, braucht es nicht zwingend Geld. Wer sich Entertainment der feissesten Popcorn-Klasse reinziehen will, der kann dies – und zwar gratis. Man folge dem Paradoxon und setze sich an einen der teuersten Plätze auf Zwingliboden und folge kostenlos einem treibenden Szenario. Das Bellevue im Herzen der Stadt bietet Unterhaltung, besser als jede TV-Soap.

Dienstag Abend 18:04: In der Abendsonne setze ich mich auf die hölzerne Bank des Bellevue-Rondells. „Na? Du gönnst dir wohl ein Feierabend-Bier“ fragt mich der korpulente Obdachlose neben mir. Tatsächlich sehe ich mit umgehängter Laptop-Tasche und den Puma-Turnschuhen nicht gerade aus wie einer seiner Artgenossen, doch anscheinend auch nicht edel genug, um allfällige Hemmschranken seinerseits zu entwickeln. „Jaja, das ist mein wohlverdientes Feierabend-Bier“ entgegne ich wie selbstverständlich und verschweige ihm, dass ich an diesem Wochentag 1. nicht vor Mittag aus den Federn gekommen bin und 2. mir normalerweise das Bier nicht zum Feierabend gönne, sondern dann, wann ich eben Lust habe.

18:13: Um dem Mundgeruch des Obdachlosen auszuweichen, drehe ich meinen Kopf auf die andere Seite. Gerade hält das Tram Nr. 2 und eine Horde von Leuten strömt aus dem blauen Gefährt. Stossverkehr. Eine alte Dame mit Mary Poppins-Bekleidung und einer Haarfarbe, die ins Violette sticht, läuft zielsicher zum Billetautomaten in der Mitte des Rondells. An der silbernen Messingstange deponiert sie einen Kleiderbügel mit gelbem Pullover dran. Im Stile einer Stabsübergabe eines Staffelsprinters, läuft sie in horrendem Tempo weiter und kriegt gerade noch Tram Nr. 9, das auf der gegenüberliegenden Seite in Richtung Bürkliplatz davon düst.

18:16: Das Bellevue erlebt um diese Zeit seine stressigste Phase. Hunderte von Geschäftsleuten, Einkaufenden, Schlendernden, Müssiggängern, Velofahrern oder Skatern hinterlassen ihre unwichtigen Spuren auf dem jahrzehnte alten Steinboden. Hunde kacken und Leute spucken doch das Bellevue verharrt in stoischer Ruhe. Gerade läuft ein adrett gekleideter Herr auf mich zu. In seiner Hand hält er Dokumente und einen Kugelschreiber. „Wenn sie für die Verbilligung von Wohnungsmieten sind, dann unterschreiben sie bitte hier.“ Währende ich meine Initialen aufs Papier kracksle ohne das Kleingedruckte auch nur überflogen zu haben, frage ich mich, weshalb sich dieser Herr für eine solch studentische Tätigkeit in Schale und Lackschuhe wirft. Steckt er etwa unter einer Decke mit dem grauhaarigen Herrn da drüben, der in seinem grauen Trenchcoat und mit durchleuchtendem Blick das Bellevue seit 10 Minuten auf und ab läuft?

18:20: Ich beschliesse mir meine paranoiden Gedanken mit Essen zu vertreiben. Gleich auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht der Sternengrill. Im Sternengrill gibt’s die Stadtweit besten Bratwürste (oder Schweizweit? Zwischen meinem Bruder und mir ist aufgrund dieser Frage einst ein veritabler Bratwurstkrieg ausgebrochen). Die in Schweizer-Darm gehüllten Fleischerzeugnisse werden mit „Goldbürli“ und „satanisch scharfem“ Dijon-Senf serviert. Bereits für CHF 6.50.- gehört man zur High-Society der Zürcher Bratwurstszene.

18:34: Mein Obdachloser Banknachbar wünscht mir guten Appetit und einen schönen Rest des Feierabends. Er schenkt mir die 20 Gratiszeitungen, die er im Verlaufe des Tages gesammelt hat. Ich bedanke mich und während sich mir der scharfe Dijon-Senf in die Hirnrinde frisst, stelle ich fest, dass der gelbe Pullover nicht mehr am Billetautomaten hängt. Auch der Mann mit dem grauen Trenchcoat ist verschwunden, geschweige denn der (zu) gut gekleidete Herr mit der Mietzins-Petition. Ich wittere Verschwörung.

18:40: Um meinen paranoiden Gedanken endgültig den Gar auszumachen, beschliesse ich, mich in die abendlichen Fluten des angrenzenden Zürichsees (oder Zürichersees, wies die Deutschen zu sagen pflegen) zu stürzen. Denn erst beim Schwimmen zwischen Zürcher Seepolizeibooten und aggressiven Schwänen entfaltet sich einem die ganze Pracht der Zwinglistadt. Und das Bellevue nebenan; der Treffpunkt der verschiedensten Gesellschaftsschichten von reich und arm, von gestresst und gelangweilt, Cervelat-Prominenz und Bratwurst-Society, von Freimaurern und CIA…ok, ich hör schon auf, zieh mich an und nehme das nächste Tram.

Lieblingsplätze


In der Serie "Lieblingsplätze" präsentiert Tink.ch in loser Reihenfolge besondere Orte in allen grösseren Schweizer Städten, ausgewählt von unseren Reporterinnen und Reportern. Hast auch du einen Lieblingsplatz, den du hier gerne vorstellen möchtest? Dann melde dich bei lena.tichy@tink.ch