Gesellschaft | 30.09.2008

„Gewalt ist erlernt – und umlernbar“

Urs Madörin, Sozaialarbeiter im Aufnahmeheim Basel, betreut die eingewiesenen Jugendlichen. Im Interview erklärt er, weshalb härtere Strafen nichts bringen und was das einzige wirksame Mittel gegen Jugendgewalt ist: Ehrlichkeit.
Urs Madörin, Sozialarbeiter: "Gewalttäter haben oft ein tiefes Selbstwertgefühl". Fotos: Johannes Bühler Der Eingang der Geschlossenen Abteilung des Aufnahmeheims in Basel.

Urs Madörin, Sie arbeiten mit Jugendlichen, die mit Routine schwere Gewalttaten begingen. Sie betreuen diese Buben, gehen auf sie ein, trainieren ihr Verhalten, wollen etwas bewirken – wozu der ganze Aufwand? Bringt das überhaupt etwas?

Dass diese Jugendlichen Gewalt anwenden, hat oft damit zu tun, dass keine Empathie gegenüber den Opfern da ist. Ich sehe meine Arbeit daher auch im Schutz der Opfer. Die Idee ist, dass ein Jugendlicher später keine Delikte mehr begeht.

Ist die Situation nicht ohnehin trostlos: Jemand, der hierher kommt, wird ein Leben lang kriminell bleiben?

Es wäre schade, wenn es so wäre. Zum Glück ist es nicht so. Gewalt ist etwas, was gelernt wurde. Der Mensch kommt nicht als Gewalttäter zur Welt und es gibt auch keine Gene, die sagen: Du wirst Gewalttäter. Das Verhalten wurde irgendwo gelernt. Das heisst für mich: Wenn es gelernt ist, ist es auch umlernbar.

Sie können also etwas bewirken?

Durchaus. Wer als 14-Jähriger hierher kommt und ein halbes Jahr hinter geschlossenen Türen verbringt, der hat ein sehr intensives Erlebnis. Auch die Gespräche, die wir mit den Jugendlichen führen, haben einen sehr grossen Einfluss. Ein Gewalttäter rechtfertigt seine Gewalt immer: Er hat einen Grund, warum. In der Regel spricht er auch nicht von einem Opfer, sondern von einem Gegner. Unsere Arbeit besteht darin, diese Rechtfertigungen zu demaskieren. Den Jugendlichen dazuzubringen, sich zu fragen, wieso er sich so verhält. Meistens ist nämlich nicht viel Bewusstheit dahinter.

Und das in vier Monaten?

Natürlich können wir nicht so schnell die Verhaltensweise der Jugendlichen verändern. Dafür braucht es mehr Zeit. Was wir hier bewirken können, ist, dass die Jugendlichen lernen, sich anzupassen. Ich muss dann beurteilen: Ist einer saugefährlich? Absolut skrupellos? Null Einfühlungsvermögen? – In sehr schweren Fällen kann das natürlich schon bedeuten, dass ein Jugendlicher später verwahrt wird. Aber seit ich hier bin, geschah das in etwa fünf von gut 400 Fällen. Das sind die wenigsten.

Wie können Sie denn die anderen Gewalttäter von ihrem Verhalten abbringen?

Ich trainiere das Verhalten der Jugendlichen. Bringe sie in Situationen, in denen sie sich überlegen müssen: Wie verhalte ich mich? Ich konfrontiere sie mit ihrem Verhalten und sage, was ich davon halte. Da kann emotional einiges abgehen. Er rechtfertigt sich, versucht auszuweichen, verheimlicht seine Phantasie – und ich rücke ihm auf die Pelle. Da beschönige ich nichts. Da kann ich auch sagen: Weißt du was? In dem Moment warst du eine absolute Drecksau. Diese Dinge bringen den Jugendlichen schon dazu, dass er anfängt zu denken.

In der aktuellen politischen Diskussion werden oft zu milde Strafen als Ursache für die Jugendgewalt genannt…

Das sehe ich nicht so. Die Frage stellt sich vielmehr: Wo in der Gesellschaft wird Gewalt bagatellisiert? Wenn Jugendliche mit 14 hierhin kommen und ich in den Akten lese, was schon alles geschehen ist, dann frage ich mich: warum hat man so lange gewartet? Das hat etwas mit unserem sozialen Netzwerk zu tun. Es ist löcherig geworden. Die Gesellschaft hat sich so stark verändert, dass unsere Strukturen nicht mehr halten. Man verpasst es oft, rechtzeitig hinzuschauen. Man wartet immer, bis so viel Leid um den Jugendlichen passiert ist, dass man sagt: Jetzt muss etwas gehen. Ich denke, man könnte das Problem deutlich vermindern, indem man rechtzeitig hinschaut, wenn Gewalt gelernt wird.

Sie arbeiten jetzt acht Jahre in diesem Bereich – sind Sie der Meinung, dass das Gewaltverhalten von Jugendlichen zugenommen hat und aggressiver wurde?

Das ist schwierig zu sagen. Als ich vor acht Jahren begann, war das auf der politischen Bühne kein Thema, man hatte das nicht wahrgenommen. Wir haben schon damals versucht, im Präventionsbereich zu arbeiten. Wir sagten: Wenn man nichts macht, muss man sich nicht wundern, wenn etwas passiert. Aber das wurde überhört. Mit dem Erfolg der SVP wurde dann das Thema Jugendgewalt politisch entdeckt.

Aber es ist kein neues Problem.

Überhaupt nicht. Auch nicht was die Brutalität betrifft. Wir hatten schon vor acht Jahren solche Fälle, wo äusserst brutal zugeschlagen wurde. Das ist überhaupt nichts Neues.

Was sind das denn für Jugendliche, die ein solches Gewaltpotential aufweisen?

Die meisten haben ein relativ schwaches Selbstwertgefühl. Sie können nicht sagen, wer sie sind. Wenn ich frage: Was sind deine Stärken?, dann kommt vielleicht: „Ich kann gut Fussball spielen und ja…, mehr weiss ich auch nicht.“ Hier merkt man: Sie hatten sehr wenig Möglichkeiten, sich selber zu reflektieren.

Das ist nicht, was man von einem Gewalttäter erwarten würde…

Nein, natürlich nicht, das ist eben was er kompensiert. Wenn Jugendliche Delikte begehen, sind sie oft in einer Gruppe. Und wer einen tiefen Selbstwert hat, muss den anderen ja irgendwie beweisen, dass er auch etwas drauf hat. Viele sind ausserdem Schulversager. Sie haben keinen Erfolg in der Schule und können ihn nur durch ihr Verhalten erlangen. Indem sie cool sind, sich aufspielen und der Gangster sein wollen. Die Delinquenz ist dann das Einzige, womit sich diese Jugendlichen beweisen können.

Wie kann man also aus Ihrer Sicht der Jugendgewalt einen Riegel vorschieben?

Als erstes braucht es Ehrlichkeit. Ehrlichkeit heisst zum Beispiel: Hinschauen und sehen, was überhaupt dahinter steckt. Zweitens braucht es ganz klar mehr Prävention: Die Jugendlichen mit ihrem Verhalten konfrontieren, bevor sie dreinschlagen. Das braucht Geld. Aber Massnahmen kommen viel teurer. Man kann natürlich sagen: Dann sperren wir die ein. Man kann sie auch zehn Jahre einsperren. Aber die sind auch nicht gratis, die zehn Jahre. Das wird zigtausend Franken kosten. Mit dem Nachteil, dass jemand sehr lange in Haft ist, ohne dass er irgendwie davon profitieren könnte. Stattdessen wird er darauf vorbereitet, eine Knastkarriere zu machen. Ich bin immer ein Freund von dem, der sagt: Strafe muss sein. Aber es braucht eben auch eine Förderung dazu.