Kultur | 15.09.2008

Elektrofeuer im Dachstock

Die Reithalle in Bern stand letzten Freitag ganz im Zeichen des Elektrorocks. Die Shows von Poni Hoax aus Frankreich und den Engländern Fujiya & Miyagi war mehr als nur Ärmelkanal-übergreifend.
Fotos Band: Martin Sturzenegger Fotos Club: Clubhomepage

Die Reithalle in Bern versprüht einen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann. Alte Gebäude aus Backstein bilden ein Refugium für Alternativkultur. Was für Zürich die Rote Fabrik, das ist für Bern die Reithalle – die Hüter des heiligen Kultur-Grahls. Nichts von kommerziellem Ausverkauf, keinerlei Verdacht auf klinisch tote Grossraumdissen-Romantik; Dafür riecht es dann schon mal verdächtig nach menschlichem Urin und abgestandenem Bier. Doch wo die Kultur von Herzen kommt darf es ruhig auch ein bisschen „menschelen“.

Letzten Freitag fühlte die Reithalle auf den Zahn der Zeit, indem sie mit einer Doppelpackung, der aktuell wohl angesagtesten Musikrichtung aufwartete: Mit den Franzosen Poni Hoax und den Engländern Fujiya & Miyagi spielten zwei der hoffnungsvollsten Vertreter der alternativen Eletronica-Szene. Elektro-Pop, Emotronic, Indietronic oder wie man diese ungemein hippe Kreuzung aus fiepender  Elektro-Spielerei und alternativem Rock auch bezeichnen will.

Lokale Kost zur Vorspeise

Dass sich die angereisten Zuschauer auf einen langen Abend einstellen durften, zeigte sich daran, dass die Berner Vorband Labrador City erst um 23 Uhr mit ihrem Set begann. Die junge Formation spielt soliden und äusserst tanzbaren Indierock. Ihr charakteristisches Markenzeichen: Die hohe Stimme des Sängers, die ziemlich stark an diejenige von Nathan Willet der amerikanischen Band Cold War Kids erinnert. Der Wiedererkennungswert dürfte den Bernern schon mal auf sicher sein.

Messlatte hoch gesetzt

Ebenfalls grossen Wiedererkennugswert geniesst der Name der nachfolgenden Band (wenn man ihn denn aussprechen kann): Fujiya & Miyagi. Die vier Engländer schimpfen sich, abgeleitet von Charakteren aus dem Karate Kid-Movie, asiatisch, ihre Musik erklingt aber „very british“. Aus dem südenglischen Brighton stammend, ist ihnen die Elektromusik schon beinahe mit dem Kindsschoppen verabreicht worden, gilt die Stadt am Ärmelkanal nicht erst seit Fatboy Slim als Hochburg für synthetisch produzierte Musik. Repetitiv, monoton, überaus Tanzbar und in der Grundästhetik derjenigen von Joy Division nicht unähnlich lieferten Fujiya & Miyagi ein ekstatisches Set ab. Den Franzosen von Poni Hoax dürfte es ob dieser begeisternden Vorband-Performance etwas mulmig geworden sein. Angelehnt an Monti Phyton sagten sie sich wohl: «Ihrrr vrdammten schäiss engländrrr..!«

bis in den Morgen hinein

Doch wahrscheinlich waren sie ihnen auch dankbar. Denn als Poni Hoax um 1 Uhr Morgens endlich auf die Bühne kamen, brauchte es nicht viel Zeit um das Publikum zu begeistern. Die Stimmung war geeicht und die Leute grösster Erwartung auf die Neo-Hits der Franzosen: Antibodies, Hypercommunication oder das ungemein euphorische Pretty Tall Girls. Mit einem Sänger der in seiner optischen Arroganz durchaus mit der eines Strombergs schritthalten kann, spielten Poni Hoax von Beginn weg ein energievolles Set. Ungewohnt rockig mit einem Schlagzeuger, der auch auf dem Kopfstand noch die wildesten Kapriolen hätte schlagen können, hielten die Franzosen das Publikum bis 3 Uhr morgens in ihrem Bann. Fujiya & Miyagi dürften sich derweil hinter der Bühne gesagt haben: «Ihr shice Franzosen..!«

Poni Hoax befinden sich momentan auf einer ausgedehnten Europatournee und kehren später nochmals in die Schweiz zurück. Am 18. Dezember spielen sie im Lausanner Club «Le Romandie«. Wer in Bern verpasst hat, müsste sich dieses Datum in seiner Agenda fett anstreichen.

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