Gesellschaft | 21.09.2008

Eine Region der Gegensätze

Wer Südostasien bereist, macht seine ersten Schritte häufig in Singapur. Nur wenige Kilometer von der Metropole entfernt, liegen Ortschaften wie Sumatra oder Kambodscha - verschiedene Welten, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten.
Das Erscheinungsbild von Singapur strahlt viel Selbstvertrauen aus. Fotos: Stefanie Pfändler In Singapur ist nur das erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Esswaren gelten bei den verschiedenen Bevölkerungsschichten als Identifikationsmerkmal. 200 Kilometer von Singapur entfernt wird mit dem Ochsen geackert. Vulkan Merapi in Sumatra.

Singapur ist eine Marke, ein Objekt und ein künstliches Produkt. Und das will verkauft werden. Allein der Flughafen ist eine Demonstration der Kapazitäten. Marmor, Glas, Springbrunnen und riesige Schlingpflanzen, die sich um die glänzenden Pfeiler winden, begrüssen die Ankömmlinge. Die Potenz der Stadt soll jedem sofort klar sein und ihre Spielregeln genauso: In Singapur ist nur das erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist. Singapur ist steril. Und umweltbewusst. Angefangen beim Kaugummiverbot (zu lange Halbwertszeit) hält es seine Bürger und Besucher an, nichts auf seinen Strassen zu hinterlassen ausser den eigenen Fussspuren. „Littering“ (das Liegenlassen von Müll) wird mit hohen Bussen bestraft, die Zulassung für ein Auto kostet so viel, dass es sich kaum jemand leisten kann – ein Taxifahrer bezahlt über 100 Dollar pro Tag für sein Fahrzeug. Trotzdem kostet eine durchschnittliche Fahrt kaum vier Dollar, die Konkurrenz ist gross. Noch billiger ist nur noch das SMRT. Die Singapurer Hochbahn ist gut ausgebaut, wirbt mit dem Slogan „Go green with SMRT“ und ist durch und durch umweltneutral. Die Tickets sind nicht aus Papier, sondern kleine Plastikkarten, für die man beim Kauf einen Dollar Pfand bezahlt. Singapur hat seine Menschen gut erzogen. Und es ist täglich dabei, diese Erziehung zu optimieren.

Die Opposition wird stummgeschaltet

Zwar ist Singapur eine parlamentarische Republik, deren Präsident alle sechs Jahre vom Volk gewählt werden sollte, doch in der Vergangenheit ist diese Wahl mehrfach ausgefallen – aus Mangel an Kandidaten, weil die Wahlkommission nur einen akzeptiert hatte. Und so sitzt die People’s Action Party (PAP) seit Jahrzehnten gemütlich und unangetastet auf den Chefsesseln, die genausogut in den Büroräumen einer grossen Firma stehen könnten. Wer in Singapur Kritik äussert, wird stummgeschaltet. Nicht mit Gewalt, viel subtiler: In den Wohnhäusern fahren die Fahrstühle zufällig nur jene Stockwerke an, deren Bewohner bei der letzten Wahl die Regierungspartei gewählt haben. Oder: Trotz einem Stimmenanteil von immerhin 30 Prozent hat die Oppositionspartei nur zwei von 84 Sitzen im Parlament. Doch warum meckern, scheinen sich die Singapuri zu fragen. Wo Probleme sind, werden sie gelöst. Auch wenn sie bewusst konzipiert wurden. So kann Wohnen beispielsweise sphärisch teuer sein in Singapur. Doch kein Problem: Der Staat sorgt dafür, dass jeder ein Zuhause findet. Wo ist der Haken? Ziemlich simpel: Wer in jungen Jahren eine Wohnung „kauft“, tut dies automatisch für 99 Jahre und aus dem Geld seiner Pensionskasse. Mit 65 steht er also nicht auf der Strasse, hat aber auch keinen Pfennig übrig. Kürzlich zeigte sich die Regierung daher grosszügig und erlaubte den Taxifahrern, bis zu einem Alter von 75 statt nur 63 Jahren zu arbeiten. 

Singapur ist mit Sicherheit das einzige Land der Welt, das seinen Namen wie ein Produkt vermarktet. Auf jedem Mülleimer, auf jeder Werbetafel, auf jedem noch so kleinen Alltagsprodukt prangt der Namenszug „Singapore“, als wolle die Stadt seine Bewohner daran erinnern, wie viel sie ihnen ermöglicht, wie präsent sie überall ist. Nicht ganz unbegründet: Wer sich an einer beliebigen Stelle innerhalb der Stadtgrenzen umschaut, ertappt sich unweigerlich bei einem einzigen Gedanken: „Wow!“ Die Hochhäuser glänzen sauber in der Sonne, ihre Kanten abgerundet durch das viele Grün, das die Stadt bevölkert. Überall ranken sich Pflanzen den Wänden nach aufwärts, riesige Bäume, halbe Wälder säumen die Strassen und Plätze. Es ist eine Stadt, die die Natur zuzulassen statt zu beschneiden scheint.

Jeder Kultur ihr Viertel

Wer sind die Singapuri? Es sind Chinesen – vor allem Chinesen – aber auch Malayen, Indonesier und Inder. Es sind die Expats, wie sie genannt werden, die Europäer und Amerikaner, die für gut bezahlte Jobs und den hohen Lebensstandard nach Singapur ziehen. Die Chinesen haben ihr Chinatown, die Inder ihr Little India. Sie haben die eigene Welt nach Singapur transferiert und sie dort in einer saubereren und perfektionierteren Form wieder aufgebaut. Vieles definiert sich über das Essen. Riesige Hawker-Zentren bieten den jeweiligen „local food“ an – die Menschen bleiben bei ihren Traditionen. Doch auch die Kolonialherren haben Spuren hinterlassen: Im Colonial District reihen sich mächtige Wolkenkratzer an alte Handelshütten und erwecken den Anschein von Geschichtsträchtigkeit.

Und überall ist die Religion. Die chinesischen Glaubenslinien existieren in Singapur ganz selbstverständlich neben dem Christentum, Buddhismus und Hinduismus. Überall säumen Tempel die Strassen, die sich seltsam harmonisch in das moderne Stadtbild einfügen. Betritt man eine solche Oase, ist man sofort eingehüllt von einer duftenden Welt, die aus einem anderen Jahrhundert zu kommen scheint.

Sumatra wartet auf seine verlorenen Kinder

Eines jener vergangenen Jahrhunderte scheint man auch zu betreten, sobald man die indonesische Grenze südlich Singapurs passiert. Während auf Bali und Lombok junge Menschen unbekümmert mit Papas Kreditkarte Party feiern, kehrten die Touristen Sumatra in den letzten Jahren den Rücken. Drei Gründe nennen die Einwohner für diese Entwicklung: „Der Tsunami, der Terrorismus und die Erdbeben“, sagen sie. „Die Touristen haben Angst.“ Und so bleibt den Indonesiern nichts als das Warten. Sie sitzen an den Strassenrändern, vor ihren Hütten und leeren Hostels und winken den wenigen Westlern zu, die an ihnen vorbeifahren. Ganze Dörfer bestehen in Sumatra nur aus Hostels, Restaurants und Souvenirläden – ein Relikt aus Zeiten, als Sumatra noch hoch im Kurs stand und alle Karten auf den Tourismus setzte. Heute sind sie alle leer, die Fenster klappern im Wind und die Dächer bekommen langsam Löcher. Ihre Besitzer stehen daneben und lachen. Der Mut ist der letzte, der Sumatra verlassen wird.

Anders als in Singapur meldet sich die indonesische Regierung nur dann zu Wort, wenn Geld zu machen ist. Dafür wird dann durchaus ein alter Friedhof zugunsten einer Villa einige hundert Meter weiterverschoben. Doch grundsätzlich gilt: Die indonesischen Inseln werden insofern föderalistisch regiert, als dass sie einfach sich selbst überlassen werden. Und so kommt die Subsistenzwirtschaft zum Greifen. Die wenigen Touristen, die in die Dörfern kommen, werden unter Freunden weitergegeben, die Hostels bieten Touren an, die ihre Verwandten führen. Die Felder werden von Familien und ihren Ochsen bewirtschaftet. Manche bauen Zucker an, andere Kaffee, jene Reis. Sie leben eingerahmt von einer malerischen Landschaft, dem Urwald, den Vulkanen und ihren Reisfeldern und scheinen sich nicht um das Morgen zu sorgen. Wenn die braungebrannten Männer sich gegen den Spaten stemmen, der von einem bulligen Ochsen durch den Dreck gezogen wird, um den Boden umzupflügen, während ihre Frauen am Fluss ihre Wäsche waschen, denkt man mit Unglauben an jene sterile Welt in Singapur, die kaum 200 Kilometer entfernt ist.

Die Fortsetzung dieser Reportage erscheint am Montag 29. September auf Tink.ch