Gesellschaft | 15.09.2008

Die Mauer bröckelt

Text von Edith Truninger | Bilder von Edith Truninger
Eine "Versklavung des Geistes" mittels Festanstellung muss nicht sein: Die digitalisierte Welt erlaubt neue Arbeits- und Lebensphilosophien, die bisher nicht möglich waren. Doch nur für eine bestimmte Bevölkerungsschicht.
Bild: Edith Truninger

Die undurchdringliche Mauer namens Festanstellung bekommt im Buch „Wir nennen es Arbeit“ feine Risse. Holm Friebe und Sascha Lobo wagen einen tiefen Blick in die Seele des arbeitenden Menschen. Dabei stellen sie sich auch die aufdrängende Frage:  Wozu braucht es die Festanstellung?

Arbeiten um zu leben, oder leben um zu arbeiten? Arbeiten um zu leben natürlich!, befinden Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ einhellig. Die digitale Bohème besteht aus einer losen Gruppe von künstlerisch Tätigen in Berlin und anderswo, die der Festanstellung den Rücken gekehrt haben. Sie bilden winzige Ich-AG’s, die mit grossem Idealismus an ihren eigenen Projekten arbeiten und diese mittels Brotjobs querfinanzieren. Das einzige, das sie in ihre Kleinstfirma investieren, ist die eigene Arbeitskraft. Bei den digitalen Bohemiens verzahnen sich Freizeit und Arbeit ineinander. Vor allem jüngeren, gut ausgebildeten Fachkräften bietet dieses Lebensmodell neue Chancen zur individuellen Entfaltung.

Versklavung des Geistes

Die Festanstellung hingegen empfinden Friebe und Lobo als Versklavung – nicht etwa wegen dem immer gleichen Abspulen der Tage, sondern wegen einer perfiden Form von Erpressung, die sie in der Welt der Festanstellung geortet haben: Die Firma „erkaufe“ sich mit diversen Vorzügen wie bezahlte Ferien oder Sozialleistungen die Loyalität ihrer Mitarbeiter. Eine Versklavung des Geistes, sozusagen. „Lässt man von einer Firma alles weg, was eine Firma unerträglich macht, kann eine eigene Firma eine prima Sache sein“, schreiben die Autoren.

Aber auch vor Selbstkritik scheuen die Co-Autoren nicht zurück. So räumen sie zum Beispiel ein, dass diese „moderne“ Lebens- und Arbeitsform nur für einen Teil der Gesellschaft überhaupt lebbar ist, weil sie keinerlei finanzielle Absicherung garantiert. Wer zum Beispiel Kinder zu versorgen hat, kann sich ein solches Lebensmodell schlicht nicht leisten.

Im Dschungel der Details

„Wir nennen es Arbeit“ ist ein modernes und unorthodoxes Sachbuch, das einen schwer einzugrenzenden Stoff zum Thema hat. Als Leser merkt man dem Buch an, dass sich die Autoren lange und eingehend mit der Thematik auseinandergesetzt und einen beachtlichen Rechercheaufwand betrieben haben. Doch genau das macht auch die eigentliche Schwäche des Buches aus: Die Autoren scheitern an ihrem Anspruch, die Grundidee und ihre Anhängerschaft zu beschreiben, mit Zahlenmaterial zu untermauern sowie Geschichten erzählen zu wollen. Man verliert sich im Dschungel der Details, weniger wäre bestimmt mehr gewesen. Dabei ging vergessen, was gerade bei einem solchen Thema essentiell wäre: Den Leser zu verführen und seine Begeisterung für das neue Lebensmodell zu wecken.

Zum Buch: „Wir nennen es Arbeit – Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“ ist im Jahr 2006 im Heyne Verlag erschienen. Neuauflage im Juni 2008. Preis: 16.90 Franken

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