Gesellschaft | 30.09.2008

Der Kampf gegen die Roten Khmer

Nach Singapur und Sumatra bereiste unsere Tink.ch-Reporterin Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh. Im zweiten Teil ihrer Südostasien-Reportage erzählt sie vom Schrecken und der Schönheit, die sie dort gefunden hat.
Die junge Generation in Kambodscha ist dem Krieg entkommen. Fotos: Stefanie Pfändler Die Tempel von Anngkor sind kunstvoll aus Sandstein gehauen. üppige Vegetation schlingt sich um die Götterbauten. Informationsschilder weisen auf die Minenkatastrophe hin. Kinder bitte um eine Spende.

Von Singapur aus gegen Norden, vorbei an Malaysia und Thailand, betritt man in Kambodscha ein Land, in dem geteerte Strassen zu staubigen Pfaden, Häuser zu Blechhütten und die Vergangenheit zur Gegenwart wird. Das kleine Land hat spürbar mit dem Erbe einer der gewaltsamsten Geschichten zu kämpfen, die unser Planet zu bieten hat. Bereits in der Kolonialzeit in diverse Grenzkonflikte verwickelt, als Thailand sich mit den französischen Besetzern um Kambodschas westliche Grenzregionen stritt, setzten sich die Streitigkeiten während des Indochinakriegs fort. Obwohl der damalige König sich inmitten des Tumults zwischen den ideologischen Blöcken um Neutralität bemühte, blieb für Kambodscha letztlich nur die Rolle eines Kollateralschadens übrig.

Als sich in den Sechzigerjahren die Roten Khmer zu formieren begannen, eine kommunistische Guerillatruppe, war die Zukunft Kambodschas besiegelt. Im Laufe der langen Bürgerkriegsjahre gewannen sie an Stärke und Anhängerschaft und als die Regierungsarmee komplett von Nordvietnam überlaufen wurde, übernahmen die Roten Khmer die Rolle der Befreier. Am 17. April 1975 besetzen 20.000 ihrer Soldaten die Hauptstadt Phnom Penh. Ihr Durchschnittsalter betug 13 Jahre.

Die Schule wurde zur Folterkammer

Obwohl die Roten Khmer von der Stadtbevölkerung mit Begeisterung und Jubel als ihre Befreier empfangen wurden, befürchteten diese einen Aufstand. Innerhalb von drei Tagen wurde Phnom Penh zur Geisterstadt. Die Besetzer deportierten alles aufs Land, auf die Felder, hinein in ein Leben voller Arbeit und Angst, das die wenigsten überlebten. Drei Tage. Und gleichzeitig standen die ersten Gefängnisse bezugsbereit. Das S21 im Zentrum Phnom Penhs, eigentlich eine Schule, wurde zur Folterkammer und zum Deportationszentrum umgebaut. Bücher zu besitzen oder lesen zu können reichte, um verhaftet zu werden. Die Gräuel, die in den nächsten vier Jahren vollzogen wurden, sind in keiner Weise fassbar. Kinder und Babies wurden vor den Augen ihrer Müttern so lange gegen Bäume geschlagen, bis ihnen die Schädel aufplatzten, Männer gefoltert, Frauen vergewaltigt und erschlagen. Erschlagen – um Munition zu sparen. In knapp vier Jahren brachten die Khmer Rouge schätzungsweise drei Millionen Kambodschaner um. Sie zerstörten eine Bevölkerung und ein ganzes Land.

Tempel aus Sandstein

Doch da ist auch noch die andere Vergangenheit. Jene der grossen Könige, die von sich selbst gerne behaupteten, Götter zu sein. Nicht ganz unbegründet, wenn man bedenkt, dass die Stadt Angkor Thom bereits im achten Jahrhundert eine Million Menschen beherrbergte. London zählte damals knapp 50 000 Einwohner. Die Steine wurden auf Flossen aus den Bergen herbeigeschifft, die zahlreichen Wandmalereien und Verzierungen mit viel Feingefühl und Kunstfertigkeit vorgenommen. Jede einzelne mit einem spezifischen Sinn und Hintergrund. Mit Angkor Wat und Angkor Thom im Zentrum gibt es noch heute Hunderte von Tempeln, allesamt aus Sandstein, die meisten in Einzelteile zerbrochen, viele von Vegetation überwuchert.  Die Natur holt sich Schritt für Schritt zurück, was der Mensch ihr genommen hat. Es ist ein Bild, das irgendwie alles relativiert, das trotz allem zeigt, dass eine gewisse Natürlichkeit unaufhaltbar bleibt.


Der Boden voller Minen

Und doch: Viele der Tempel sind längst nicht mehr einfach nur Tempel. Sie wurden in den letzten Jahrzehnten in Grabstätten und Denkmäler verwandelt. Überall stehen Vitrinen mit Knochen und Schädeln der Opfer der späten Siebzigerjahre. Da sind Fotos an Ausstellungswänden, daneben bitten Schüler um Spenden. Denn obwohl es noch kaum Schulen gibt – Schüler, die sie sich leisten könnten, gibt es noch weniger. Auf der Strasse sind Menschen, denen Arme fehlen oder Beine. Jeden Tag gibt es zwei bis drei neue Minenopfer in Kambodscha, noch werden vier bis fünf Millionen Minen im Boden vermutet. Sie sind es, die den Terror in die Gegenwart tragen. Zentimeterweise wird hier das Land von zahlreichen NGOs abgesucht, doch es wird noch Jahrzehnte dauern, bis alles sauber ist. Bis dahin bleibt nur, Spitäler zu bauen. Der Schweizer Beat Richner ist nach wie vor einer der wenigen, die Hilfe leisten, die Regierung ist hilflos, ihr fehlt die Elite: Wie kann ein Land Menschen heilen, das keine Schulen hat, um Ingenieure auszubilden, die die Spitäler bauen, und Ärzte, die darin arbeiten könnten? Viele der heutigen Kambodschaner haben keien einzigen Tag auf einer Schulbank verbracht. Englisch können die wenigsten, manche etwas Französisch. Erst mit den heutigen Kindern beginnt langsam eine gebildete Schicht heranzuwachsen.

Die Roten Khmer scheinen Vergangenheit zu sein, doch gerade weil dies ein Trugbild ist, ist eine gewisse Resignation, die das Lächeln der Menschen begleitet, verständlich: Jene, die damals töteten, sind heute Politiker, Restaurantbesitzer, Nachbaren. Jene, die damals Minen legten, graben sie heute aus – sie wissen ja noch, wo sie liegen. Auf Gerechtigkeit wartet man in Kambodscha vergeblich. Und trotzdem – wer weiss woher sie die Kraft nehmen – lachen alle. Die Kinder am Strassenrand, die Mädchen in Cafés, die Jungs auf den Baustellen. Und jung sind sie, fast alle, zumindest nicht alt, denn die alte Generation ist den Roten Khmer zum Opfer gefallen. Sie fehlt schlichtweg. Die Stadt ist jung und voller Kinder. Und diese sind überall dabei: Beim Essen, Schlafen und Arbeiten, auf den Motorrädern und Tuk Tuks, die die Strassen bevölkern.


Ein Land auf Aufholjagd

Es ist ambivalent, das Land. Fröhlich und melancholisch zugleich, hoffnungsvoll und resigniert gleichermassen. Die Tempel, um die herum es so gespenstig ruhig ist, sind das symbolische Gegenstück zu den farbigen Märkten, auf denen die Zeit niemals stillsteht. Immer gibt es ein aber, überall wartet das trotzdem. Und all das ist eingebettet in eine Landschaft, die mit ihrer überwältigenden Schönheit betört: Rote Strassen aus Staub führen durch endlose Wiesen und Felder, die grüner zu leuchten scheinen als sie es in anderen Ländern tun. Motorräder fetzen hier in Staub gehüllt von nirgendwo nach nirgendwo, nur einige zu Dörfern zusammengesetzte Blechhütten unterbrechen manchmal die Landschaft. Die Menschen ausserhalb der Städte leben oft ohne Strom, ohne Luxus. Doch Kambodscha ist auf Aufholjagd, es wird gebaut – der Teer und die Ziegel liegen bereit. Auch hier scheint die Hoffnung und der Ehrgeiz ungebrochen. Trotzdem gleicht das Land einem verwundeten Tier, von Krieg, Leid und den Roten Khmer zerfetzt hat es sich nun noch einmal aufgerappelt um entweder einsam in Verborgenheit zu verenden – oder gesund zu werden. Noch scheint beides offen. Doch optimistisch stimmt vor allem eines: Trotz jahrelangem Krieg und Terror haben die Kambodschaner das Laecheln