Kultur | 01.09.2008

„4/4 Bass drum-Eurotrash-lala-happy-happy“

Text von Sandro La Marca
Anlässlich ihres neuen Albums "Willkommen im Club" traf Tink.ch drei Mitglieder der deutschen Band Mia in Zürich. Ein Interview wie eine Therapiesitzung.
Mia erobern die Tanzfläche: Andy Penn, Mieze Katz, Ingo Puls, Robert Schütze und Gunnar Spies. (v.l.n.r.) Fotos: H. Flug Wofür Mia steht? Das will die Band nicht genau definieren. Eine Möglichkeit "Musik ist alles".

Das neue Album „Willkommen im Club“ der deutschen Popband Mia erscheint am fünften September. Zu diesem Anlass traf Tink.ch drei der fünf jungen Berliner zum Gespräch über ihre Musik, Freunde und Älterwerden. Schlagzeuger Gunnar, Gitarrist Andy und Gitarrist und Keyboarder Ingo standen Rede und Antwort.

Wollt ihr die Leute zum Tanzen bringen oder zum Heulen?
Ingo: Am besten Beides. Das schönste Erlebnis ist meist das umfassendste Erlebnis, weil es eben alle Sinne anspricht.
Gunnar: Wir hatten die Vorstellung, ein Album zu machen, dass auf jeden Fall in den Club gehört und Tanzmusik präsentiert. Trotzdem muss es ja nicht nur „4/4 Bass drum-Eurotrash- lala-happy happy“ sein, sondern es darf auch etwas tiefer gehen. Die melancholische Komponente ist also eine wichtige Facette auf diesem Album.
Andy: Sehr oft ist Tanzmusik nur dazu gemacht, um zu tanzen und mehr nicht. Das ist zwar nichts Negatives, doch für uns ist es immer auch wichtig den Leuten etwas mitzugeben, noch eine zweite Ebene.
Ingo: Unser Selbstverständnis besteht auch darin, bei jedem Album einen Schritt weiter zu gehen und etwas Neues zu bringen. Schliesslich müssen wir es in der Folgezeit auch immer eineinhalb Jahre auf der Bühne präsentieren. Es bleibt auf diese Weise auch für uns spannend.

Also wirft dieses Album mehr Fragen auf, als dass es eine klare Botschaft nach aussen trägt.

Ingo: Genau. Es ist auch ein Schritt weiter Richtung Reflexion.

Sind diese Emotionalität und diese privaten Gedanken im aktuellen Album eine Konsequenz eures Lebens auf Tour? Seid ihr so oft zusammen, dass ihr mittlerweile auch Musik füreinander macht?
Andy: Das sind gleich zwei Fragen, aber dafür interessante. Ich glaube es hat etwas damit zu tun. Innerhalb der letzten elf Jahre gab Jeder in der Band mehr von sich preis. Parallel dazu versuchte aber auch jeder beim Älterwerden herauszufinden wer er ist. Wir kennen uns jetzt viel besser als früher und können uns deshalb auch mehr vertrauen. Wir dringen bei diesem Album nicht nur musikalisch, sondern auch emotional mehr in die Tiefe.
Gunnar: Auf jeden Fall ist „Willkommen im Club“ vom Blick nach Innen geprägt, das stimmt schon. Es ist weniger ein sich umschauen wie beim letzten Album „Zirkus“. Man schaut in sich rein und sieht was: Man weiss, es ist nicht perfekt, man weiss, man hat seine Macken und dunklen Seiten, seine Monster. Man kann diesen aber nur dann angemessen begegnen, wenn man sie thematisiert. Wenn man elf Jahre zusammen arbeitet, muss man sich entweder professionell aus dem Weg gehen oder man muss sich mehr miteinander beschäftigen. Wir mussten die Fähigkeit entwickeln, uns so lange über  die Musik streiten zu können, bis wirklich etwas Gutes dabei rauskam und nicht an einem Punkt der Auseinandersetzung vorher abzubiegen, weil es unbequem wurde.

Die Emotionen und Ängste der anderen zu akzeptieren, hilft also auch die gemeinsamen Gefühle besser zu verarbeiten?

Ingo: Was auf jeden Fall auch gut für so Interviews ist (lachen). Man macht dann nicht nur so Frage-Antwort-Spiel, sondern diskutiert auch über solche Themen, was aber nicht nur der Grund ist weshalb wir das jetzt gemacht haben.

Warum sollte man euer Album hören?

Gunnar: Jeder von uns fünf schreibt Songs und das ist schwierig diese Fülle an Quellen so zu synchronisieren, dass es allen gefällt. Es ist für uns trotzdem ganz offensichtlich, dass dieses das beste Album ist, das wir je gemacht haben. Glaubt uns das! (lachen)
Ingo: Das Fehlen dieser Platte ist eine Bildungslücke in jedem Plattenschrank.

Welches sind eure persönlichen Lieblingslieder?

Ingo: Inzwischen ist es bei mir Song Nummer fünf, „Deinetwegen“, der ganz ohne Gitarre auskommt und den Gunnar geschrieben hat. Der geht ganz tief bei mir gerade. (Gunnar lacht)
Gunnar: Mein Lieblingsstück ist schon lange „Der Kapitän“. Ich brauch meistens für Ingos Stücke länger. Es kann auch sein, dass er zehn Songs schreibt und dann landen nur zwei auf dem Album und ich schreibe drei und es landen alle drei auf dem Album. Es ist immer sehr chaotisch. Bei dieser Platte hatten wir aber auch irre viele Songs zur Auswahl. Zuerst landen ja sowieso alle unsere Song-Ideen bei unserer Frontsängerin Mieze, die damit zuerst mal ein paar Wochen in Urlaub geht und damit etwas macht oder eben nicht.
Andy: Ich mag „Hundert Prozent“ und das ist schon ziemlich lange so. Wir haben da den Song wie er ursprünglich geplant war behalten, aber so ziemlich alles daran verändert. Das war ein besonderer Moment, wo wir erkannt haben, dass wir aus jedem Song alles machen können und uns so überlegen mussten, was wir denn eigentlich wollen. Generell ist es bei vielen Stücken dieser Platte so gewesen.
Gunnar: Was noch ganz wichtig ist, ist dass bei dieser Platte trotz intensiver oder tragischer Momente wie bei „Halt Still“ oder ein Stück wie „Mausen“ verdammt Spass gemacht hat. Es gibt zum Beispiel bei Stücken wie „Deinetwegen“, „Magisch“ oder „Der Verfolger“ Momente, die nicht ganz ernsthaft sind und auch ziemlich locker daher kommen. Man soll ja auch verdammt noch mal tanzen!
Ingo: Ich sag nur noch eine Sache, um zu deiner Frage nach der Qualität dieses Albums zurückzukehren. Die Qualität dieser Platte ist, dass wir das erste Mal wirklich in voller Gänze gemerkt haben, dass wirklich alles möglich ist.

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