“Gewalt ist erlernt – und umlernbar”

Urs Madörin, Sie arbeiten mit Jugendlichen, die mit Routine schwere Gewalttaten begingen. Sie betreuen diese Buben, gehen auf sie ein, trainieren ihr Verhalten, wollen etwas bewirken – wozu der ganze Aufwand? Bringt das überhaupt etwas?

Dass diese Jugendlichen Gewalt anwenden, hat oft damit zu tun, dass keine Empathie gegenüber den Opfern da ist. Ich sehe meine Arbeit daher auch im Schutz der Opfer. Die Idee ist, dass ein Jugendlicher später keine Delikte mehr begeht.

Ist die Situation nicht ohnehin trostlos: Jemand, der hierher kommt, wird ein Leben lang kriminell bleiben?

Es wäre schade, wenn es so wäre. Zum Glück ist es nicht so. Gewalt ist etwas, was gelernt wurde. Der Mensch kommt nicht als Gewalttäter zur Welt und es gibt auch keine Gene, die sagen: Du wirst Gewalttäter. Das Verhalten wurde irgendwo gelernt. Das heisst für mich: Wenn es gelernt ist, ist es auch umlernbar.

Sie können also etwas bewirken?

Durchaus. Wer als 14-Jähriger hierher kommt und ein halbes Jahr hinter geschlossenen Türen verbringt, der hat ein sehr intensives Erlebnis. Auch die Gespräche, die wir mit den Jugendlichen führen, haben einen sehr grossen Einfluss. Ein Gewalttäter rechtfertigt seine Gewalt immer: Er hat einen Grund, warum. In der Regel spricht er auch nicht von einem Opfer, sondern von einem Gegner. Unsere Arbeit besteht darin, diese Rechtfertigungen zu demaskieren. Den Jugendlichen dazuzubringen, sich zu fragen, wieso er sich so verhält. Meistens ist nämlich nicht viel Bewusstheit dahinter.

Und das in vier Monaten?

Natürlich können wir nicht so schnell die Verhaltensweise der Jugendlichen verändern. Dafür braucht es mehr Zeit. Was wir hier bewirken können, ist, dass die Jugendlichen lernen, sich anzupassen. Ich muss dann beurteilen: Ist einer saugefährlich? Absolut skrupellos? Null Einfühlungsvermögen? – In sehr schweren Fällen kann das natürlich schon bedeuten, dass ein Jugendlicher später verwahrt wird. Aber seit ich hier bin, geschah das in etwa fünf von gut 400 Fällen. Das sind die wenigsten.

Wie können Sie denn die anderen Gewalttäter von ihrem Verhalten abbringen?

Ich trainiere das Verhalten der Jugendlichen. Bringe sie in Situationen, in denen sie sich überlegen müssen: Wie verhalte ich mich? Ich konfrontiere sie mit ihrem Verhalten und sage, was ich davon halte. Da kann emotional einiges abgehen. Er rechtfertigt sich, versucht auszuweichen, verheimlicht seine Phantasie – und ich rücke ihm auf die Pelle. Da beschönige ich nichts. Da kann ich auch sagen: Weißt du was? In dem Moment warst du eine absolute Drecksau. Diese Dinge bringen den Jugendlichen schon dazu, dass er anfängt zu denken.

In der aktuellen politischen Diskussion werden oft zu milde Strafen als Ursache für die Jugendgewalt genannt…

Das sehe ich nicht so. Die Frage stellt sich vielmehr: Wo in der Gesellschaft wird Gewalt bagatellisiert? Wenn Jugendliche mit 14 hierhin kommen und ich in den Akten lese, was schon alles geschehen ist, dann frage ich mich: warum hat man so lange gewartet? Das hat etwas mit unserem sozialen Netzwerk zu tun. Es ist löcherig geworden. Die Gesellschaft hat sich so stark verändert, dass unsere Strukturen nicht mehr halten. Man verpasst es oft, rechtzeitig hinzuschauen. Man wartet immer, bis so viel Leid um den Jugendlichen passiert ist, dass man sagt: Jetzt muss etwas gehen. Ich denke, man könnte das Problem deutlich vermindern, indem man rechtzeitig hinschaut, wenn Gewalt gelernt wird.

Sie arbeiten jetzt acht Jahre in diesem Bereich – sind Sie der Meinung, dass das Gewaltverhalten von Jugendlichen zugenommen hat und aggressiver wurde?

Das ist schwierig zu sagen. Als ich vor acht Jahren begann, war das auf der politischen Bühne kein Thema, man hatte das nicht wahrgenommen. Wir haben schon damals versucht, im Präventionsbereich zu arbeiten. Wir sagten: Wenn man nichts macht, muss man sich nicht wundern, wenn etwas passiert. Aber das wurde überhört. Mit dem Erfolg der SVP wurde dann das Thema Jugendgewalt politisch entdeckt.

Aber es ist kein neues Problem.

Überhaupt nicht. Auch nicht was die Brutalität betrifft. Wir hatten schon vor acht Jahren solche Fälle, wo äusserst brutal zugeschlagen wurde. Das ist überhaupt nichts Neues.

Was sind das denn für Jugendliche, die ein solches Gewaltpotential aufweisen?

Die meisten haben ein relativ schwaches Selbstwertgefühl. Sie können nicht sagen, wer sie sind. Wenn ich frage: Was sind deine Stärken?, dann kommt vielleicht: “Ich kann gut Fussball spielen und ja…, mehr weiss ich auch nicht.” Hier merkt man: Sie hatten sehr wenig Möglichkeiten, sich selber zu reflektieren.

Das ist nicht, was man von einem Gewalttäter erwarten würde…

Nein, natürlich nicht, das ist eben was er kompensiert. Wenn Jugendliche Delikte begehen, sind sie oft in einer Gruppe. Und wer einen tiefen Selbstwert hat, muss den anderen ja irgendwie beweisen, dass er auch etwas drauf hat. Viele sind ausserdem Schulversager. Sie haben keinen Erfolg in der Schule und können ihn nur durch ihr Verhalten erlangen. Indem sie cool sind, sich aufspielen und der Gangster sein wollen. Die Delinquenz ist dann das Einzige, womit sich diese Jugendlichen beweisen können.

Wie kann man also aus Ihrer Sicht der Jugendgewalt einen Riegel vorschieben?

Als erstes braucht es Ehrlichkeit. Ehrlichkeit heisst zum Beispiel: Hinschauen und sehen, was überhaupt dahinter steckt. Zweitens braucht es ganz klar mehr Prävention: Die Jugendlichen mit ihrem Verhalten konfrontieren, bevor sie dreinschlagen. Das braucht Geld. Aber Massnahmen kommen viel teurer. Man kann natürlich sagen: Dann sperren wir die ein. Man kann sie auch zehn Jahre einsperren. Aber die sind auch nicht gratis, die zehn Jahre. Das wird zigtausend Franken kosten. Mit dem Nachteil, dass jemand sehr lange in Haft ist, ohne dass er irgendwie davon profitieren könnte. Stattdessen wird er darauf vorbereitet, eine Knastkarriere zu machen. Ich bin immer ein Freund von dem, der sagt: Strafe muss sein. Aber es braucht eben auch eine Förderung dazu.

Der Kampf gegen die Roten Khmer

Von Singapur aus gegen Norden, vorbei an Malaysia und Thailand, betritt man in Kambodscha ein Land, in dem geteerte Strassen zu staubigen Pfaden, Häuser zu Blechhütten und die Vergangenheit zur Gegenwart wird. Das kleine Land hat spürbar mit dem Erbe einer der gewaltsamsten Geschichten zu kämpfen, die unser Planet zu bieten hat. Bereits in der Kolonialzeit in diverse Grenzkonflikte verwickelt, als Thailand sich mit den französischen Besetzern um Kambodschas westliche Grenzregionen stritt, setzten sich die Streitigkeiten während des Indochinakriegs fort. Obwohl der damalige König sich inmitten des Tumults zwischen den ideologischen Blöcken um Neutralität bemühte, blieb für Kambodscha letztlich nur die Rolle eines Kollateralschadens übrig.

Als sich in den Sechzigerjahren die Roten Khmer zu formieren begannen, eine kommunistische Guerillatruppe, war die Zukunft Kambodschas besiegelt. Im Laufe der langen Bürgerkriegsjahre gewannen sie an Stärke und Anhängerschaft und als die Regierungsarmee komplett von Nordvietnam überlaufen wurde, übernahmen die Roten Khmer die Rolle der Befreier. Am 17. April 1975 besetzen 20.000 ihrer Soldaten die Hauptstadt Phnom Penh. Ihr Durchschnittsalter betug 13 Jahre.

Die Schule wurde zur Folterkammer

Obwohl die Roten Khmer von der Stadtbevölkerung mit Begeisterung und Jubel als ihre Befreier empfangen wurden, befürchteten diese einen Aufstand. Innerhalb von drei Tagen wurde Phnom Penh zur Geisterstadt. Die Besetzer deportierten alles aufs Land, auf die Felder, hinein in ein Leben voller Arbeit und Angst, das die wenigsten überlebten. Drei Tage. Und gleichzeitig standen die ersten Gefängnisse bezugsbereit. Das S21 im Zentrum Phnom Penhs, eigentlich eine Schule, wurde zur Folterkammer und zum Deportationszentrum umgebaut. Bücher zu besitzen oder lesen zu können reichte, um verhaftet zu werden. Die Gräuel, die in den nächsten vier Jahren vollzogen wurden, sind in keiner Weise fassbar. Kinder und Babies wurden vor den Augen ihrer Müttern so lange gegen Bäume geschlagen, bis ihnen die Schädel aufplatzten, Männer gefoltert, Frauen vergewaltigt und erschlagen. Erschlagen – um Munition zu sparen. In knapp vier Jahren brachten die Khmer Rouge schätzungsweise drei Millionen Kambodschaner um. Sie zerstörten eine Bevölkerung und ein ganzes Land.

Tempel aus Sandstein

Doch da ist auch noch die andere Vergangenheit. Jene der grossen Könige, die von sich selbst gerne behaupteten, Götter zu sein. Nicht ganz unbegründet, wenn man bedenkt, dass die Stadt Angkor Thom bereits im achten Jahrhundert eine Million Menschen beherrbergte. London zählte damals knapp 50 000 Einwohner. Die Steine wurden auf Flossen aus den Bergen herbeigeschifft, die zahlreichen Wandmalereien und Verzierungen mit viel Feingefühl und Kunstfertigkeit vorgenommen. Jede einzelne mit einem spezifischen Sinn und Hintergrund. Mit Angkor Wat und Angkor Thom im Zentrum gibt es noch heute Hunderte von Tempeln, allesamt aus Sandstein, die meisten in Einzelteile zerbrochen, viele von Vegetation überwuchert.  Die Natur holt sich Schritt für Schritt zurück, was der Mensch ihr genommen hat. Es ist ein Bild, das irgendwie alles relativiert, das trotz allem zeigt, dass eine gewisse Natürlichkeit unaufhaltbar bleibt.


Der Boden voller Minen

Und doch: Viele der Tempel sind längst nicht mehr einfach nur Tempel. Sie wurden in den letzten Jahrzehnten in Grabstätten und Denkmäler verwandelt. Überall stehen Vitrinen mit Knochen und Schädeln der Opfer der späten Siebzigerjahre. Da sind Fotos an Ausstellungswänden, daneben bitten Schüler um Spenden. Denn obwohl es noch kaum Schulen gibt – Schüler, die sie sich leisten könnten, gibt es noch weniger. Auf der Strasse sind Menschen, denen Arme fehlen oder Beine. Jeden Tag gibt es zwei bis drei neue Minenopfer in Kambodscha, noch werden vier bis fünf Millionen Minen im Boden vermutet. Sie sind es, die den Terror in die Gegenwart tragen. Zentimeterweise wird hier das Land von zahlreichen NGOs abgesucht, doch es wird noch Jahrzehnte dauern, bis alles sauber ist. Bis dahin bleibt nur, Spitäler zu bauen. Der Schweizer Beat Richner ist nach wie vor einer der wenigen, die Hilfe leisten, die Regierung ist hilflos, ihr fehlt die Elite: Wie kann ein Land Menschen heilen, das keine Schulen hat, um Ingenieure auszubilden, die die Spitäler bauen, und Ärzte, die darin arbeiten könnten? Viele der heutigen Kambodschaner haben keien einzigen Tag auf einer Schulbank verbracht. Englisch können die wenigsten, manche etwas Französisch. Erst mit den heutigen Kindern beginnt langsam eine gebildete Schicht heranzuwachsen.

Die Roten Khmer scheinen Vergangenheit zu sein, doch gerade weil dies ein Trugbild ist, ist eine gewisse Resignation, die das Lächeln der Menschen begleitet, verständlich: Jene, die damals töteten, sind heute Politiker, Restaurantbesitzer, Nachbaren. Jene, die damals Minen legten, graben sie heute aus – sie wissen ja noch, wo sie liegen. Auf Gerechtigkeit wartet man in Kambodscha vergeblich. Und trotzdem – wer weiss woher sie die Kraft nehmen – lachen alle. Die Kinder am Strassenrand, die Mädchen in Cafés, die Jungs auf den Baustellen. Und jung sind sie, fast alle, zumindest nicht alt, denn die alte Generation ist den Roten Khmer zum Opfer gefallen. Sie fehlt schlichtweg. Die Stadt ist jung und voller Kinder. Und diese sind überall dabei: Beim Essen, Schlafen und Arbeiten, auf den Motorrädern und Tuk Tuks, die die Strassen bevölkern.


Ein Land auf Aufholjagd

Es ist ambivalent, das Land. Fröhlich und melancholisch zugleich, hoffnungsvoll und resigniert gleichermassen. Die Tempel, um die herum es so gespenstig ruhig ist, sind das symbolische Gegenstück zu den farbigen Märkten, auf denen die Zeit niemals stillsteht. Immer gibt es ein aber, überall wartet das trotzdem. Und all das ist eingebettet in eine Landschaft, die mit ihrer überwältigenden Schönheit betört: Rote Strassen aus Staub führen durch endlose Wiesen und Felder, die grüner zu leuchten scheinen als sie es in anderen Ländern tun. Motorräder fetzen hier in Staub gehüllt von nirgendwo nach nirgendwo, nur einige zu Dörfern zusammengesetzte Blechhütten unterbrechen manchmal die Landschaft. Die Menschen ausserhalb der Städte leben oft ohne Strom, ohne Luxus. Doch Kambodscha ist auf Aufholjagd, es wird gebaut – der Teer und die Ziegel liegen bereit. Auch hier scheint die Hoffnung und der Ehrgeiz ungebrochen. Trotzdem gleicht das Land einem verwundeten Tier, von Krieg, Leid und den Roten Khmer zerfetzt hat es sich nun noch einmal aufgerappelt um entweder einsam in Verborgenheit zu verenden – oder gesund zu werden. Noch scheint beides offen. Doch optimistisch stimmt vor allem eines: Trotz jahrelangem Krieg und Terror haben die Kambodschaner das Laecheln

Die sanfte Seite der Followills

Wer hätte gedacht, dass man soviel Erfolg haben kann, wenn man mit der Familie zusammen Musik macht? Vier Jungs aus Nashville-Tennessee prägen das aktuelle Bild vom Familybusiness: Die Brüder  Caleb, Nathan, Jared Followill und ihr Cousin Matthew Followill bilden zusammen die Kings of Leon. Seit fünf Jahren versuchen die Jungs Musik zu machen. Ja, sie versuchen, denn ihr erstes Album “Youth&Young Manhood” war eigentlich ein riesiger Kracher. Das heisst, man konnte es nur als Krach ansehen. Zu jener Zeit galt das Motto “Sex, Drugs and Rock’n’Roll” für Kings of Leon. Kokain und Alkohol wurden in rauen Mengen konsumiert und das Ergebnis davon war ihr zweites Album “Aha shake Heartbreak”. Caleb, Sänger der Band, durchlebte zu dieser Zeit äusserlich seine Jesusphase während Nathans (Schlagzeuger) Beziehung zur Jack-Daniels-Flasche immer inniger wurde. Als das Album 2004 auf dem Markt kam, waren die vier Männer langhaarige Alkis, die einen reisenden Priester als Vater hatten.

Wie gut können sie werden?

Der entscheidende Wendepunkt in ihrer Karriere war das dritte Album “Because of the Times”, das im April 2007 veröffentlicht wurde. Diese Platte schleuderte Kings of Leon direkt auf Platz eins der englischen Charts. Schon zu diesem Zeitpunkt fragte sich das Rolling Stone Magazin, wie gut Kings of Leon überhaupt noch werden können. Nach einer riesigen Tour und einem Treffen mit Bono von U2, kündigten die Brüder ein neues Album an. Ein grosses Album solle es werden, so die Prophezeiung. Das Motto ihrer späten Pubertätsjahre verblasste und mutierte, wie Nathan letzte Woche dem New Music Express berichtete, zu Sex, arbeiten, Drugs, noch ein wenig mehr Arbeit… und dann Rock’n’roll. Eine Lösung die den Jungs anscheinend gut passt.

Eine höhere Rockliga

Das neue Album “Only by the Night” ist tatsächlich eine Weiterentwicklung von “Because of the Times”. Kritische Themen werden angesprochen, Caleb traut sich alles zu singen und vor allem alles so auszusprechen, dass man es versteht. Mit “Crawl” haben sie die erste Single gratis zum Download angeboten und damit nicht irgendein Lied ausgesucht. Es handelt davon, wie Europäer Amerika betrachten und dabei zu oft das ganze Land mit einer einzigen Person verwechseln. Die zweite Single “Sex on Fire” wird mit einem heissen Video serviert, das gar nicht katholisch rüberkommt, aber dafür die weiblichen Fans umso mehr begeistern dürfte.

Mit Stücken wie “Manhattan”, “Use Somebody” und “17” zeigt sich die Band von einer sanften Seite, die auf keinem der vorangehenden Alben zu finden war. In “Use Somebody” geht es um Calebs Einsamkeit auf der Strasse – eine Powerballade mit grossem Sound. Wenn man sich dann noch in die Hände vom Pink Floyd-inspirierten “Cold Desert” fallen lässt und die Worte “Jesus don’t love me anymore / And no-one ever carried my load” hört, wird man beinahe Zeuge einer Himmelfahrt einer Band. Kings of Leon auf dem Weg in eine höhere Rockliga.

Leidenschaft, Arbeit, Wille

Viele Kings of Leon-Fans werden womöglich enttäuscht sein.  Die Band hat ihre Grunge- und Garage-Phase hinter sich gebracht. Kings of Leon experimentieren nun mit luftigeren Sounds und nehmen sich mehr Freiheiten, was ihren Stil angeht. Kein neues Phänomen: Grosse Bands brauchen Platz, brauchen Freiheit. Beispiele dafür sind Led Zeppelin oder die Beatles. Die Entwicklung die hier vor unseren Augen und Ohren abläuft, und hoffentlich auch noch weitergehen wird, führt auf ein einfaches aber vergessenes Prinzip zurück: Leidenschaft, Arbeit und Wille. Gehyped werden kann jeder. Das haben wir in den letzten zwei Jahren zur Genüge gesehen. Meistens entwickeln sich diese Bands aber nicht weiter, sie erweisen sich als “One-Album-Wonders”. Eine Band wie Kings of Leon zu haben, inmitten all dieser Pop-, Music-, Dance-, und allen anderen Stars,  ist eine schöne und willkommene Abwechslung.

Wettbewerb


Tink.ch verlost zwei Exemplare des Albums "Only By The Night". Einfach bis Montag 6. Oktober ein Mail an tatjana.rueegsegger@tink.ch schicken und die Postadresse nicht vergessen.

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Schall und Rauch

Dass die DJs Kristian Davidek und Functionist des Kultradios FM4 aus dem Hause ORF die Schweiz (genauer: den Thurgau) beehren, hat mich auf den ersten Blick erstaunt. Schliesslich hören ihnen gewöhnlich mehr als 300’000 Personen zu, das sind mehr als der ganze Thurgau Einwohner hat. Die Wahl des USL-Raumes in Amriswil als Lokalität ist aber insofern konsequent, da der “USL Verein für Kunst und Kultur“ gerne als Gastgeber für Künstler aus dem Dunstkreis des “Alternative“ auftritt.

Ich gehöre zu denen, die froh sind, dass die 102.1 FM dank Grenznähe noch rauschfrei im Wohnzimmer ankommt. Eine Viertelstunde nach Türöffnung ziert deshalb der schwarze Stempel des USL die Innenseite meines rechten Handgelenks (erst eine Stunde vor Mitternacht einzutreffen, ist in der Provinz notabene noch nicht Usanz). Ich setze mich neben meiner Begleitung auf die Couch und schaue zu, wie sich der Raum füllt und sich meine Bierdose (!) leert.

Der Abend beginnt zufrieden stellend: Die Musik hält, trotz dürftiger technischer Ausstattung, was der Name FM4 verspricht: erlesene Vielfalt. Das Volk kommt so zahlreich, dass man um seine Standfläche kämpfen muss. Die Getränke sind günstig, das Volk wird lustig.

Einige Stunden später sind meine Augen gerötet vom beissenden Rauch, der den Raum sichtbar ausfüllt, obwohl eine Lüftung über unseren Köpfen vibriert. Die meisten scheint der Rauch nicht zu stören. Wahrscheinlich abgehärtete Stammgäste, wie der Bekannte, mit dem ich auf meinem Blindflug durch den grauen Dunst zusammenstosse. Er sei eh nicht wegen der Musik gekommen. Eine offenbar verallgemeinerbare Äusserung: Selbst im 9er-Stadtbus in St.Gallen am Montagmorgen wird mehr gewippt als in der heute versammelten Menge.

Ob ich ganz gehe, oder nur Luft schnappe, fragt der Rausschmeisser. Ich zitiere die Beatles: “I would hate to spoil the party so I go / I would hate my dissapointment to show- und löse betretenes Schweigen aus. “Ich gehe ganz“, stelle ich klar, was die Schlange vor dem Eingang freudig aufnimmt. Kein Wunder, atmet sie ja noch gänzlich unbeschwert. Ich stelle für mich im Stillen fest, dass nicht nur der Ton die Musik macht, sondern noch ganz viel mehr.

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Der "USL Verein für Kunst und Kultur" organisiert regelmässig Events und Konzerte mit dem Ziel, das kulturelle Angebot im Thurgau zu bereichern. Der USL-Raum in einem ehemaligen Fabrikationsgebäude in Amriswil wird seit 2004 genutzt. Mit den FM4-DJs wurde am 20. September 2008 die neue Saison eröffnet.

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Wüstenrock und Mariachijazz

Calexico werden immer präsenter. In diesem Jahr hatte man sie unter anderem im Soundtrack der Dylan-Biograpie “I’m not there” gehört. Ihre Musik untermalt jene Stelle, als der alte Dylan sich gegen die Zerstörung der Fantasie auflehnt (während eine Giraffe im Hintergrund das Westernkaff durchquert). Calexico`s wehmütig-tröstliche Neuinterpretation von “Goin’ to Acapulco” trifft den Deckel auf den Topf oder die Faust aufs Auge, sprich, es passt zum Klangteppich, an dem Calexico seit ihrer Gründung 1996 in Tucson, Arizona unablässig weben. Ein bisschen von Quentin Tarantinos Musikgeschmack hier, ein bisschen Mano Negra goes Rock da und eine sandig-geschmeidige Reimschmiede auf Kappe von Joey Burns, dem Bandinternen Barden, machen die experimentierfreudige Combo aus.

Das neue Album “Carried to Dust” geht noch einen Schritt weiter. Es ist still und treibend zugleich, bestens an der ersten Auskoppelung “Two Silver Trees” aufzeigbar, enthält aber auch politisch-poetischen Zwirn (“Victor Jara’s hands”). Man sollte es am besten am Ende eines sengenden Tages hören, unter freiem Himmel, und sowieso am gleich dort, worauf sich der Bandname Calexico bezieht: Auf das Niemandsland zwischen Kalifornien und Mexico. Da dies den meisten unter uns verwehrt ist, muss man sich mit Plan B abfinden: Calexico werden Zürich berauschen und beehren. Spanglish wird dann im Konzertsaal zu hören sein,  sowie ein verirrtes Glockenspiel, Mariachi-Trompeten und die Mundharmonika. Die eigens für diese Band erfundene Bezeichnung “Tucson Desert Rock” wird am 17. Oktober im Volkshaus Einzug halten. Tink wird vertreten sein und dort ihren eigenen herbstlichen Klangteppich mit Wüstenfernweh und Gitarrenjazz anreichern.


Calexico im Volkshaus, Zürich am 17.10.2008
ab 20.00 uhr, 66.25 Fr. Eintritt)

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Errätst du, wer deine Mutter ist?

Liebeskomödien, die frischen Wind ins Genre bringen, sind rar. “Vielleicht, vielleicht auch nicht” oder im Original “Definitely, Maybe” schaffte dies mit links. Nun entführt Schauspieler Ryan Reynolds als Will Hayes das Filmpublikum auch auf DVD in das Ratespiel über seine grosse Liebe. Wills Tochter Maya (Abigail Breslin) möchte eines Abends wissen, wie er ihre Mutter kennengelernt hat, von der er sich gerade scheiden lässt. Der Vater ist einverstanden, gestaltet die Erzählung aber spannend, indem er die Namen der darin vorkommenden Akteurinnen ändert. Maya soll selbst herausfinden, welche der drei Frauen in der Gutenachtgeschichte ihre Mutter ist. Da wäre beispielsweise Wills High-School-Freundin Emily (Elizabeth Banks), von der er sich schon nach kurzer Zeit trennt. Oder Summer (Rachel Weisz), der er in New York begegnet und April (Isla Fisher), die seine beste Freundin wird.

Nicht nur Maya rätselt

Da nicht nur Maya, sondern auch das Publikum bis kurz vor Schluss über die Identität der Mutter im Dunkeln tappt, bleibt die Handlung äusserst spannend. Die Geschichte wirkt auch deshalb originell, weil sie in den Rückblenden den Wandel der Zeit geschickt miteinbezieht. Von Will Hayes’ High-School-Abschluss über seine ersten Arbeitserfahrungen als Helfer in Bill Clintons Wahlkampagne bis ins 21. Jahrhundert spannt sich der Bogen. Die Karriere Clintons, von 1992 bis 2000 Präsident der Vereinigten Staaten, begleitet dabei die Protagonisten des Films. Auch der Skandal um seine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky wird nicht ausgelassen und in die Handlung mit eingebunden.

Aber Mittelpunkt des Streifens bleibt ganz klar die junge Hauptdarstellerin: Abigail Breslin, die schon in “Little Miss Sunshine” geglänzt hat, ist als Maya die perfekte Besetzung. Mit erfrischender Direktheit und kindlichem Charme sorgt sie für die nötigen Überraschungsmomente. Weniger überraschend sind die Special Features der DVD. Unveröffentlichte Szenen, Audiokommentar und zwei Dokumentationen bilden die gewohnte Palette an zusätzlichem Filmmaterial. Die Special Features sowie Trailers, Fernsehspots und Ausschnitte aus dem Film können auch auf der offiziellen Homepage www.definitelymaybemovie.com  angesehen werden.

Info


"Vielleicht, vielleicht auch nicht" ist bei Universal Pictures auf DVD erschienen und überall im Handel erhältlich.

“Das Beste” eroberte die Schweiz

Während in Deutschland die neuste Deutschrockwelle 2004 längst übergeschwappt war, spürte man in der Schweiz noch sehr wenig davon. Juli schafften es mit ihrem Song “Perfekte Welle” immerhin auf Platz 18, Silbermond stiegen im Oktober desselben Jahres mit “Symphonie” auf Platz 56 ein, und platzieren somit ihre erste Single unter den Top 100 in der Schweiz.

Vier Monate später traten die vier aus Sachsen stammenden Musiker zum ersten Mal in der Schweiz auf, und das gleich dreimal: in Winterthur, Bern und Luzern. Im Gegensatz zu Deutschland gestaltete sich der Altersdurchschnitt eher älter, und dank der Clubatmosphäre wirkten die Konzerte sehr persönlich und gemütlich. Kein Schimmer von Starallüren, eine absolut gelassene Stimmung herrschte, selbst nach den Konzerten liessen es sich Silbermond nicht nehmen, das Gespräch zu suchen, weder damals noch heute. 

Nach den ersten wagemutigen Schritten in die Schweiz im Februar 2005 folgten bereits im Sommer desselben Jahres einige Festivalauftritte, die stets einen sehr positiven Anklang bei den Schweizern fanden. Das Schweizer  Festivalpublikum schien die junge Band schnell ins Herz zu schliessen, und liess sie schnell lernen, dass die hier übliche La-Ola-Welle als höchstes Zeichen der Begeisterung gilt. Silbermond fühlten sich so wohl,  dass die Schweiz auch im darauf folgenden Jahr mit auf der langen Tourliste stand: ganze acht Konzerte sollten gespielt werden, davon drei Festivalauftritte. Radio Argovia engagierte die vier Bautzener dabei sogar als Headliner für sein alljährlich kostenloses Festival. Beim Betreten der Bühne waren Silbermond aber mindestens genauso überrascht, wie der Radiosender selber: 70 000 Menschen wollten sich das Konzert anhören.

Liveband mit viel Potenzial

Nach diesem Abend schienen einige Schweizer in den Geschmack guter Deutschrockmusik gekommen zu sein, kein Wunder also, dass die drei Konzerte ihrer Herbst-Tour in Bern, Basel und Winterthur sehr gut besucht waren und somit bis zur Erschöpfung gefeiert wurde. Nicht zu vergessen ist aber auch der Auftritt bei “Stars For Free, der alljährlichen Veranstaltung von Radio Energy im Zürcher Hallenstadion. Neben Stars wie Jan Delay, Kelis und Tiziano Ferro  erschienen die vier Monde zuerst eher als kleiner Act. Dass jeder der 13 000 Zuschauerinnen und Zuschauer dann aber bei “Zeit Für Optimisten” mithüpfte, bewies schliesslich auch den grössten Zweiflern, dass es sich hier um eine Liveband mit viel Potenzial handelte. “Silbermond waren klar die Besten!” – so das Echo der Schweizer danach. Aber nicht nur konzerttechnisch gewannen die Monde immer mehr Herzen: mit ihrem Song “Das Beste” schafften sie es im Herbst 2006 auf Platz 3 der Schweizer Singlecharts. Ein beachtlicher Erfolg in einem viersprachigen Land.

Eine kurze Verschnaufpause und eine Tour später,  fanden sich die Monde dann auch im Sommer 2007 wieder in der Schweiz ein für zwei kleinere Festivals in Etziken und Schupfart. Noch immer musste man nach kreischenden Teenagern suchen, noch immer wirkte die Konzertatmosphäre gemütlich und privat. Sängerin Stefanie Kloss hatte inzwischen gelernt, wie man eine Welle perfekt ins Konzertprogramm integriert, und die Jungs begannen allmählich das Gespür für die  ihnen so fremde und lustig erscheinende Sprache zu bekommen. 

Zusammenfassend könnte man es so sagen: Silbermond haben sich bestens in die Schweizer Musiklandschaft integriert, trotz aller Sprachgrenzen, und durch ihre Live-Auftritte schaffen sie es offenbar, auch die massivsten Schweizer Berge zu erweichen.

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Alles nur Jazz?

Setzt das jazznojazz den Fokus auf die verschiedenen Spielformen des modernen Jazz, so liefern andere Musikstile die erfrischenden Kontrastpunkte. Ähnlich dem Jazzfestival in Montreux versteht sich das JazzNoJazz als Spielplattform für multikulturellen und Genre-übergreifenden musikalischen Austausch. Für Conrad Surber, Mediensprecher der All Blues Konzert AG, zeichnet sich das diesjährige Festival folgendermassen aus: “Am Zürcher jazznojazz wird die Vielfalt und der starke Einfluss des Jazz in unserer heutigen Musik während 4 Tagen mit über 20 Konzerten auf 4 Bühnen präsentiert.” Am ersten Abend stellt beispielsweise die junge Zürcherin Sophie Hunger ihr neues Album Monday`s Ghost vor. Ihr Folk-Pop ist eher “NoJazz”, durchaus aber Genre-übergreifend und deshalb ein spannender Auftakt fürs diesjährige Festival.

Am darauf folgenden Donnerstag wird das “No” wieder aus dem Festivalnamen gestrichen. Denn mit dem Dave Holland Quintet und Mike Mainieri’s Steps Ahead sind am 30. Oktober, die Formationen zweier stilbildender Jazzmusiker zu hören. Am Freitag setzt Skye (ehemalige Sängerin von Morcheeba) einen dezent groovigen Kontrastpunkt und die britischen Acid Jazz – Legenden von Incognito dürften die Bedürfnisse von Soul- und Funkliebhabern vertreten. Der Samstag ist unter anderem als Spielwiese für den amerikanischen Funk-Zauberer Dr. John reserviert.

Auch Namen aus dem Umfeld von Buena Vista Social Club (die Sängerin Omara Portuondo) und Miles Davis (der Gitarrist Mike Stern) sind auf den Bühnen des ewz-Unterwerk Selnau, wie auch der Gessnerallee vertreten. Diverse Gratiskonzerte und kostenlose Jams gibt’s im ZKB Jazz Club sowie der Jazz Baragge.


Ob nun Jazz oder nicht Jazz; Tink.ch verlost für folgende Konzerte Gratistickets: 

29.10: Mike Stern Band

30.10: Dave Holand Quintet

31.10: Skye

01.11: Dr. John

Bei Interesse bitte E-Mail mit dem Vermerk des entsprechenden Konzertes an martin.sturzenegger@tink.ch.


Das komplette Programm des jazznojazz 2008:

Mittwoch, 29.10.08
19.30-21.00       Thierry Lang «Lyoba» -¢ Opening: Vera Kappeler Trio (Gessnerallee)
22.00-23.30       Sophie Hunger (Gessnerallee)
20.00-21.30       Mike Stern Band feat. Randy Brecker & Dave Weckl (ewz-Unterwerk Selnau)
21.00/23.30       Hildegard lernt fliegen (ZKBJazzClub)
ab 24.00          
Jamband Lüchinger-Pousaz-Burkhalter (JazzBaragge)
 
Donnerstag, 30.10.08
19.30-21.00       Dave Holland Quintet (Gessnerallee)
22.00-23.30       Mike Mainieri & Steps Ahead (Gessnerallee)
20.00-21.30       Beady Belle (ewz-Unterwerk Selnau)
22.30-24.00       Asa (ewz-Unterwerk Selnau)
21.00/23.30       Voice It (ZKBJazzClub)
ab 24.00          
Jamband Lüchinger-Pousaz-Burkhalter (JazzBaragge)
 
Freitag, 31.10.08
19.30-21.00        Skye (Gessnerallee)
22.00-23.30       Incognito (Gessnerallee)
20.00-21.30       Gerardo Núñez Trio (ewz-Unterwerk Selnau)
22.30-24.00       Nneka (ewz-Unterwerk Selnau)
21.00/23.30       Close to Mars (ZKBJazzClub)
ab 24.00          
Jamband Keller-Chylewski-Niederer (JazzBaragge)
 
Samstag, 1.11.08
17.00-18.30       Richard Galliano-Gonzalo Rubalcaba Quartet (Gessnerallee)
19.30-21.00       Omara Portuondo «Gracias» (Gessnerallee)
22.00-23.30       Dr. John (Gessnerallee)
20.00-21.30        Eos Guitar Quartet «20+» (ewz-Unterwerk Selnau)
22.30-24.00        Brooklyn Funk Essentials (ewz-Unterwerk Selnau)
21.00/23.30       Rodrigo Botter Maio & Jazz Via Brasil Group (ZKBJazzClub)
ab 24.00          
Jamband Keller-Chylewski-Niederer (JazzBaragge)


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Lieblingsplätze III: Hauptbahnhof

Zürich verfügt über tausende schöne Plätze. Man denke da nur ans Seebecken. Oder die Limmat. Oder beides. Schon mal auf der Quaibrücke gestanden und sich einmal um die eigene Achse gedreht? Wenn die Sonne scheint, hinter der Pfnüselküste die Alpen blitzen, die Kirchentürme von Schäfchenwolken umgarnt werden, dann wird auch der Letzte zum angefressenen Lokalpatrioten.

Aber heute soll’s nicht um Zürichs zahlreiche schöne Plätze gehen, sondern um meinen Lieblingsplatz. Und das ist ganz definitiv der Hauptbahnhof. Hier tobt das Leben Tag und Nacht und ich wage zu behaupten, dass man im HB locker einige Wochen leben könnte. Wären da nicht die mühsamen Security, die einem einsammeln, wenn man sich kurz hinsetzen will. Der HB ist nämlich Privatgrund (wem genau er gehört? – keine Ahnung) und sich hinsetzen ist per Hausordnung verboten. Aber auch wenn dieser Bahnhof im Besitz von jemand Bestimmten ist – eigentlich gehört er allen. Den Zürchern sowieso. Aber auch allen anderen, die ihn besuchen. Der HB mit seinem eigenen Shoppingcenter. Mit seinen hundert Eingängen. Mit dem Treffpunkt. Morgens komme ich an den HB, kaufe im hinteren Migros einen Kaffe Latte und ein Gipfeli und stürze mich ins Getümmel der Reisenden. Nicht immer ganz einfach, sich einen Weg in den vordersten Sektor zu bahnen. Da wird ge’ellbögelt und giftige Blicke ausgetauscht. Am Abend die ganze Geschichte in umgekehrter Fahrtrichtung. Wenn man abends um 6 Uhr gegen den Menschenstrom im HB schwimmt, dann setzt sich auch der entspannteste Mensch mit seinen Aggressionen auseinander.

Beruhigen kann einem in diesem Moment nur noch eine Bratwurst aus einer der verschiedenen Imbissbuden in der Halle. Dort trifft man mit Sicherheit auch auf die alte Frau mit ihrem Rollstuhl. Wie jeden Tag steht sie in der alten Bahnhofshalle und betet für die Reisenden. Diese danken es ihr kaum, sind sie doch alle beschäftigt mit ihrem eigenen Päckli. Mit Rollkoffern und Rucksäcken. Mit Aktentaschen und Papiertüten. Am HB treffen Luxusreisende auf Backpacker, Bürogummis auf Punks, Hausfrauen auf Emos. Und jeder hat einen Grund, warum er hier ist. Denn der HB ist für alle da und genau darum mein Lieblingsplatz in Zürich. Weil er für jeden Platz hat. Weil er tolerant ist. Weil er die Menschen nimmt, wie sie sind.

Lieblingsplätze


In der Serie "Lieblingsplätze" präsentiert Tink.ch in loser Reihenfolge besondere Orte in allen grösseren Schweizer Städten, ausgewählt von unseren Reporterinnen und Reportern. Hast auch du einen Lieblingsplatz, den du hier gerne vorstellen möchtest? Dann melde dich bei lena.tichy@tink.ch